06. November 2010

Mobbing in der Schule Ursachen und Auswege

Klassenrüpel als ungewollte Folge der Obsession mit Bildung

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Gerade eben hat die Entwicklungsabteilung der Vereinten Nationen einen viel diskutierten Entwicklungsindex veröffentlicht. Die Bundesrepublik schneidet mit einem 10. Platz ab. Steffen Hentrich vom Liberalen Institut weist darauf hin, dass ein ranglistenrelevanter Faktor die Dauer der Schulzeit ist. Im Gegensatz etwa zur Schweiz auf dem 13. Rang beträgt die durchschnittliche Dauer der Beschulung in Deutschland 12,2 zu 10,3 Jahre, was sich positiv auf das bundesdeutsche Ranking auswirkt, da längere Schulzeiten eine bessere Plazierung zur Folge haben. Richtig interpretiert sind längere Schulzeiten jedoch kein Ausdruck von Lebensqualität, sondern belegen vor Allem ein ineffizientes Bildungssystem.

Denkt man an die vielen Schüler, die dauerndem Mobbing an Schulen ausgesetzt sind, ist es geradezu zynisch, von einer höheren Lebensqualität zu sprechen. Der Befund ist uneinheitlich, doch steht wohl fest, dass an bestimmten Schultypen, nämlich Sonder-, Haupt- und Gesamtschulen mit sozial problematischem Einzugsgebiet, das Mobbing in den letzten Jahren zugenommen hat. Für die Opfer von Mobbing bedeuten längere Schulzeiten eine Verlängerung der Leidenszeit. Wer für Ganztagsschulen plädiert oder etwa die neunjährigen Hauptschulen zugunsten von zehnjährigen Realschulen abschaffen will, sollte sich bewusst sein, dass er implizit dafür eintritt, den Tätern mehr Gelegenheiten gibt, ihre Opfer zu peinigen.

Dabei ist in Erinnerung zu behalten, dass Mobbing kein Kavaliersdelikt ist. Der Begriff des Mobbings umfasst insbesondere die Ausübung von körperlicher Gewalt im eigentlichen Sinne. In der Regel ist diese zentral für Mobbing und wird begleitet von anderen Formen anstößigen Verhaltens, wie etwa Beleidigungen. Voraussetzung ist immer die Ausnutzung eines Machtgefälles zwischen Täter und Opfer. Unter Mobbing fallen also auch Sachverhalte, die herkömmlich als Schlägerei bezeichnet wurden oder das Verhalten von Schülern, die man früher als Klassenrüpel bezeichnet hat.

Die Forschung über die Ursachen von Mobbing kann verschiedene Faktoren auf Täter- und Opferseite benennen. Täter stammen demnach häufiger aus Elternhäusern mit niedrigerem sozialem Status, in denen gewalttätiges Verhalten der Eltern nicht ausgeschlossen ist. Mobbing tritt häufiger an bestimmten Schultypen wie Hauptschulen oder Sonderschule auf. Mobbing tritt auch dort eher auf, wo ein autoritärer und restriktiver Unterrichtsstil gepflegt wird. Nicht zuletzt gilt als eine Ursache von Mobbing die unzureichende soziale Integration von Immigranten, die zu Tätern werden. Die Opfer dagegen sind häufig sozial isoliert, leiden unter höherer Ängstlichkeit oder an zu wenig Selbstvertrauen.

Selbstverständlich ist Mobbing als Problem erkannt worden. Gleichwohl bewegen sich die angebotenen Lösungsvorschläge in einem aus liberaler Sicht viel zu restriktiven Rahmen. Ein Ansatzpunkt ist die Förderung von Programmen zur Gewaltprävention an Schulen. Lehrern und Schulen werden Lehrpläne und Regelvorschläge verschiedenster Art angeboten, die gewalttätigem Verhalten vorbeugen sollen. Da die oben benannten Ursachen des Mobbings jedoch zu einem großen Teil auf schulexternen Ursachen beruhen, können schulinterne Regelungen Mobbing nicht erfolgreich verhindern. Gewalt im Elternhaus verschwindet nicht durch einen anderen Umgang der Schule mit den Tätern und bleibt somit als Ursache für Schulgewalt erhalten. Ebenso wenig lässt sich anderen erziehungsbedingten Defiziten an der Schule beikommen. In der Schule kann nicht nachgeholt oder kompensiert werden, was bei der Erziehung im Elternhaus versäumt wurde.

Vielmehr sollte darüber nachgedacht werden, die Schule selbst als Ursache des Mobbings zu begreifen. Das leuchtet ein, wenn man die Konsequenzen des Schulbesuchs untersucht. Denn es ist das unvermeidliche Merkmal der Beschulung, dass durch ihn erzwungene soziale Beziehungen zwischen den Schülern hergestellt werden. Kinder sind gezwungen, sich mit den anderen Mitgliedern des Klassenverbands und den Mitschülern der gleichen Schule in sozialer Weise zu arrangieren. Die durch die Beschulung geschaffenen sozialen Beziehungen leiden jedoch an einem charakteristischen Makel. Kein Schüler hat es in der Hand, die soziale Beziehung zu seinen Mitschülern abzubrechen. Dadurch wird Schülern unweigerlich die Möglichkeit genommen, nachteiligen sozialen Beziehungen auszuweichen.

Freiwillig ergibt sich niemand in soziale Beziehungen, die als nachteilig empfunden werden. Sobald die subjektiven Kosten einer sozialen Beziehung ihren Nutzen übersteigen, bricht man sie ab. So betrachtet bringen Freundschaften den größten Nutzen, weil sie von Anbeginn an freiwillig begründete Beziehungen sind. Anders ist es schon bei Familienbeziehungen, denen man in unterlegener Machtposition schwerer ausweichen kann. Kinder sind allein deshalb Opfer von familiärer Gewalt,  weil die Kosten des Ausweichens durch Auszug oder Flucht höher sind als Schläge von Vater oder Mutter zu ertragen. Eine nutzenbasierte Betrachtung erklärt wiederum, warum Mobbing am Arbeitsplatz nicht unbekannt ist. Die Kosten des Mobbings sind geringer als der Nutzen aus dem Erhalt der Anstellung. Andererseits erklärt sich auf analoge Weise das Interesse der Arbeitgeber erklären, das betriebliche Mobbing am Arbeitsplatz zu reduzieren. Denn am Arbeitsplatz hält nur fest, dessen Lohn das Arbeitsleid plus die mobbingbedingten Kosten übersteigt. Ein Arbeitgeber, der gegen Mobbing nichts unternimmt, muss über kurz oder lang die Kosten des Mobbings durch höhere Löhne kompensieren, um Kündigungen zu vermeiden.

Der Abbruch der sozialen Beziehung zum Mobber steht einem beschulten Kind indes nicht offen. Das gilt insbesondere im in der Bundesrepublik gebrauchten System der Zwangsbeschulung, gölte aber auch, wenn Eltern für ihre Kinder die freie Schulwahl ausüben könnten. Denn auch in diesem Fall werden die sozialen Beziehungen der Kinder fremdbestimmt und sind nicht unmittelbar durch das Kind selbst beendbar, sondern erst, indem das Kind seine Eltern überzeugt, dass es einen Schulwechsel braucht. Kann das Kind nicht selbst darüber befinden, so entspräche das der Situation, dass ein am Arbeitsplatz gemobbter Erwachsener von der Entscheidung eines Dritten abhängig ist, ob er seinen Arbeitsvertrag kündigen darf.

Es ist aus diesem Grunde leicht nachvollziehbar, warum nur wenige in der Schule begonnene soziale Beziehungen den Lauf der Zeiten überdauern. Andererseits halten Sandkastenfreundschaften, die außerhalb der Schule begründet wurden, nicht selten ein Leben lang. Zugegebenermaßen handelt es sich hier um einen eher anekdotischen, statistisch nicht abgesicherten Erklärungsversuch.

Vermeiden lässt sich Mobbing daher nur, wenn man Kindern die Hoheit über Begründung und Beendigung ihrer sozialen Beziehungen einräumt. Es ist überflüssig zu erwähnen, dass die aktuellen politischen Tendenzen den entgegengesetzten Weg weisen. Anstatt Kindern die Möglichkeit der Selbstbestimmung zu geben, wird ihnen im Namen der Bildung in immer stärkerem Umfang vorgeschrieben, wie sie ihr Leben zu leben haben. Die in allen politischen Kreisen wie auch bei vielen Eltern zu diagnostizierende Obsession mit Bildung als Allheilmittel gegen Arbeitslosigkeit und Integrationsverweigerung führt zu einer Verkleinerung des Kindern zur Verfügung stehenden Raumes, in dem sie sich selbst verwirklichen können. Kennzeichen dieser Entwicklung sind die politisch propagierte Ganztagsschule oder auch die große Zahl überfürsorglicher Eltern, die ihren Kindern den bestmöglichen Start in ein erfolgreiches Berufsleben ermöglichen wollen, indem sie sie etwa in Nachmittagsklassen zur musikalischen Früherziehung stecken, ohne die wahren Wünsche ihrer Kinder zu erforschen.

Die Bevormundung des Kindes, die notorische Besserwisserei ihrer Eltern und die systematische Ignoranz gegenüber dem Interesse des Kindes in Unterscheidung zum Interesse seiner Eltern hat ebenfalls zur Folge, dass das Kind erst spät – wenn überhaupt – in die glückliche Lage versetzt wird, aus fehlerhaften eigenen Entscheidungen einen positiven Lernerfolg zu ziehen. Zur Unselbständigkeit erzogene Kinder bilden eine in früheren Jahren unbekannte Klasse, die Klasse der Heranwachsenden. Sie wird gebildet aus körperlich ausgereiften Menschen, deren verstandesmäßige Entwicklung auf kindlichem Niveau verblieben ist. Es liegt auf der Hand, dass der fürsorgende Wohlfahrtsstaat ein großes Interesse an der Schaffung einer Klasse von Menschen hat, die seine Existenz und seine Programme rechtfertigen.

Im Interesse der Kinder, die erwachsen werden wollen, sollten Eltern es sich zur Gewohnheit machen, Kinder ihre eigenen Entscheidungen im Kleinen wie im Großen treffen zu lassen. Der Raum, der Kindern verbleibt, ist schmal genug und allemal geringer als der, der ihren Eltern zur Verfügung steht. Gerade Eltern, die sich des Werts der Freiheit, der Möglichkeit zu freier Entscheidung bewusst sind, sollten erkennen, wie wertvoll Entscheidungsfreiheit auch für Kinder ist.

Quellen


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