15. November 2010

Integration Islam light

Abdel-Samad und der Untergang des Morgenlands

Nicht der Islam ist das Problem, unter welchem Deutschland wie auch andere Länder des Westens leiden. „Sarrazin hat trotzdem recht“, schreibt Lichtschlag in seinem Büchlein „Feindbild Muslim“. „Viele real existierende Einwanderer in Deutschland wie in der Schweiz – und mehr noch in Frankreich oder Belgien – sind ein großes Problem. Der Anteil des ‚Prekariats’ unter den Türken und vor allem Arabern ist insbesondere in Berlin augenfällig höher als unter den ‚Einheimischen’. Doch das ist ein durch Einwanderungspolitik und Sozialstaatlichkeit hervorgerufenes Übel,(…) weniger eines der Religion.“

Mit Religion hätten die französischen Probleme mit den Arabern und die deutschen Probleme mit den Türken nicht viel zu tun, macht Lichtschlag mit einem Blick auf die amerikanischen Verhältnisse deutlich: „Fragen wir einen weißen, durchschnittlichen US-Amerikaner, stoßen wir auf einen irritierenden Hinweis. Auch in den USA nämlich ist diesseits politisch korrekten Flüstertons eine Bevölkerungsgruppe ähnlich unbeliebt, weil sie weit mehr als andere bezuschusst und systematisch bereits in der Schule sowie zunehmend auch durch Sondergesetze am Arbeitsplatz bevorzugt wird und gleichzeitig weit überdurchschnittlich die dort etwas kleinere soziale Hängematte in Beschlag hält. Auch sie scheffelte weidlich die Zuchtprämien und erhöhte fauststark und messerscharf die Kriminalitätsrate. Auch der weiße US-Amerikaner lernt dabei von klein auf, für die Seinen am zivilreligiösen Schamaltar Buße zu tun. Allerdings sind die Türken Amerikas nicht nur schwarzhaarig, sondern auch in kräftigeren Tönen dunkelhäutig. Und sie sind meist Christen, keine Moslems.“

Der 1972 in einem Fellachendorf bei Gizeh in Ägypten als Sohn eines strenggläubigen Imams geborene Politikwissenschaftler, Historiker und Autor Hamed Abdel-Samad hält Religion im Gegensatz zu Lichtschlag sehr wohl für ein Problem. Samad ist ein Star der Integrations- und Islamdebatte, der auch sehr fernsehtauglich ist. Für das Nachtprogramm der ARD ist Hamed Abdel-Samad jüngst mit dem Provokateur und Publizisten Henryk M. Broder und dessen Foxterrier-Dame Wilma auf „Deutschland-Safari“ gefahren. Während viele Menschen im Westen große Furcht vor einem Erstarken des Islam haben, sagt der smarte Samad, der 1995 im Alter von 23 Jahren nach Deutschland kam, den Untergang der islamischen Welt voraus.

Samad hat lange gebraucht, um sich von den autoritär-totalitären Zügen seiner Religion zu befreien, wie sie in weiten Teilen der arabischen Welt gelebt und gelehrt wird. Schon als Kleinkind konnte er den Koran rezitieren, als Vier- und Elfjähriger wurde er von Männern vergewaltigt, als Student sympathisierte er mit der Muslimbruderschaft, um sich schließlich als selbstmordgefährdeter junger Mann einer stationären psychiatrischen Behandlung zu unterziehen.

Weil der Islam keine Antworten finde auf die Herausforderungen der Moderne und weil er keine zukunftsfähigen Konzepte für Politik und Wirtschaft liefere, sei er zum Scheitern verurteilt, so die Überzeugung Samads. Überdies gingen in rund 30 Jahren die Ölvorräte zur Neige, was die ökonomischen Grundlagen des Islam bedrohe. Der Publizist Walter Laqueur hat unlängst Zweifel an den Thesen angemeldet, die Samad in seinem neuen Buch aufstellt. So sei beispielsweise das Niveau an iranischen Schulen und Universitäten vielleicht niedrig, dennoch könne das Mullah-Regime bald die Atombombe besitzen, und schon allein aus diesem Grund dem politischen Islam eine neue Wucht verleihen.

Es ist zwar ein Faktum, dass die zwölf Staaten, die international den niedrigsten Bildungsstand aufweisen, Gesellschaften mit einer muslimischen Mehrheit sind. Doch aus dieser Tatsache lassen sich zwei Prognosen ableiten. Samad schreibt in „Der Untergang der islamischen Welt“, dass dieser Bildungsnotstand dazu führe, dass ein Teil dieser islamisch geprägten Gesellschaften zerbrechen und sich Flüchtlingsströme in die westliche Welt ergießen werden. Laqueur hingegen sagt, dass der Fanatismus unter Ungebildeten und Halbgebildeten stärker sei als unter gebildeten Skeptikern: „Die Konsequenzen daraus sind klar: Wir werden länger mit dem islamischen Extremismus zu tun haben, als uns lieb ist. Gottes Mühlen mahlen langsam, aber auch die der eingebildeten Propheten.“

Samad hält die Tendenzen zur Re-Islamisierung zum Beispiel unter Migranten für kein Zeichen von Stärke, sondern von Schwäche. Viele Muslime schotteten sich ab und zeigten sich permanent beleidigt: „Jetzt sitzt die islamische Welt neben dem Gleis, wirft dem Zug Steine hinterher und flucht auf den Lokführer, weil er angeblich an allem Schuld ist.“

Samad, der Religion für eine Privatangelegenheit hält, hofft auf eine Modernisierung des Islam. Dieser „Islam light“ sei aufgeklärt, verzichtet auf Scharia, Dschihad, Geschlechter-Apartheid, Missionierung und Anspruchsmentalität.

Er selbst äußert sich positiv zum Schweizer Minarettverbot, das er als einen Ausdruck sieht von Sorgen und Ängsten, die nicht in einem luftleeren Raum entstanden sind. Die Burka bezeichnet er als eine Kommunikationsstrategie nach dem Motto „Ich will abgetrennt leben. Ich will mit Euch nichts zu tun haben“. Der Bau repräsentativer Moscheen könne höchstens den Anfang einer gelungenen Integration markieren, nicht deren Ende.


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