19. November 2010

Deutscher Feminismus Grass als Prophet

Sind Frauen die besseren Männer?

Der Streit zwischen Bundesfamilienministerin Kristina Schröder und Alice Schwarzer hat endlich offenbar gemacht, was jedem Beobachter der Emanzipationsbewegung ohnehin schon lange klar war: Es hat eine Änderung der Agenda und vor allem des Vorgehens gegeben. Während Alice Schwarzer in engagierter Erregung, gewissermaßen also noch mit offenem Visier kämpfte, sind heute aalglatte Bürokratinnen am Werk. Frau Schwarzer war anstrengender, aber Letztere dürften gefährlicher sein. So betrachtet ist Alice Schwarzer fast schon ein liebenswertes Fossil. Erinnern wir uns: Seit 1971 waren sie und Simone de Beauvoir Weggefährtinnen im Kampf für den Feminismus. Natürlich haben diese beiden Frauen die sogenannte Frauenbewegung nicht geschaffen, aber zu ihrer Zeit doch so wesentlich mitbestimmt und angetrieben, bis sie schließlich gegen die Absurditäten des heutigen Gender Mainstreaming, also des ideologischen, institutionalisierten und mithin bürokratischen Feminismus nicht gefeit war.

1977 erschien "Der Butt", ein Roman von Günter Grass, der vom durch den Maler Philipp Otto Runge aufgezeichneten niederdeutschen Märchen "Vom Fischer und syner Fru" angeregt und insofern selber eigentlich ein großes Märchen ist. Grass hat schon seit 1972 an dem Text gearbeitet, der die Geschichte der Menschheit von der Steinzeit bis zur Gegenwart quasi-feministisch ausdeutet. Er kann daher auch als ein historischer Roman bezeichnet werden. Der Butt ist im Roman eine Art "Motor der männlich definierten Geschichte", ein "Weltgeist der Männersache", wie Claudia Mayer und Volker Neuhaus in ihrem Nachwort zum "Butt" der Luchterhand-Werkausgabe schreiben. Über den Butt sitzen nun die Frauen zu Gericht – das Tribunal heißt bei Grass darum auch treffend Feminal. Nicht wie im Originalmärchen ist es die Frau, die mit dem Leben im Pisspott unzufrieden ist und unersättlich ihren Mann mit immer neuen Wünschen nach größerem Reichtum letztlich ins Unglück stürzt, sondern der Mann bringt mit seinem Fortschrittswahn die Menschheit an den Rand der Apokalypse. Der Butt resigniert am Ende des Feminals und kündigt seinen "Beratervertrag" mit den Männern.

Seinen Höhepunkt erreicht das in die neun Monate der Schwangerschaft unterteilte Werk mit dem Achten Monat, einer in den 1970er Jahren spielenden Erzählung namens "Vatertag". Grass gelingt hier eine beklemmende Beschreibung der vor allem damals extrem verkrampften und verbissenen, ja verbiesterten Gleichberechtigungsdebatte und eine, wie wir heute wissen, visionäre Schau auf das, was aus dieser Debatte entspringen sollte. Er "erzählt die Fortsetzung und Perfektion des männlich beschlossenen Wahnsinns und impliziert zugleich die Warnung an die Frauen vor der Adaption männlichen Verhaltens". Grass sieht die Gefahr, "dass die Emanzipationsbewegung darauf hinauslaufen könnte, männliche Verhaltensweise ohne die notwendige Veränderung des herrschenden Macht- und Moralverständnisses zu übernehmen, so dass es bei gleicher Machtausübung keinen qualitativen Unterschied macht, welches der Geschlechter die Macht ausübt." Die Frauen wiederholen die Fehler der Männer gesteigert.

Ein Hauptübel des deutschen Feminismus wird hier schon sehr früh von Grass entlarvt, dass nämlich die deutschen "Emanzen" nicht etwa selbstbewusstere, freiere, aktivere, erfolgreichere Frauen sein wollen, sondern die besseren Männer. Die Behauptung sei gewagt, dass es sich hier um eine deutsche Spezialität handelt, zu der sich kaum eine emanzipierte Frau aus einem anderen Land herablassen würde. Da die Deutschen im Ruf stehen, gewissenhaft bis zur Perfektion zu sein, leider auch in ihren Fehlern, steht vom bürokratischen Feminismus deutscher Prägung nicht viel Erfreuliches zu gewärtigen: Traurige Übertreibungen werden daher künftig auch vom Bundesverfassungsgericht zu erwarten sein.


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