25. November 2010

Exzellenz als Fake Die deutsche Universität ist am Ende

Die Wissenschaft ist zum Service-Center der Politik verkommen

Der Medienwissenschaftler Norbert Bolz hat jüngst in einem Beitrag auf „Focus-Online“ mit dem Titel "Unsere Universitäten sind zerstört" eine harsche Kritik der heutigen Universitätspolitik geübt, die an diejenige des Soziologen Richard Münch anschließt, die dieser schon in Büchern sowie, populärer, in einem Artikel unter dem Titel "Akademischer Kapitalismus" in der „Zeit“ vom 27.09.2007 veröffentlicht hatte.

Die Humboldtsche Universität, die die deutsche Wissenschaft an die Weltspitze geführt hat, ist am Ende. Sie ist zum reinen Dienstleister degradiert worden, meint Bolz. Er führt als Ursachen zwei "gut gemeinte Utopien" an: einmal die "Demokratisierung von Lehre und Forschung durch Mitbestimmung und Gruppenuniversität". Auf der Studentenseite habe das resultierende Anspruchsdenken zu Mittelmäßigkeit und Verlogenheit geführt, ein Studium aber sei eine "geistesaristokratische Angelegenheit". Die bürokratisch aufgeblähte universitäre Selbstverwaltung wiederum habe die Dekanate zu willfährigen "Service-Centern" der Politik gemacht.

Die zweite Utopie ist die mit dem Namen "Bologna" verbundene "europanormierte Technisierung von Lehre und Forschung", eine "Verstaatlichung des Geistes". Hier trifft sich die Kritik von Bolz mit der von Münch. Die "Universität verwandelt sich immer deutlicher in eine Welt der Drittmittel und der Gefälligkeitsgutachten", die "Verschulung" greift immer mehr um sich, Berufsausbildung siegt über die Bildung. Die politische Rhetorik nennt das "Exzellenz", weil das gut klingt und europanormiert einfach besser sein muss. Zu den Gewinnern dieses Prozesses zählt Bolz die Verwaltung, dann Professoren und Studenten, die sich jeweils bequem nur noch als Anbieter und Kunden sähen sowie vor allem die "politisch Korrekten", die "den Politikern erfolgreich eingeredet" haben, "Universitäten seien pluralistische Institutionen, die nach Proporz und Quote besetzt werden müssten". Bei den Berufungen wiege "die ideologische Färbung eines Bewerbers viel schwerer als seine Qualität". Dies habe u. a. zur Quotenfrau geführt, "die stolz auf sich" sei. Sprachhygiene, Moralismus, Sozialkitsch und pervertierte Toleranz – alle politisch gewünscht – würden sich verstärkt auch auf die Wissenschaft auswirken. Bolz sieht eine Lösung: Erst wenn echte Chancengleichheit die qualitativen Unterschiede der Bewerber zum Studium und zu den Lehrstühlen wieder deutlich machen würde, wenn nach Qualität und also scharf selektiert würde, könnte eine Verbesserung der desolaten Situation erreicht werden.

Zur Illustration der solchermaßen erreichten Verstaatlichung des Geistes sei ein konkretes Beispiel angeführt. An der Goethe-Universität Frankfurt am Main gibt es eine "Stadtgespräch" genannte Veranstaltungsreihe des Exzellenzclusters „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ in Zusammenarbeit mit dem Frankfurter Kunstverein. Das neudeutsche Wortungetüm „Exzellenzcluster“ zeigt schon deutlich, dass Universitäten heute Unternehmen sind und weist auch in eine ganz bestimmte Richtung: Es handelt sich um eine im Rahmen der sogenannten Exzellenzinitiative des Bundes politisch erwünschte und also finanziell stark geförderte Veranstaltungsreihe. Nicht umsonst steht auf dem Internetauftritt des Veranstalters „Funded by DFG“ (Deutsche Forschungsgemeinschaft). Beteiligt sind ferner die HSFK (Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung), die Max-Planck-Gesellschaft, das IfS (Institut für Sozialforschung), das Frobenius-Institut und Point Sud, ein Center for Research on Local Knowledge, selber finanziert von der DFG, der Goethe-Universität, dem Exzellenzcluster Normative Orders und der Volkswagen-Stiftung. Eine Ansammlung unterschiedlichster wissenschaftlicher Einrichtungen, die dem Laien Respekt abnötigen, ihn durchaus auch erschlagen und mundtot machen sollen. Der Kenner der Szene weiß aber, dass hier weniger Wissen als Geld akkumuliert wird, weil es mit der wissenschaftlichen Kooperation von künstlich und in panischer Eile unter einem schicken Namen zusammengeschusterten Instituten in der Praxis hapert und weil es im Zeitalter des "akademischen Kapitalismus" (Richard Münch) vor allem auf die nackte Addition von möglichst hohen Summen von Forschungsgeldern ankommt, um im Universitätsranking punkten zu können. Ein Cluster zur Untersuchung normativer Ordnung hat bei der Antragstellung natürlich gute Chancen, weil es um ein Forschungsfeld geht, das "gebraucht" wird, einen unmittelbar verwertbaren "Zweck" hat. Anders ausgedrückt: Diese Gelder bekommt nur dasjenige, was politisch „passt“.

In der offiziellen Ankündigung des Exzellenzclusters zum als Beispiel dienenden Stadtgespräch hieß es, leicht verkürzt wiedergegeben: Ausgehend von der Vielfalt an kulturellen und religiösen Standpunkten in modernen Gesellschaften, speziell der Vielfalt der Frankfurter Bürgerinnen und Bürger, stelle sich die Frage nach dem Umgang mit der Differenz. Im Zentrum stehe die Frage, was wir eigentlich unter Toleranz verstehen. Anerkennung? Duldung? Oder doch am Ende nur Anpassung? – Das „nur“ ist nun äußerst verräterisch. Wie bei einer öffentlich geförderten Veranstaltung zu Fragen der Toleranz in Deutschland nicht anders zu erwarten, soll natürlich keinerlei Anpassung von kulturell und religiös differenten Leuten an deutsche Gepflogenheiten erwartet werden. Im Grunde konnte man sich den Besuch dieses Stadtgesprächs nach Lektüre der Ankündigung schon ersparen. Vorsichtig gesprochen handelte es sich nämlich um ein Marketing für politisch korrekte Meinungen. Dem Zeitgeist entsprechend ist das Ganze wissenschaftlich verbrämt, um durch eine Quasi-Objektivität unangreifbar zu sein. Früher hätte man Propaganda dazu gesagt.

Es lohnt hier nicht, den absehbaren Ablauf des Gesprächs nachzuzeichnen. Gleich zu Anfang gab ein "Scientific Manager" genannter Gesprächsleiter eine Parole aus, die in ihrer Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließ. Als nämlich das muslimische Kopftuch zur Sprache kam, wurden zwei Meinungen von vorneherein von der Diskussion ausgeschlossen. Einmal die der „radikalen“ Feministinnen, die das Kopftuch als Symbol der Unterdrückung der Frau sähen und daher ablehnten, und die der Linken, die aus Gründen der Ablehnung religiös motivierter Überzeugungen dieselben Konsequenzen zögen. Man mag von den Feministinnen und Linken halten, was man will: Die sich wissenschaftlich und tolerant gebärdende Veranstaltung verteilte jedenfalls unverblümt Maulkörbe, ohne dass sich bei den Teilnehmern Widerspruch regte.

Nun ist die Humboldtsche Universität – Bolz und Münch haben wohl recht – am Ende. Die „Idee der Bildung durch Wissenschaft, des forschenden Lernens und lehrenden Forschens in Einsamkeit und Freiheit“ (Helmut Schelksy nach Humboldt) ist abgelöst von den für praktische Zwecke instrumentalisierten Kulturwissenschaften. Betriebswirtschaftlich geschulte Dienstleister, als die heutige Wissenschaftler zu sehen sind, bedienen praktisch nützliche und ökonomisch verwertbare Forschungsgebiete. Die gewünschten Ergebnisse dieser Forschung sollen dann von "Scientific Managern" popularisiert werden. Im vorliegenden Beispiel soll die deutsche Gesellschaft durch ein Exzellenzcluster gelehrt werden, dass allen (besonders aber den Muslimen als der differentesten, größten und am aggressivsten fordernden Minderheit) alles erlaubt sein soll und man noch vor dem archaischsten Unsinn Respekt haben muss, weil das politisch-pragmatisch so gefordert wird. Es kann ja sein, dass auch freie Forschung zum Ergebnis käme, dass Anerkennung von und Respekt vor jedweder kultureller und religiöser Differenz tatsächlich auch langfristig nicht zum Auseinanderdriften von Gesellschaften führt. Aber die versteckte Auftragsforschung der neuen deutschen Universität SOLL zu diesem Ergebnis kommen.

Skandalös ist neben dem propagandistischen Gepräge und der ideologischen Intoleranz nicht zuletzt die Tatsache der öffentlichen Finanzierung solcher Aktivitäten, mit denen sich die pseudowissenschaftlichen Riesenbabys namens Exzellenzcluster eine Existenzberechtigung zu verschaffen versuchen. Dass sich Wissenschaftler dafür finden, ist durch die erfolgreiche Selektion entsprechend disponierter Persönlichkeiten in solche universitären Positionen zu erklären: Jedes System findet die zu ihm passenden Leute. Man kann nicht einmal sagen, dass sie sich „dafür hergeben“, nein, sie tun es gerne, weil sie gar keinen Widerspruch zur Wissenschaft, wie sie diese verstehen, mehr sehen. Die wissenschaftliche Verbrämung dieser politischen Propaganda aber könnte man sich sparen – wo Wissenschaft nicht mehr unabhängig ist, kann sie auch nicht mehr zur objektiven Begründung politischer Vorgaben, zur intellektuellen Grundierung politischer Absichten verwendet werden. Sie verdoppelt nur, was politisch ohnehin gewollt ist. Sie ist tatsächlich ein Service-Center der Politik geworden.

Internet:

„Focus“: Unsere Universitäten sind zerstört

„Die Zeit“: Akademischer Kapitalismus


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