Gérard Bökenkamp

Jahrgang 1980, Historiker und Publizist.

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Merkantilismus und Neomerkantilismus: Ein Juliusturm voll Altpapier

von Gérard Bökenkamp

Exportüberschüsse im Zeitalter des Fiat-Money

20. Dezember 2010

Was internationale Handelsbeziehungen angeht, hat sich im Denken von Politikern und Öffentlichkeit weitgehend eine Form von Vulgärmerkantilismus durchgesetzt. Der Merkantilismus ging davon aus, dass es gut für einen Staat sei, mehr Güter auszuführen als einzuführen, also den Export zu fördern und den Import zu erschweren. Die Chinesen bemühen sich, durch Devisenbewirtschaftung und Preiskontrollen möglichst viele Güter etwa in die USA zu exportieren und möglichst wenige Güter hineinzulassen. Im Zuge dieser Währungs- und Handelspolitik haben sie sich 2 Billionen Dollar ins Depot gelegt.

Der politische Kampf um die Exportüberschüsse ist voll entbrannt. Die Debatten über Schutzzölle, Wechselkurse, und Exportquoten beherrscht die globalen Wirtschaftsgipfel. Vor den Neomerkantilisten unserer Zeit in Peking, Brüssel, Tokyo und Washington muss man die alten Merkantilisten in der Zeit des Absolutismus allerdings in Schutz nehmen. Die alten Merkantilisten des 18. und 17. Jahrhunderts hatten im Rahmen der geopolitischen Gegebenheitern ihrer historischen Epoche nachvollziehbare Gründe für ihre Position. Die geopolitische Logik des alten Merkantilismus ergab sich aus zwei gewichtigen Umständen: Zum einen wurde damals mit Gold und Silber bezahlt, und zum anderen befanden sich die Staaten ständig in irgendwelchen militärischen Auseinandersetzungen. Diese zwei Elemente, Edelmetallstandard und permanente militärische Konflikte, machen das Denken der Merkantilisten verständlich. Das Fehlen dieser Zwei Kernelemente zwischen den großen Wirtschaftsnationen dieser Welt lässt den Neomerkantilismus bei genauerem Hinsehen als vollkommen absurd erscheinen.

Mehr Güter auszuführen als einzuführen hatte im 18. Jahrhundert damals die Konsequenz, dass mehr Gold und Silber in das Land hineinfloss als aus dem Land wieder hinausfloss. So konnten bei strikter Sparsamkeit die königlichen Schatzkammern gefüllt werden. Gerade Preußens Finanzpolitik war unter Friedrich Wilhelm I und Friedrich II. darauf ausgerichtet, einen Staatsschatz aufzubauen. Zwar wäre eine solche Politik langfristig ökonomisch unsinnig. Ein „ewiger“ Exportüberschuss, der niemals eingelöst wird, ist eine Absurdität. Wenn man keine Waren einführen will, dann braucht man auch keine Waren ausführen. Im Extremfall konnte Export ohne Import dazu führen, dass ein Staat auf einem riesigen Goldberg sitzt und damit eigentlich nichts mehr anfangen kann, weil niemand anders mehr dieses Edelmetall als Tauschmittel verwendet. Ewiges Horten von Goldschätzen wäre eine Marotte, aber keine vernünftige Wirtschaftspolitik. Im 18. Jahrhundert gab es jedoch einen Ausgleichsmechanismus, der in der Regel das Handelsgleichgewicht mittelfristig wieder ausgleichen konnte. Dieser Ausgleichmechanismus war der Krieg. In Kriegszeiten konnte durch einen in Friedenszeiten aufgehäuften Goldschatz mehr importiert als exportiert und somit die Versorgung der Truppen sichergestellt werden. Im europäischen Mächtesystem der Militärmonarchien des 18. Jahrhunderts war es deshalb sinnvoll, einen Goldschatz zu besitzen, weil jederzeit ein bewaffneter Konflikt ausbrechen konnte.

In den Jahren des Krieges konnten mit dem Kriegsschatz Güter und Dienstleistungen im Ausland eingekauft, Sold und Ausrüstung bezahlt werden. Da man innerhalb eines Jahrzehnts mit großer Sicherheit mit mindestens einem militärischen Konflikt rechnen konnte und Kriege schon damals mit enormen Kosten verbunden waren, konnte man mit dem Abfluss von Gold im Krieg als fester ökonomischer Größe kalkulieren. Der Feldherr musste im Krieg die Uniformen schneidern lassen, die Kanonen gießen und die Lebensmittel einkaufen. In kurzer Zeit wurden die Goldreserven verbraucht. Viele Kriege wurden durch Staatsbankrott einer oder mehrerer Parteien beendet. Wer die größeren Reserven hatte, hatte oft den längeren Atem und ging siegreich aus dem Konflikt hervor. Ein siegreicher Krieg bedeutete damals in der Regel, dass eine Provinz den Besitzer wechselte, die dem neuen Besitzer wiederum dauerhaft höhere Einnahmen versprach.

Zwei wesentliche Veränderungen machen den Merkantilismus in unserer Zeit zu einem wirtschaftspolitischen Anachronismus: Die Erfindung der Atombombe und die Einführung des Papiergeldes. Da über den Besitz einer pulverisierten und verstrahlten Provinz zu streiten, nicht besonders sinnvoll erscheint, hat die Bedeutung des zwischenstaatlichen Konflikts im Vergleich zur Epoche der Kabinettskriege im Zeitalter der Nuklearwaffen deutlich abgenommen. Schon die konventionellen Massenkriege des 20. Jahrhunderts zeigten, dass man als Sieger nach einem Krieg, der die Welt in Schutt und Asche legt, nicht unbedingt viel besser dasteht als der Besiegte. Was jedoch noch früher und stärker die ökonomische Logik des Merkantilismus außer Kraft setzte, das war das Ende der Goldwährung und der Beginn des Papiergeldzeitalters. Es ging den Monarchen des 18. Jahrhunderts nicht um die Handelsstatistik an sich, sondern um Gold, Armee und Land. Gold wurde eingeführt, um die Armee im Kriegsfall zu unterhalten und um Land zu erobern. Man stelle sich einmal den Spandauer Juliusturm, in dem traditionell der preußische Kriegsschatz gelagert wurde, gefüllt mit Dollarnoten vor. Einen Kriegsschatz in Papiergeld anzulegen, hätte es ohne Zweifel verdient, in die Best-Offs der ökonomischen Schildbürgerstreiche aufgenommen zu werden. Wer über funktionsfähige Druckmaschinen verfügt, benötigt keinen Kriegsschatz.

Die Kriegsschätze des 18. Jahrhunderts erfüllten deshalb ihren Zweck, da Gold und Silber auch in Kriegszeiten allgemein akzeptiertes Zahlungsmittel waren. Auf den Schlachtfeldern mochten sich Regimenter auflösen, Festungen zu Ruinen geschossen werden oder ganze Flotten versenkt, gegen bare (Gold-) Münze konnten die kämpfenden Mächte Uniformen, Kanonen und Proviant kaufen, solange der Schatzschatz reichte. Wenn der Staatsschatz aufgebraucht war, gab es nur zwei Möglichkeiten. Man musste die Dienste der Bankiers in Anspruch nehmen oder man begann mit Geldfälscherei im klassischen Sinne, also der Verschlechterung der Münzen. Das tat zum Beispiel Friedrich der Große im Siebenjährigen Krieg, als er in großem Umfang Falschmünzen prägen ließ. In einer Situation, in der man Geld einfach drucken kann, braucht man weder verschlechterte Goldmünzen noch einen Kriegsschatz. Noch bevor der erste Schuss fällt, arbeiten schon die Gelddruckmaschinen bei Tag und bei Nacht. Spätestens mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges und der Aufhebung des Goldstandards zeigte sich, dass es zwecklos war, sich einen Kriegsschatz anzulegen. Im Papiergeldzeitalter benötigt man deshalb auch keine Exportüberschüsse, um Währungsreserven aufzubauen. Genauso gut könnte man sich Altpapier ins Depot legen – im Kriegsfall würde einem das auch nicht weiterhelfen.

Das geopolitische Argument für einen Kriegsschatz, der im Zeitalter der Goldwährung nur durch einen Exportüberschuss erwirtschaftet werden konnte, um ihn in Kriegszeiten aufbrauchen zu können, um seine Truppen mit Importen zu versorgen, fällt im Papiergeldzeitalter gänzlich weg. Der Kult um den Exportüberschuss ist ein Relikt einer vergangenen Epoche, in der der Besitz von Geld tatsächlich noch mit langfristiger Kaufkraft gleichgesetzt werden konnte.

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