20. Januar 2011

Achtundsechziger Rainer Langhans, Imelda Marcos und das Dschungelcamp

Abgesang auf eine sozial reduzierte Gesellschaft

Was ist bloß aus den Achtundsechzigern geworden, jener sozialistischen Vorhut, die sich anschickte, Friede und Freude zuerst über Deutschland und dann über die ganze Welt zu bringen? Die revolutionären Vordenker und einstigen Ikonen der Bewegung haben entweder vorzeitig das Zeitliche gesegnet oder sich aus der Sicht des Fußvolks auf Abwege begeben: RAF-Rechtsanwalt Horst Mahler und SDS-Superstar Bernd Rabehl haben ihrer sozialistischen Weltanschauung ein nationales Vorzeichen verpasst und sich somit scheinbar um 180 Grad gewendet, der ehemalige Putzgruppenführer Joschka Fischer hat dem Appell der „Deutsch-Amerikanischen Freundschaft“ im Jahre 1998 entsprochen und Deutschland das erste Mal seit dem Nationalsozialismus wieder „ein bisschen Krieg“ gegönnt, der kinderliebe Sponti Daniel Cohn-Bendit sitzt nun als Lobbyist des öko-industriellen Komplexes im Parlament der Union der Europäischen Räterepubliken, der furchtbare Jurist und „taz“-Pate Hans-Christian Ströbele kämpft gegen eine undeutsche Imbisskultur in Kreuzberg, und der Ur-Kommunarde Rainer Langhans kollaboriert mit dem kapitalistischen Fernsehschweinesystem.

Und das Fußvolk der Achtundsechziger? Der Marsch durch die Institutionen hat die linken APO-Veteranen und deren Zöglinge in die lukrativen wie bürokratischen Politik-Zuliefererindustrien des Sozial-, Bildungs- und Umweltwesens gespült. Sie machen mittlerweile über zwanzig Prozent der bundesdeutschen Erwerbsbevölkerung aus, haben viel zu verlieren und wählen daher bevorzugt die grüne Partei der Besitzstandswahrer. Die ehemaligen Bürger- und Arbeiterparteien CDU und SPD bluten dagegen aus, da die wenigen Bürgerlichen und Arbeiter, die diesen Namen noch verdienen, inzwischen keine Muße mehr haben, sich neben Broterwerb und Familie auch noch um Politik scheren zu können. Zudem steht den arbeitslosen Verlierern der Gesellschaft mit der Linkspartei eine noch glaubwürdigere Alternative zur Verfügung, wenn es darum geht, die Werktätigen auszunehmen und die Beute den geistigen und materiellen Habenichtsen zuzuschanzen. Die Liberallalas von der FDP wiederum haben es versäumt, sich als glaubwürdige Lobbygruppe der echten Werktätigen, der Macher und Malocher, zu profilieren.

Es gibt also kaum Persönlichkeiten, zu denen ein aufrechter Vertreter der Achtundsechziger heute noch aufschauen kann. Da ist die sich in zahllosen Hass-Mails ausgedrückte Empörung nur verständlich, wenn sich nun die WG-Ikone Rainer Langhans für schnöden Mammon (50.000 Euro) dem Unterschichtenfernsehen feilbietet und im Urwald-Lager vegetarisch inkorrekt auf unschuldige Insekten losgelassen wird.

Dabei gibt es kaum einen glaubwürdigeren Vertreter der Achtundsechziger als Rainer Langhans: Sein Credo, dass „das Private auch Politisch“ sein müsse, hat der Ur-Kommunarde schon seit Anbeginn in die Tat umgesetzt: Bereits in der „Kommune 1“ wurde das Privatleben der Genossen lücken- und hüllenlos über die „Bild“-Zeitung in die Öffentlichkeit getragen. Seit ein paar Jahren lebt der umweltbewusste und spartanisch-veganisch lebende Langhans mit sechs kinderlos ergrauten Haremsdamen in einer kleinen Münchner Absteige und lässt sein Leben als zahnloser Pascha gegen Geld auch mal vom Privatfernsehen ausstrahlen. Damit ist er das ideale Sinnbild für alle ökologisch bewegten Feministinnen und Morgen-Latte-Trinkerinnen, welche der Vorstellung von Valerie Solanas einer drastischen Reduzierung des Männeranteils in der Gesellschaft Rechnung tragen und welche die Drecksarbeit des Kinderkriegens allzu gerne dem Prekariat und den Moslems überlassen. Langhans ist das lebende Symbol für das linksgrüne Establishment, das aus Angst vor der eigenen Courage auf dem Weg zum Kommunismus innehält und sich, mit schlechtem Gewissen zwar, aber immerhin doch mit den Vorzügen von Konsum und Marktwirtschaft halbwegs zu arrangieren vermag. Den kompromisshaften Spagat zwischen Jiang Qing und Imelda Marcos bringen zwei die Kommune 1 aufs Korn nehmende Werbespots des Schuh-Händlers Zalando schön auf den Punkt: Sträuben sich die Kommunarden anfangs noch gegen die kapitalistische Versuchung, erliegen sie ziemlich schnell den Verlockungen des Konsums und rechtfertigen dies damit, dass die Birkenstock-Latschen doch „super sozial reduziert“ seien.

Das Dschungelcamp ist nicht nur „die Urzelle der Kommune“ (O-Ton Langhans), sondern auch eine Allegorie darauf, wohin der lange Marsch der Achtundsechziger durch die Institutionen an die Schaltstellen der Macht führen wird: In die Wildnis einer von Werte-, Perspektiv- und Wohlstandslosigkeit geprägten sozial reduzierten Gesellschaft.


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