20. Januar 2011

„Sarrazin lesen“ in München Die „Ausweitung der Formulierungszone“

Über die Podiumsdiskussion mit ef-Autor Alexander Kissler und Götz Kubitschek

Die Kontroverse, die Thilo Sarrazin mit seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ angestoßen hat, will kein Ende nehmen. Am 17. Januar titelte der „Focus“ mit „Verdummen unsere Kinder?“ und spricht schon von einer „zweiten Sarrazin-Debatte“, an der nun auch die Frau des ehemaligen Bundesbankers beteiligt ist. Es geht also weiter und selten bot sich so viel Raum für freie Interpretationen zur Lage der Bundesrepublik wie in den letzten Monaten und diesen Tagen.

ef-Autor Alexander Kissler sowie der Chefredakteur der rechtskonservativen Theorie-Zeitschrift „Sezession“, Götz Kubitschek, haben diese günstige Gelegenheit nun auch genutzt, um auf einer Podiumsdiskussion im Münchner Kulturzentrum Gasteig Klartext zu sprechen. Am 17. Januar debattierten beide vor etwa 100 Zuhörern über die langfristigen Auswirkungen der brisantesten politischen Debatte der letzten Jahre.

Einleitend machte der Moderator der Veranstaltung, Felix Menzel, darauf aufmerksam, dass Sarrazin bei seiner bisher größten Lesung in Dresden vor einer Woche sein Buchereignis mit Perestrojka und Glasnost in der untergehenden Sowjetunion verglich. Zugleich räumte Sarrazin damit ein, wie sehr er die Einschränkungen der Meinungsfreiheit in Deutschland am eigenen Leibe zu spüren bekam. Seine Kritiker werfen ihm gern vor, er hätte keine Lösungen für die Probleme in Deutschland parat. In Dresden konterte er dieses Argument vor 2500 zumeist begeisterten Zuhörern mit dem Hinweis darauf, dass zunächst die korrekte Schilderung der Wirklichkeit unentbehrlich für eine neue politische Ausrichtung sei. Jedoch habe er gemerkt, wie schwierig es ist und wieviel Empörung es hervorruft, wenn einer ganz nüchtern die Fakten benennt. Neben seinen Kernthemen Demographie, Bildung und Integration sieht er deshalb als Konsequenz aus der Debatte um ihn die eingeschränkte Meinungsfreiheit als ein viertes Feld, das zur Erklärung des Niedergangs der Bundesrepublik unumgänglich sei.

An diesem Punkt setzte die Diskussion zwischen Kissler und Kubitschek ein. Der ef-Autor wertete das erfolgreiche Überschreiten der Grenze des vor Sarrazin Sagbaren als einen Beleg dafür, welch positive Nebeneffekte die Marktwirtschaft haben kann. Seine These: Durch den wirtschaftlichen und mengenmäßigen Erfolg von „Deutschland schafft sich ab“ hätten die Medien keine Chance gehabt, die provokanten Ansichten Sarrazins beiseite zu schieben. Kubitschek gab sich mit dieser Erklärung nicht zufrieden. Es käme hinzu, dass Sarrazin die Lebenswirklichkeit, die jeder Bürger im Alltag wahrnimmt, auf seiner Seite habe. „Die verunglückte Integration von muslimischen Einwanderern ist für jeden halbwegs wachen Menschen vollkommen offensichtlich“, so Kubitschek.

Diese Offensichtlichkeit scheint allerdings für eine weitreichende öffentliche Debatte, wie sie Sarrazin ausgelöst hat, nicht zu reichen. Der Wissenschaftsgläubigkeit unserer Tage dürfte es geschuldet sein, dass erst ein Mann der Zahlen das Sichtbare in Prozenten und Statistiken ausdrücken musste, damit es diskutabel wird. Gerade dieses ökonomistische Weltbild sieht Kissler jedoch als eine Schwäche Sarrazins an. Letztendlich leite er aus Statistiken die Agenda des Staates ab. Gerade im Bildungssystem habe dieser jedoch gar nicht mehr die personelle Kraft, um etwas zum Positiven zu wenden. Wie er selbst immer wieder betont, ist und bleibt Sarrazin eben ein Sozialdemokrat, der die längst gescheiterten Pfade der staatlichen Regulierung nicht verlassen will. Dagegen will der konservative Publizist Kubitschek in Anlehnung an Oswald Spengler einen „preußischen Sozialismus“ bei Sarrazin erkennen. Seiner Ansicht nach könne nur der Staat dafür sorgen, dass jeder zumindest das Angebot zu umfassender Bildung erhält.

Trotz dieses grundsätzlich differierenden Staatsverständnisses überwogen bei Kissler und Kubitschek die Gemeinsamkeiten an diesem Abend im Gasteig. Beide sind sich bewusst darüber, was Deutschland zunächst braucht. Kissler nannte es eine „Ausweitung der Formulierungszone“. Allein die Teilnahme des ef-Autors an dieser Podiumsdiskussion brachte ihm Vorwürfe von radikal linker Seite ein. Er habe sich damit in die „Arschgeigen-Zone“ der Rechtskonservativen eingereiht, kritisierte ein linker Blogger aus München. Die sozialistische Tageszeitung „Neues Deutschland“ berichtet heute von der Debatte und warnt davor, dass „Sarrazin die bürgerliche Tür weit zum rechten Rand hin aufgestoßen hat“.

Was lernen wir daraus? Wer eine „Ausweitung der Formulierungszone“ praktiziert, begibt sich in eine Kampfzone, in der eine inhaltliche Auseinandersetzung noch lange keine Selbstverständlichkeit ist.

Internet

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Lydia Flaß

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