27. Januar 2011

Demographie Potential der Älteren erkennen

Denn weder Jugend noch Alter sind per se ein Verdienst

Unsere Gesellschaft wird immer älter. Das Feuilleton befürchtet schon eine Innovationsblockade durch Vergreisung. Die früher gepriesene Erfahrung gilt auf dem Arbeitsmarkt nichts mehr. Gleichzeitig werden viele Aufgaben immer Jüngeren anvertraut. Mangelnde Erfahrung soll bei ihnen durch Dynamik und Aufgeschlossenheit ausgeglichen werden. Natürlich sind Junge auch besser führbar, wovon aber niemand offen spricht. Auf jeden Fall ist es problematisch, Aufgeschlossenheit vom Alter abhängig zu machen. Sind die unzähligen Jugendlichen heute, die schon an ihr Eigenheim und ihre Rente denken, wirklich Innovationsgaranten?

Fontane meinte, wer mit Neunzehn kein Revolutionär sei, habe kein Herz. Wer aber mit Vierzig immer noch ein Revolutionär sei, habe keinen Verstand. Dieser Spruch wird gerne wiedergekäut, und gerne wird dabei schon mal der Revolutionär durch den Sozialisten oder den Kommunisten ersetzt. Häufig verwenden ihn Eltern mit mildem Lächeln gegenüber ihren rebellischen Kindern und zeigen diesen damit, dass sie sie nicht besonders ernst nehmen. Jedenfalls dünken sich die Leute mit diesem Zitat besonders geistreich zu sein. Aber sie entschuldigen lediglich ihre eigene Bequemlichkeit und ängstliche Vorsicht.

Das Fatale an dem Spruch ist natürlich, dass er häufig stimmt. Das ist auch das Traurige an ihm. Denn er bedeutet die Legitimation des Stillstands, des Status quo. In aller Regel sind die Vierzigjährigen arriviert, damit reicher und mächtiger als die mit Neunzehn, die noch nach oben wollen; die ersteren sind also für die Jüngeren das retardierende Moment beim Versuch des gesellschaftlichen Aufstiegs. Aber betrifft das immer auch die Qualität der Ideen? Kann schon sein, dass viele Junge mit guten Ideen nicht ausreichend zum Zuge kommen, aber ebenso gut dürfte es heute vorkommen, dass Alte mit guten Ideen vorzeitig abgeschoben werden, nur weil sie alt sind. Ein lehrreiches Beispiel dafür, dass die Bequemlichkeit, die Vorsicht und der Stillstand nicht zwangsläufig mit dem Alter kommen, war der russische Graf Lew Tolstoj.

Lew Nikolajewitsch Tolstoj wird in eine der vornehmsten Familien Russlands geboren. Er wächst nach dem frühen Tod seiner Eltern behütet bei seiner Tante auf. Er liest zwar viel, ist aber auch sehr ungebärdig. Auf seine adelige Herkunft und die herrschende Aristokratie ist er außerordentlich stolz, Menschen aus anderen Schichten sind für ihn im wahren Sinne des Wortes zweitklassig. Finanzielle Probleme hat er keine, es sei denn, man würde den Verkauf ganzer Landgüter, um Spielschulden zu begleichen, als echte Probleme bezeichnen. Als junger Student holt er sich – nicht das letzte Mal – eine Geschlechtskrankheit. Sex wird zu einer Droge für ihn, die er sich gerne bei Abhängigen – also leibeigenen Bauernmädchen, Mägden, Zimmermädchen – besorgt. Kurz bevor er tatsächlich zu den Soldaten geht, um im Kaukasus die Tschetschenen, die sich doch partout dem Zaren nicht ergeben wollen, umzubringen, überlegt er schon, ob er nicht am Feldzug gegen Ungarn teilnehmen soll, um der liberal-bürgerlichen Revolution von 1848 den Garaus zu machen.

Nur seinem Tagebuch vertraut er seine innersten Gedanken an: Er ist mit seinem Leben unzufrieden. Er ist rebellisch, aber es ist zunächst ziemlich unausgegoren, was er macht. Er verlässt die Universität. Im Krimkrieg, an dem er in Sewastopol mit großer persönlicher Tapferkeit teilnimmt, kommen ihm erste Zweifel am offiziellen Nationalismus. Er wird schließlich radikaler Pazifist. Im Schreiben gelangt seine Begabung endlich an ihr Ziel. Er hat seine ersten großen Erfolge als Dichter.

Tolstoj geht zurück auf sein Landgut und will eine modellhafte Schule für Bauernkinder einrichten: ohne Zwang, ohne Strafen. Dazu reist er durch Europa, um sich über das moderne Bildungswesen zu informieren. In Paris sieht er eine Hinrichtung mit der Guillotine und wird zum erbitterten Gegner der Todesstrafe. In der Schweiz fällt ihm auf, wie arrogant der Adel mit anderen Menschen umgeht. Er fängt an, sich zu ändern. Er ist jetzt Mitte Dreißig. Er heiratet. Arriviert ist er schon, jetzt müsste er bequem und vorsichtig werden. Statt stillzustehen, schreibt er "Krieg und Frieden" und "Anna Karenina". Dann ist er Fünfzig.

Eines Nachts wird er von der Vorstellung des nahenden Todes so überwältigt, dass er nun endgültig eine Kehrtwendung macht, in vieler Hinsicht um 180 Grad. Das ist revolutionär. Er wird zum Religionskritiker, der eine eigene christliche Religion erschafft. Der Konflikt mit der orthodoxen Kirche endet in seiner Exkommunikation. Er wird zum Kritiker des Staates bis hin zu dessen Ablehnung, bis zum Anarchismus. Der Konflikt mit dem Zaren macht ihn zum Staatsfeind Nummer Eins. Er, der Angehörige des Hochadels, kleidet sich in Bauernhemden, lernt pflügen und mähen, tritt für die Rechtlosen vor Gericht ein und organisiert eine effiziente Hungerhilfe, wo der Staat versagt. Schließlich will er auf seinen Besitz verzichten, auf seine Einnahmen aus dem Verkauf seiner Bücher. Dabei kommt er in Konflikt mit seiner Frau. Er ist Siebzig, als er, der Graf, in seinem Roman "Auferstehung" Portraits von Sozialisten und Kommunisten zeichnet, deren Motivation er sehr gut versteht, aber deren Methoden und Ziele er ablehnt. Viele Junge folgen ihm nicht, weil sie Angst um ihre Positionen und Pensionen haben.

Tolstojs Flucht aus seinem Gut Jasnaja Poljana als zweiundachtzigjähriger Greis ist eine Art sokratischer Selbstmord. Er will endlich alle Fesseln abwerfen und ein Leben für die Wahrheit führen. Im Grunde ist ihm klar, dass in seinem Alter diese Flucht nur mit dem Tod enden kann. Wie weit seine Frau zu dieser verhängnisvollen, aber ersehnten Entscheidung (wie auch zum Glück der kreativsten Jahre) beigetragen hat, ist ebenso wenig eindeutig zu beantworten wie die Frage, ob Xanthippe ihrem Mann "Haus und Heim so unhäuslich und unheimlich" gemacht hat, dass er auf den Marktplatz getrieben wurde, um dort seine bohrenden Fragen zu stellen.

Jedenfalls passt Fontanes Spruch zu der realistischen, resignativen Art dieses deutschen Dichters. Mehr aber auch nicht. Es ist weder ein Verdienst, jung, noch eines, alt zu sein. Anstatt zu schauen, ob jemand jung oder alt ist, sollte man seine Ansichten beurteilen. Die Akzeptanz der Gauß’schen Normalverteilung als statistischer Abbildung gesellschaftlicher Varianz sollte niemanden daran hindern, auch mit Vierzig, Fünfzig und danach noch widerständige Gedanken zu haben. Das gilt es jeweils im Einzelfall zu prüfen anstatt zu pauschalisieren. Heute sind es durch die höhere Lebenserwartung und bessere Gesundheit bedingt eher noch mehr Ältere als früher, die mit frischem Wind segeln. Es muss ja nicht gleich revolutionär sein. Aber fruchtbare Ansichten und Ideen dürften doch auch mit Siebzig von Verstand zeugen. Und vielleicht auch von Herz. Diese Chance unserer älter werdenden Gesellschaft sollte genutzt werden.


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