Gérard Bökenkamp

Jahrgang 1980, Historiker und Publizist.

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Der Arbeitsmarkt im Kaiserreich: Von der Koalitionsfreiheit zum Koalitionszwang

von Gérard Bökenkamp

Schon vor dem Ersten Weltkrieg wurden die Grundlagen des Goldstandards untergraben

Der Geldmarkt und der Arbeitsmarkt sind siamesische Zwillinge. Sie sind eng miteinander verbunden. Der Goldstandard im 19. Jahrhundert hatte seine Entsprechung in einem freien Arbeitsmarkt. Das Geld war stabil, und die Löhne waren flexibel. Wenn Gold abfloss, dann sanken die Löhne, wenn das Gold dann wieder zurückfloss, dann stiegen die Löhne. Solche massiven Ungleichgewichte in der Weltwirtschaft, wie sie heute, seit der Abkoppelung des Geldes vom Edelmetall, für die Weltwirtschaft kennzeichnend sind, etwa zwischen China und den USA und Deutschland und den Mittelmeerstaaten, gab es damals nicht und konnte es unter den Bedingungen der internationalen Edelmetallwährungen nicht geben.

Jedoch hatte schon vor dem Ersten Weltkrieg eine Entwicklung eingesetzt, die den Goldstandard langfristig unterminieren würde. Die Jahrzehnte vor dem Krieg beschreiben den Weg von der Vertragsfreiheit auf dem Arbeitsmarkt hin zum Koalitionszwang, von der dezentralen Anpassung zur zentralen Festsetzung der Löhne und Gehälter. Am Anfang dieses Prozesses stand ein Zustand, in dem Arbeiter und Unternehmer die Vertragsbedingungen frei aushandeln konnten, am Ende dieses Weges waren es Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände, die die Löhne für alle verbindlich festschrieben.

Auf dem Arbeitsmarkt des Deutschen Kaiserreiches herrschte zur Zeit seiner Gründung weitgehend Vertragsfreiheit. Die Gewerbeordnung des Jahres 1869 hatte die obligatorische Zunftbindung abgeschafft und Gewerbefreiheit hergestellt. Massenarbeitslosigkeit wie im 20. Jahrhundert war in den Jahrzehnten darauf ein unbekanntes Phänomen. Gemeinhin lag die Arbeitslosigkeit nach den vorhandenen Daten zwischen 2 und 4 Prozent. In der Spitze lag die Arbeitslosigkeit für jeweils ein Jahr bei über 6 Prozent. Die heutigen Ökonomen setzen eine Arbeitslosenquote von vier Prozent weitgehend mit Vollbeschäftigung gleich. Dieser hohe Beschäftigungsstand ist besonders bemerkenswert, wenn man die demographische Entwicklung in diese Betrachtung mit einbezieht. Im Jahre 1816 lebten auf dem Gebiet des späteren Deutschen Reiches etwa 24 Millionen Menschen, zur Zeit der Reichsgründung 1871 waren es bereits 40 Millionen, Anfang der 90er Jahre waren es über 50 Millionen. Der deutsche Arbeitsmarkt der Vorkriegszeit hatte offenbar keine Probleme, die wachsende Zahl junger Menschen zu absorbieren.

Das Spannungsfeld dieser Zeit baute sich auf um die Unterscheidung zwischen Koalitionsfreiheit und Koalitionszwang. Wir haben uns daran gewöhnt, die Auseinandersetzung der damaligen Zeit als die Konfrontation zwischen einem repressiv-reaktionären Obrigkeitsstaat auf der einen Seite und einer progressiven Arbeiterbewegung zu interpretieren, bei genauerem Hinsehen erkennt man eine Auseinandersetzung zwischen dem Prinzip individueller Entscheidungsfreiheit und dem Anspruch auf kollektivem Alleinvertretungsanspruch der Arbeiter. Die Auffassung, dass aus der individuellen Freiheit auch das Recht zum Zusammenschluss bestand, um etwa in Form von Arbeitervereinen und Gewerkschaften als Kollektiv Forderungen formulieren zu können, hatte sich auch in den Spitzen des Kaiserreiches mehr und mehr durchgesetzt. Offen war aber die Frage, wie verhindert werden konnte, dass durch Druck aus dem Koalitionsrecht eine Koalitionspflicht entstehen würde. Arbeiter, die als Streikbrecher auftraten und die Unterstützung der Kollegen im Arbeitskampf verweigerten, waren diversen Repressalien ausgesetzt von der „Ehrabschneidung“ bis zu gewalttätigen Übergriffen. Wo sollte die Grenze gezogen werden zwischen erlaubten Formen und unerlaubten Formen sozialen Drucks?

Eine Schlüsselfigur in diesem Prozess war der Staatsekretär des Inneren und Vizekanzler Arthur Graf von Posadowsky-Wehner (1845-1932). Er hatte seine Laufbahn in der agrarisch geprägten Provinz Posen begonnen, war Abgeordneter der Freikonservativen und übernahm schließlich die Verantwortung für das Innenressort am ersten Juli 1897. Er trat mit dem Programm an, der Sozialdemokratie auf dem Boden der Verfassung entgegenzutreten und akzeptierte das Grundprinzip der Koalitionsfreiheit für alle, das es auf der Grundlage des Rechtsstaates zu schützen gelte. Jeder einzelne Arbeiter sollte das Recht haben zu streiken, das Recht haben sich zusammenzuschließen und auch das Recht gemeinsam zu streiken. Sie sollten aber nicht das Recht besitzen, andere, die am Streik nicht teilnehmen wollten, zur Teilnahme am Streik zu zwingen. Vor dem Reichstag wies er immer wieder auf den „Streikterrorismus“ der Sozialdemokratie hin und zählte Fälle auf, in denen arbeitswillige Arbeiter von den Streikenden bedroht und misshandelt worden waren, und kündigte polizeiliche Maßnahmen zur Sicherstellung der Vertragsfreiheit an.

Der nach einer ungeschickten Äußerung des Kaisers Wilhelm II als „Zuchthausvorlage“ bezeichnete Gesetzestext, sah allerdings nicht nur vor, körperliche Angriffe, sondern auch Diffamierungen und die Anstiftung zum Streik zu sanktionieren. Dafür sollten auch Zuchthausstrafen verhängt werden können, daher der Begriff. Nach den polarisierenden Äußerungen des Kaisers hatte das Gesetz keine Chance, vom Reichstag verabschiedet zu werden. Weder die Liberalen, noch die Zentrumspartei waren bereit. das Gesetz in dieser Form mitzutragen. Diese Niederlage veränderte die politische Grundhaltung des Innenstaatssekretärs. Er glaubte nicht länger, seinen Kurs fortsetzen zu können und setzte auf den Kompromiss mit der Sozialdemokratie, den Gewerkschaften und den maßgeblichen Kräften des Reichstages. Sein neuer Ansatz bestand darin, die Arbeitnehmervertreter anzuerkennen und im sie dafür im Gegenzug politisch im Sinne der Regierung in die Verantwortung zu nehmen.

Die Vorreiterrolle übernahm in diesem Annäherungsprozess zwischen Staat und Gewerkschaften der Kohlebergbau. Denn die Regierung fürchtete im Kriegsfall einen flächendeckenden Streik in den Kohlerevieren. Ohne die Förderung der Steinkohle war an eine Mobilmachung weder zur Offensive noch zur Landesverteidigung zu denken. Die Interessen der Militärs, Posadowskys und der Arbeiterorganisationen deckten sich in dem Bestreben, den Gewerkschaften eine offizielle Position zu geben. Im Jahre 1905 hatte sich die internationale Lage zugespitzt und eine militärische Konfrontation zwischen den Großmächten schien nicht ausgeschlossen. Die Gewerkschaften nutzen die Gunst der Stunde, um ihre Verhandlungsposition zu stärken, und sie konnten auf diese Weise zum ersten Mal einen kollektiven Vertretungsanspruch durchsetzen. Sie gaben Garantien, dass der Betrieb wieder aufgenommen und fortgesetzt werden würde. Der Preis dafür war die Anerkennung als Vertreter aller Kohlearbeiter von offizieller Seite. Damit war ein Präzedenzfall für die Zukunft geschaffen, der eine Richtung wies.

Es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis sich dieses Modell einer Kooperation von Staat und Gewerkschaften auf Kosten der Vertragsfreiheit und der Lohnflexibilität allgemein durchsetzte. Extrem beschleunigt wurde dieser Prozess durch den Ersten Weltkrieg und durch das Interesse der militärischen Führung an Ruhe und Ordnung in den Betrieben. Als eine Schmalspurversion der Golddeckung nach dem Krieg wieder eingeführt wurde, zeigte sich bald, dass sich das Umfeld radikal gewandelt hatte. Wenn Kapital abfloss, passten sich die Löhne nicht mehr automatisch an, dafür stieg dann die Arbeitslosigkeit in ungekannte Höhen. Die Massenarbeitslosigkeit wurde zum zentralen politischen und sozialen Faktor im 20. Jahrhundert. Flexible Arbeitsmärkte gehörten der Vergangenheit an.

 

Informationen

eigentümlich frei. Gérard Bökenkamp: Die europäische Geldordnung einst und jetzt: Gold, Lohn und Papier

Karl Erich Born: Staat und Sozialpolitik seit Bismarcks Sturz, Wiesbaden 1957.

Barry Eichengreen: Vom Goldstandard zum Euro. Die Geschichte des internationalen Währungssystems, Wagenbach 2000.

Hans H. Glismann, Klaus Schrader: Privatisierung der Arbeitslosenversicherung. Ein Konzept für Deutschland, Heidelberg 2005.

29. Januar 2011

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