06. Februar 2011

Große und kleine Lügen Warum es für die USA kein Morgen gibt

Getürkte Arbeitslosenzahlen und zunehmende Armut in Amerika

Vorbemerkungen des deutschen Übersetzers:

Werden die US-Bürger im Hinblick auf die wahre Lage ihrer Volkswirtschaft systematisch in die Irre geführt? Auch in Deutschland sind die offiziellen Wirtschaftsdaten inzwischen offenbar zunehmend mit Vorsicht zu genießen – unter anderem gilt das für die Arbeitsmarktdaten. Sowohl in den USA als auch in Deutschland wurde die Art und Weise, wie die Arbeitslosigkeit gemessen wird, im Laufe der Jahre immer wieder verändert. Im Ergebnis geben die offiziellen Arbeitsmarktdaten nur noch einen Teil der Wahrheit wieder. Analysen der Stiftung Marktwirtschaft zufolge wird hierzulande heute fast ein Drittel der tatsächlich Arbeitslosen nicht als arbeitslos gezählt. Demnach sind real etwa 1,3 Mio. Menschen mehr arbeitslos, als in den offiziellen Statistiken ausgewiesen. In den USA werden offenbar sogar Arbeitsplatzverluste zu Arbeitsplatzgewinnen verdreht, beträgt die reale Arbeitslosenquote etwa 22,5 Prozent. Im folgenden veröffentlichen wir die leicht gekürzte Übersetzung des dritten Teils der Artikelreihe „Warum es für die USA kein Morgen gibt“ von Dr. Paul Craig Roberts zum US-Arbeitsmarkt:

Warum es für die USA kein Morgen gibt

Der US-Regierung zufolge sind in der US-Wirtschaft in den vergangenen Monaten Arbeitsplätze entstanden. Demnach wurden zum Beispiel im Oktober des vergangenen Jahres 151.000 Jobs geschaffen. Wie glaubwürdig sind diese Zahlen? Der Statistiker John William hat den Arbeitsmarktbericht der US-Regierung näher untersucht. Er kommt zu dem Ergebnis, die neuen Arbeitsplätze seien lediglich „Phantom-Arbeitsplätze“, entstanden durch „gleichlaufende saisonale Faktoranpassungen“. Mit anderen Worten: In den Basisdaten sind die 151.000 Arbeitsplätze nicht zu finden. Die Jobs sind das Ergebnis saisonaler Anpassungen, die das Bureau of Labor Statistics (BLS) erfunden hat. Die Finanzpresse hat die offiziellen Regierungsdaten – wie gewöhnlich – nicht weiter untersucht und sie kritiklos an ihre Leser weitergegeben.

Die Realität: Heute verfügen in den USA weniger Menschen über einen Job als vor zehn Jahren. Es gibt derzeit weniger Angestellte als vor einem Jahrzehnt. Führen wir uns vor Augen, was das bedeutet: Während der vergangenen zehn Jahre hat das Angebot an Arbeitskräften in Amerika zugenommen. Zum einen sind viele Jugendliche in den Arbeitsmarkt eingetreten. Zum anderen hat es – legale und illegale – Immigration gegeben. Gleichzeitig ist das Arbeitsplatzangebot geschrumpft. Den Beschäftigtenzahlen zufolge hat die US-Wirtschaft von Dezember 2007 bis Dezember 2009, also binnen zwei Jahren, 8.363.000 Arbeitsplätze verloren. Seit Oktober 2010 sind angeblich wieder 874.000 mehr Personen beschäftigt – bei weitem zu wenig für das wachsende Arbeitskräfteangebot.

Laut John Williams ist diese Zahl obendrein zu optimistisch angesetzt – ein Ergebnis des fehlerhaften „Birth-Death“-Modells, das die Zahl der Unternehmensneugründungen während Rezessionen überschätzt und die Zahl der Unternehmenspleiten unterschätzt. Williams geht davon aus, dass die Revision der Zahlen, die im Februar diesen Jahres ansteht, in Wahrheit einen Verlust von 600.000 Arbeitsplätzen ergeben wird – vorausgesetzt das BLS lässt sich bei der Revision keine Tricks einfallen. Sofern Williams Recht hat, wäre das ein weiterer Beweis, dass die wirtschaftliche Erholung der USA nur ein Bluff ist, sie einfach nicht existiert.

Lassen wir die Stilllegung der Kriegsproduktion am Ende des Zweiten Weltkrieges außer acht, die im eigentlichen Sinne keine echte Rezession verursachte, bleibt „der derzeitige Rückgang bei der Beschäftigung der stärkste seit der Großen Depression und er dürfte sich noch verschärfen“, so Williams. Mit anderen Worten: Abgesehen von den getürkten Zahlen gibt es keine Arbeitsmarktdaten, die den Mythos von der wirtschaftlichen Erholung des Landes stützen. Misst man die US-Arbeitslosenquote so, wie das noch 1980 üblich war, beträgt sie aktuell 22,5 Prozent. Sogar die etwas umfassendere Erhebungsmethode der US-Regierung kommt auf eine Quote von 17 Prozent. Die offizielle Arbeitslosenquote von 9,6 Prozent ist ein künstlich konstruierter Wert. Sie zählt zum Beispiel all jene arbeitslosen Arbeitnehmer nicht mit, die nach sechs Monaten noch keinen Job gefunden haben. Und sie schließt diejenigen Arbeitnehmer aus, die Vollzeitarbeitsplätze suchen, aber nur Teilzeitarbeitsplätze finden. Ganz davon abgesehen reflektiert die Beschäftigtenzahl nur die Zahl der Arbeitsplätze. Sie gibt keinen Aufschluss darüber, wie viele Menschen tatsächlich eine Beschäftigung haben. Manche Leute verfügen über zwei Arbeitsplätze. Die Befragung der Haushalte seitens des BLS ergab im Oktober 2010 – im gleichen Monat, in dem den offiziellen Arbeitsmarktdaten zufolge 151.000 Jobs entstanden sind – einen Verlust von 330.000 Arbeitsplätzen.

Die Arbeiterklasse der USA wird zerstört. Die Mittelklasse befindet sich im letzten Stadium ihrer Auflösung. Bald werden die Reichen die unterste Sprosse ihrer eigenen Aufstiegsleiter zerstört haben. Über den gesamten Prozess hinweg werden die Regierung und die Medien lügen. Die USA sind das Land der großen Lügen geworden. Wer die Lügerei unterstützt, wird reich belohnt. Wer dagegen die Wahrheit oder eine unzulässige Meinung äußert, wird verschmäht und zur Seite gedrängt. Doch Hauptsache, wir haben „Frieden und Demokratie“.

Informationen:

Dr. Paul Craig Roberts gilt in den USA als „Father of Reaganomics“. Während der ersten Amtszeit von Ronald Reagan war er Assistant Secretary of the U.S. Treasury (stellvertretender Finanzminister) und zuständig für die Wirtschaftspolitik der USA. Er war Mitherausgeber des Wall Street Journal, Kolumnist bei der Business Week, Scripps Howard News Service und Creators Syndicate sowie Senior Research Fellow der Hoover Institution und der Stanford University. Zudem hatte er den William E. Simon Chair in Political Economy am Center for Strategic and International Studies der Georgetown University inne. Der französische Präsident Francois Mitterrand verlieh ihm 1987 die Auszeichnung Legion of Honor. Dr. Roberts ist Autor mehrerer Bücher wie unter anderem “Supply-Side Revolution: An Insiders Account of Policymaking in Washington”, “Alienation and the Soviet Economy” und “Meltdown: Inside the Soviet Economy”. Und er war neben Lawrence M. Stratton Mitautor von “The Tyranny of Good Intentions: How Prosecutors and Bueraucrats Are Trampling the Constitution in the Name of Justice”.

Der englische Originaltext wurde am 7. November 2010 im Internet auf Global Research veröffentlicht. Übersetzt wurde er von Johannes Maruschzik vom Glasshouse Center for Studies on a Free Economy in Wachtberg bei Bonn.


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Paul Craig Roberts

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