13. Februar 2011

Nachruf Ivan Denes

Ein renitenter Bourgeois

Eine der Lieblingsgeschichten, die Ivan Denes immer wieder gerne zum Besten gab, war die von seinem Freund Aluni. Sie ging so: Dieser alleinstehende Mann kam irgendwann ins Krankenhaus und beauftragte Ivan, in seiner Wohnung nach dem Rechten zu sehen. Auch, dass die Putzfrau nichts mitgehen lässt. Deswegen teilte Aluni seinem Vertrauten mit, wo sein Geheimversteck war. Ivan sollte es öffnen und den Inhalt mitbringen. Gesagt, getan. Ivan kehrte mit einer größeren Menge Bargeld in die Klinik zurück und schalt seinen Freund: „Aluni, warum bringst du dein Geld nicht auf die Bank?“ Es sei doch leichtsinnig, so viel Geld – alles in allem ein sechsstelliger Betrag – in der Wohnung herumliegen zu haben. Aluni antwortete als Entschuldigung: „Ich liebe – die Braunen.“ Für die jüngeren Leser: Die 1000-D-Mark-Scheine, die der Normalbürger selten in der Hand hielt, waren braun. Aluni hatte einen ganzen Schuhkarton voll davon. Und er hasste es, das Geld abzugeben – zumal an Banken, denen er genau so wenig traute wie Finanzämtern und anderen staatlichen Behörden.

Es sind solche Geschichte aus dem alten Westberlin, die Ivan Denes zu einem unterhaltsamen Erzähler und einem begnadeten Autoren machten. Seine Romane sind geprägt von seinen Erlebnissen im Kommunismus und dem späteren Leben in der Frontstadt West-Berlin. Der junge Ivan Denes hat im Schnelldurchlauf den Weg vom begeisterten Anhänger zum vehementen Gegner absolviert. 1945 trat er in die KP ein und 1947 wieder aus. Die Realität im kommunistischen Rumänien hat nicht gehalten, was die Heilslehre versprochen hatte. Im Gegenteil.

Schon bald empfand Ivan Denes das Jahr 1945 nicht mehr als Befreiung. Dabei konnte er von Glück reden, dass er und seine engsten Familienangehörigen während des Krieges mit dem Leben davongekommen waren. Denes kam 1928 in Temesvar (auch Temeschburg; rumänisch Timişoara) in Siebenbürgen zur Welt. Damals lebten in der Stadt etwa gleich viele Ungarn, Deutsche und Rumänen. Dazu kamen die Juden und weitere kleine Minderheiten wie Serben und Zigeuner. Typischer Balkanschmelztiegel also. Denes war von allem ein bisschen: Jude, Ungar, Rumäne, Deutscher. Die dazugehörigen Sprachen beherrschte er alle. Dazu noch Italienisch, Englisch und Französisch. Er war so polyglott, dass das Lektorat seiner Texte immer extra lange dauerte. Ivan Denes verwechselte manchmal die Sprachen und verwendete inhaltlich richtige Metaphern, die er aus anderen Sprachen geklaut hatte und seine Texte holprig machten. So sehen die Luxusprobleme eines Kosmopoliten aus.

Von der Verfolgung durch die NS-Diktatur blieb die Familie weitgehend verschont. Das Schlimmste, was der Familie im Zweiten Weltkrieg widerfahren ist, war großer materieller Verlust. Die Denes’ waren Händler. Sein Onkel hatte eine Zugladung mit Kaffee im Hafen von Triest liegen, als Italien im September 1943 kapitulierte. Daraufhin besetzten deutsche Streitkräfte blitzschnell das Land. So kam es, dass SS-Truppen den Hafen von Triest stürmten und alles beschlagnahmten, was der Truppenverpflegung dienen könnte. Das Eigentum der Denes’ wurde entschädigungslos konfisziert. Der Onkel hat später versucht, in die Schweiz zu kommen, weil er dort ein Bankkonto hatte. Ivan war nicht ohne Grund zeit seines Lebens ein großer Freund des Schweizer Bankgeheimnisses und hat davor gewarnt, dass sich eine europaweite Kontrolle aller Finanzströme am Ende gegen die Bürger richten würde.

Ivan selbst sagte über die Kriegszeit, die er in einem Internat verbracht hat: „Das war die beste Zeit meines Lebens.“ Und mit der siegreichen Roten Armee sollten noch bessere Zeiten anbrechen. Das dachte der junge Ivan Denes jedenfalls. Aber weit gefehlt. Schon bald nach seinem Austritt aus der rumänischen KP wurde Ivan das erste Mal verhaftet. Fortan galt er als renitenter Bourgeois.

Denes schlug sich so durch. Er hatte die Nazis überlebt, er würde auch die Kommunistenherrschaft überleben. Seine Lebensauffassung war – basierend auf seinen Erlebnissen in dieser Zeit – von Realismus geprägt. Ich hatte mal eine Freundin, die schimpfte, weil sie Schmiergeld an einen osteuropäischen Staatsbeamten zahlen sollte. „Natascha“, sagte Ivan, „ärgere dich nicht darüber. Wir verdienen Geld an der einen Stelle, um es an der anderen wieder auszugeben.“ Schmiergeld gehörte für ihn zweifellos dazu. Wobei er es mehr mit dem Ausgeben hatte als mit dem Verdienen. Ivan bezeichnete sich selbst als „Tintenjude“, der kreativ tätig ist und – anders als der gemeine „Geldjude“ – nichts vom Verdienen versteht.

Zehn Jahre lang führte Denes ein Leben in einer bürgerlichen Nische im kommunistischen Rumänien. Er arbeitete nach seinem Studium als Filmautor, Journalist, Übersetzer, schließlich als Dramaturg an einem Puppentheater. 1958 wollte er einen Text im Westen veröffentlichen. Er stand aus diesem Grund in Briefkontakt mit westlichen Verlagshäusern. Rumänische Behörden kamen ihm auf die Schliche und verhafteten ihn. Diesmal richtig: Denes erhielt wegen konterrevolutionärer Umtriebe zwanzig Jahre Haft.

Die Zeit im Gefängnis muss schlimm gewesen sein. In seinen Büchern hat er über seine Haftzeit und seine Begegnungen dort berichtet. Einmal waren er und mehrere Mithäftlinge dazu verdammt, wochenlang nur Karotten zu essen. Davon verfärbt sich wegen des Karotins nach einer Weile die Haut – und die Häftlinge dachten alle, sie hätten eine ansteckende Krankheit.

Zum Glück hat er diese und die anderen Probleme seiner sechsjährigen Gefängniszeit verkraftet. Dass er nicht die zwanzig Jahre absitzen musste, verdankte Ivan Denes nicht zuletzt dem Tauwetter, das in den 60er Jahren im Ost-West-Konflikt einsetzte. Weil die rumänische KP immer weniger mit Moskau zurechtkam, reaktivierte sie alte Beziehungen nach Westen, traditionell hieß dies: nach Frankreich.

Charles de Gaules weigerte sich jedoch, offizielle Beziehungen zum kommunistischen Rumänien aufzunehmen oder auszubauen, solange es dort politische Häftlinge gab. Also mussten die Roten die Eingekerkerten ausnahmslos freilassen. Widerwillig taten sie es. Ivan Denes kam 1964 frei.

Wieder lebte er ein Leben im Widerspruch mit den herrschenden Verhältnissen. Wieder versuchte er sich als Autor, aber er stieß erneut an die engen Grenzen der kommunistischen Gesellschaftsordnung: Ein Roman wurde veröffentlicht, der nächste wurde von der Zensurbehörde kassiert. Irgendwann hatte Ivan Denes die Schnauze voll und ergriff die Chance, nach Israel auszuwandern. Die Israelis kauften damals Juden frei. Es war ein makaberer, ein menschenverachtender Handel, den die Kommunisten mit den in ihrem Herrschaftsbereich lebenden Menschen trieben, aber jetzt profitierte Ivan davon und kam frei. 1970 durfte er nach Israel auswandern.

Schon 1971 verließ er die Heimstatt der Juden wieder. Denes ging mit seiner Familie nach Deutschland. In West-Berlin fand er Arbeit beim Verlagshaus von Axel Springer als Redakteur und Archivar. Er verbrachte die zweite Hälfte seines Lebens in der deutschen Hauptstadt. Ab 1983 verdingte sich Denes als freier Journalist.

Er arbeitete an seinen Büchern, schrieb Artikel, fungierte bis zu seinem Tod als Chefredakteur des konservativen Deutschland-Magazins. Denes gab zudem den Nachrichtenbrief „West-Ost-Nachrichten“ heraus, der bis zuletzt mehrmals pro Woche erschien. Es war eine Artikelsammlung zu allen wichtigen Fragen der Politik, weltweit. Oft 50 oder 100 Seiten und noch mehr. Da Ivan die zahlreichen Artikel alle gelesen hat, war er bestens auf dem Laufenden, wusste stets sehr gut Bescheid. Das war eine zeitraubende Arbeit, und so war aus seinem Mund sehr oft der Satz zu hören: „Ich muss erst den Bericht fertigmachen.“ Diese Arbeit hat ihm immer sehr viel Freude bereitet.

Sein letzter Bericht vom 14. Januar 2011 war 53 Seiten lang. Es ging um die Regierungskrise im Libanon, die Proteste in Tunis, die Finanzpolitik Chinas, den mexikanischen Drogenkrieg, Berlusconi, Weißrussland, Vietnam. Ein besonderes Kapitel war am Schluss immer: „Restitutionsfragen – jüdische/israelische Belange“. Ivan Denes war immer sehr an der Frage der „Wiedergutmachung“ interessiert. In seinen Augen war hier meistens Geldschneiderei am Werk. Genau so vehement wie er sich für jüdische Belange einsetzte und für den Staat Israel eintrat, genau so widersprach er denjenigen lautstark, die immer neuen Wiedergutmachungszahlungen das Wort redeten.

Nicht, dass er das Unrecht geleugnet oder verharmlost hätte, das die Deutschen den Juden angetan haben. Aber er hatte es satt zuzusehen, wie sich die Deutschen aus Reue zu immer neuen Zahlungen an Israel bzw. jüdische Opferorganisationen bereit fanden. Gleichzeitig geißelte er die Geschäftemacherei der Opfervertreter, deren Organisationen einen Großteil der Zahlungen einkassierten.

Einmal rief er bei mir an und schimpfte: „Ronald, da läuft wieder eine Riesenschweinerei: Die Claims-Conference will jetzt Geld für Juden, die während des Zweiten Weltkriegs in den nordafrikanischen Kolonien des Vichy-Regimes interniert worden sind.“ Diese immer neuen, immer absurderen Forderungen regten ihn maßlos auf.

Ivan Denes selbst berichtete, dass er gleich nach seiner Ankunft in Deutschland von Vertretern einer Opferorganisation aufgefordert worden sei, persönliche Ansprüche anzumelden. Aber er hat es abgelehnt, weil er es unmoralisch fand. Der Krieg war lange vorbei, und irgendwann musste mal Schluss sein mit Wiedergutmachung. In „Politisch unkorrekt“ hat Denes seine Haltung so zusammengefasst: „Wenn eine Gesellschaft die Schranken der Verjährung abreißt, dann kann man auf Wahnvorstellungen verschiedenster Gattungen gefasst sein.“

Seine Haltung wurde ihm von den Deutschen natürlich nicht gedankt. Henryk M. Broder, den Ivan Denes sehr schätzte, sagt immer wieder gerne diesen Satz: „Die Deutschen werden den Juden den Holocaust nie verzeihen.“ So ähnlich ist es hier auch: Niemand lässt sich gerne darauf ansprechen, dass er eine Dummheit begeht, sich ausnutzen lässt. Fortwährend und immer aufs Neue. Und so verhallte Denes’ Kritik an der Wiedergutmachungsindustrie ungehört. Im Gegenteil. Er musste sich plötzlich vorwerfen lassen, Rechtsextremist zu sein, wofür es nicht den kleinsten Beleg gibt. Bei einem Vortrag gab es vor einigen Jahren sogar einmal einen gewalttätigen Auftritt von Antifa-Halunken, die ihm Orangensaft übers Revers kippten und Gäste angriffen.

Auch bei Wikipedia ist ein Streit über ihn entbrannt, in dem das letzte Wort noch nicht gesprochen ist. Momentan ist Denes seiner jüdischen Identität beraubt. Wer seinen deutschen Eintrag liest, der muss annehmen, Ivan Denes sei ein rumänischer Neonazi gewesen. Dass er Jude und Holocaust-Überlebender war, diese Information wurde bei Wikipedia einfach getilgt. Ivan hat sich aus solchen Verunglimpfungen nichts gemacht: In seinem rumänischen Wikipediabeitrag stand eine Zeit lang, er sei kommunistischer Agent gewesen, was nicht stimmte. Das Brandmarken des Klassenfeindes als Mitarbeiter des eigenen Geheimdienstes war eine beliebte Waffe der rumänischen Ausgabe des MfS – Hertha Müller kann davon ein Lied singen.

Apropos Hertha Müller: Gerne hätte Ivan Denes auch in der Championsleague der Schriftsteller mitgespielt. Er hat sich immer als Literaten gesehen und war etwas enttäuscht, wenn er „nur“ als Journalist vorgestellt wurde. In den ersten Jahren nach seiner Ankunft in Deutschland kam er nicht zum Schreiben. Da waren seine Familie und dann der Job bei Springer. Erst in den 90er Jahren nahm er diesen Faden aus seiner Vergangenheit wieder auf und veröffentlichte mehrere Romane auf deutsch: „Gott am Wannsee“, „Angor Pectoris“ und „Die Bücher der Schlaflosigkeit“.

Leider hat der deutsche Literaturbetrieb sein Werk stiefmütterlich behandelt, was nicht zuletzt an seiner politischen Einstellung gelegen haben dürfte. Denn parallel verfasste er einige politische Aufsätze, die ihn in Konflikt mit dem Zeitgeist brachten: Das war zum einen „Wer oder was ist die amerikanische Ostküste des Dr. Helmut Kohl?“ und die Aufsatzsammlung „Politisch unkorrekt“. Seit letztere 2008 erschienen ist, arbeitete er an einer Fortsetzung, die im Januar in die Druckerei gegangen ist.

Dass seine letzten Bücher so wie das Islamkritiker-Blogg „Politically incorrect“ (www.pi-news.net) hießen, war Zufall. Da er aber genau auf der gleichen USA- und Israel-freundlichen, islamkritischen Linie lag, wurde Ivan Denes auf seine alten Tage zu einer Art Starautor bei „PI“. Für einen Literaturnobelpreis hat es nicht gereicht, aber immerhin war das erfolgreichste deutsche Blog ganz entzückt, wenn es einen Beitrag von Ivan Denes veröffentlichen konnte.

Mit seinen Ansichten zu den Krawallen in den Vororten von Paris vor fünf Jahren passte er gut zu PI. Er schrieb seinerzeit: „Europa will nicht verstehen, dass der aus christlicher Liebestheologie abgeleitete Späthumanismus im Spottgelächter marodierender Banden von jungen Schwarz- und Nordafrikanern zerfetzt wurde.“

Soziale Gerechtigkeit, das war für ihn eine „spätpubertäre Illusion“. Und über die moderne Bildungspolitik schrieb er in „Politisch unkorrekt“: „Der Gedanke, man könne die Familie fördern, indem man die Kinder in eine Ganztagsschule steckt und somit die Eltern-Kind-Bindung bis zur völligen Auflösung lockert, stammt aus einer frühzeitigen sozialistischen Ideologie. Die Erziehung durch das Kollektiv als Ersatz für die Erziehung im Elternhaus ist eine aus dem Mythos des allmächtigen Kollektivs abgeleitete Wahnvorstellung.“ Mit Spannung warten seine Freunde auf das Erscheinen des neuen, letzten Buchs von Ivan Denes.

Leider konnte er es nicht mehr in den Händen halten. Nachdem das neue Buch in die Druckerei gegangen war, plante er eine neue Reise, neue Geschichten. Mit seiner letzten (und jüngsten) Ehefrau Malina war er auch im hohen Alter stets viel unterwegs. Erst im Herbst hatte er einen Kongress in den Niederlanden besucht. Mit dem Auto ging es immer mal wieder nach Wien und Budapest. 2007 sind wir sogar gemeinsam nach Asien zu einem Kongress gereist. Ich wollte auch immer noch mal einen Film mit ihm drehen, in dem er über seine Haftzeit berichtet. Am Dienstag, den 11. Januar, sahen wir uns zum letzten Mal beim Autorenstammtisch der „Jungen Freiheit“. Er strahlte wegen der Volksabstimmung im Südsudan: „Dadurch wird der Islam in seinem Expansionsdrang zurückgetrieben.“ Dann lobte er Joschka Fischer, den er – anders als den jetzigen Amtsinhaber – für ein intellektuelles Schwergewicht hielt, auch wenn er seine Positionen nicht teilte. „Fischer kriegt dreimal so viel wie Westerwelle, wenn er einen Vortrag hält“, sagte er und aß dazu eine Lauchcremesuppe.

Als er ging, verabschiedeten wir uns voneinander und verabredeten uns für einen Empfang am darauffolgenden Sonntag. Doch der Tod war schneller. Am 16. Januar starb Ivan Denes einen Tag, nachdem er überraschend ins Krankenhaus eingeliefert werden musste. Mit Denes verliert Deutschland seinen letzten großen k.u.k.-Schriftsteller. Den Humus, auf dem Talente wie er wachsen und gedeihen konnten, gibt es nicht mehr. Leider.


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