15. Februar 2011

Fiktion? Als die Betreuung des Herrn N. beendet war

Eine Staats-Kriminalszene aus dem Jahr 2024

Patrick N. kommt aus dem Interkulturellen Stadtteilbüro, wo er auf Anweisung der Neuen Agentur für Arbeit unentgeltlich halbtags beschäftigt ist, in seine Berliner Wohnung. Es scheint ein Abend wie jeder andere zu werden.

Er öffnet den Kühlschrank, um sich nach etwas Trinkbarem umzusehen. Noch bevor er eine Flasche Rotwein entnommen hat, piept das elektronische Implantat in seinem Oberarm, das er – wie alle Bundesbürger – seit dem Vorjahr unter der Haut trägt. (Die Allparteien-Bundesregierung hatte das „Gesetz zur persönlichen Datenkommunikation“ erlassen, um nach dem Niedergang der öffentlich-rechtlichen Medien die „Informationskanäle für Bürgerinnen und Bürger sicherzustellen“.) Eine freundliche Frauenstimme sagt: „Achtung! Sie haben in diesem Monat bereits vier Weinflaschen aus dem elektronisch geregelten Getränkefach entnommen. Alkohol gefährdet Ihre Gesundheit und lässt Ihren Beitrag zur Allgemeinen Krankenversicherung steigen.“

N. zahlt bereits ein Drittel seines Einkommens an die Versicherung, die für alle Steuerzahler (etwa 40 Prozent der Gesamtbevölkerung) obligatorisch eingeführt wurde. Er verzichtet daher auf den Wein und greift zu Pommes frittes, um das Abendessen vorzubereiten. Das Implantat piept: „Achtung! Vorgefertigte Pommes frittes enthalten Transfette, die mit einer ausgewogenen Ernährung nicht zu vereinbaren sind. Wenn sie ihren elektronischen Backofen dennoch in Betrieb setzen wollen, sehen Sie zuvor den 15minütigen Videoclip ‚So ernähre ich mich verantwortlich und umweltbewusst’ von Erziehungsministerin Künast“.

N. möchte den Film jetzt nicht sehen. Aber ein paar andere Dinge würde er gern im Internet erledigen und beantragt daher unter Angabe seiner Implantatsnummer eine Zugangsberechtigung. „Achtung!“ hört er die Stimme gleichmütig sagen. „Das Internet enthält vermehrt pädokriminelle, rechtsextreme und konservative Inhalte. Da Sie als früheres Mitglied einer sogenannten ‚Aktion Rettet die Freiheit’ registriert sind, kann ihnen in diesem Monat kein weiterer Zugang gewährt werden.“

Während N. überlegt, wie er sich noch einen schönen Abend machen könnte, zündet er gedankenlos eine Zigarette an. „Achtung! Ihr Rauchmelder registriert Emissionen, die aus einer Zigarette stammen könnten. Der Gebrauch von Tabakwaren ist nur in dafür angemeldeten Zonen gestattet!“ N. hatte vergessen, dass dem Antrag auf eine Raucherwohnung noch nicht stattgegeben wurde, weil zuvor geprüft werden muss, ob unter Achtzehnjährige zu der viergeschossigen Wohnanlage Zugang haben.

Erleichtert hört er, wie sich die Tür öffnet und seine Freundin hereinkommt. „Schön, dass Du da bist“, flüstert er ihr ins Ohr und umarmt sie. „Achtung“ sagt die unverändert tonlose Stimme. „Der Wärmemelder registriert die Nähe einer weiteren Person. Bitte beachten Sie: Sexueller Verkehr ist nur zulässig, wenn ein zertifiziertes Kondom benutzt wird. Missachtung der Integrität weiblicher Geschlechtspartner wird behördlich verfolgt!“

N. verliert die Lust auf eine intensivere Begrüßung seiner Freundin. Er hat zu überhaupt nichts mehr Lust. Ein Buch zu lesen ist nicht mehr möglich, da in einer Viertelstunde die Beleuchtung abgestellt wird. (Die zu 80 Prozent aus regenerativer Energie gespeisten Kraftwerke können die nächtliche Stromversorgung nicht mehr dauerhaft gewährleisten.) Für ein paar Seiten „eigentümlich frei“, das ihm seit dem bundesweiten Verbot der Zeitschrift in einem Tarnumschlag aus der Schweiz zugestellt wird, würde es noch reichen. Aber seit er vor zwei Wochen bei einer lateinischen Messe im Berliner Untergrund erwischt wurde (das EU-Parlament hatte ein Verbot „abhängig machender religiöser Kulte“ beschlossen und den Vatikanstaat als „inhumanes Regime“ eingestuft), ist seine Postüberwachung noch strenger.

Er könnte seinen Sohn anrufen, der in der Sozialen Ganztagsschule untergebracht wurde, um dort, wie fast alle seines Jahrgangs, mit sechzehn Jahren das Euro-Abitur abzulegen. Beim Einschalten des Mobiltelefons liest er auf dem Display: „Eine Gesprächsminute kostet 2.254.000 Euro (Inflationsstand 15.02.2024, 17 Uhr).“ Wieder mehr als gestern. Er tippt die Nummer ein und hört eine automatisierte Ansage. „Achtung! Zur Vermeidung subjektivistischer Beeinflussungen unserer Schüler musste der Kontakt mit Familienangehörigen eingeschränkt werden. Falls Sie Nachrichten über Ihren Sohn wünschen, wenden Sie sich bitte zu den Sprechzeiten an seine Betreuerin, Dipl.-Soz.Päd. Gesine Knaack-Entenmann.“

N. legt das Telefon beiseite und starrt an die Decke. Dann erinnert er sich, dass er beim vorgeschriebenen jährlichen Ersthelferkurs der Gebrauch einfacher chirurgischer Instrumente beigebracht wurde. Es gelingt ihm, mit Hilfe einer Uhrmacherzange (die er wegen der Stromausfälle zur Instandhaltung seiner alten mechanischen Uhr angeschafft hat) das Implantat herauszuoperieren. Zwar geht unmittelbar eine Warnmeldung an die Bürger-Betreuungsstelle, aber die personelle Überlastung der Behörde wird dafür sorgen, dass nicht vor übermorgen ein Kontrollbeamter an der Tür steht.

Eilig holt er seinen Mantel und verlässt das Haus. Mit dem Fahrrad erreicht er die Autonome Region Wedding, die von einem Imam geleitet wird. Einige seiner alten Schulfreunde, die entweder türkische Verwandte hatten oder sich einen falschen Ausweis beschaffen konnten, leben dort unbehelligt, steuerfrei und ohne Implantat. Es gibt auch überall Waffen zu kaufen, deren Privatbesitz in Deutschland längst verboten ist.

Wenige Stunden später befinden sich N. und fünf Freunde im Schutze der Dunkelheit auf dem Weg zum Kanzlerinnenamt. Sie wissen nicht, ob sie bis zum Büro von Frau Roth vordringen werden, aber sie wissen, dass es ihnen ernst ist. „Wenn wir vor zehn Jahren rechtzeitig was getan hätten, müssten wir jetzt nicht zum letzten Mittel greifen“, sagt einer von ihnen.

Information

Dieser Artikel wurde vom Autor bereits im Februar 2011 geschrieben, nachdem gerade die FDP-Drogenbeauftragte bekannt gegeben hatte, Spielautomaten in Gaststätten verbieten zu wollen. Spielautomaten? Wer erinnert sich noch?


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Autor

Hans-Ulrich Kopp

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige