Robert Grözinger

Robert Grözinger, Jahrgang 1965, Diplom-Ökonom, ist freier Journalist und Übersetzer.

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Irak-Krieg 2003: Grundloser, hirnloser strategischer Megafehler des Westens

von Robert Grözinger

Arabische Nationen können sich selbst von Tyrannen befreien

Jetzt wissen es alle: Der offizielle Grund für den Angriff auf den Irak im Jahr 2003 basierte auf einer schlichten Unwahrheit eines Überläufers mit zweifelhaften Charaktereigenschaften. Wie Rafid Ahmed Alwan, genannt „Curveball“, letzte Woche im Interview mit dem britischen „Guardian“ zugab, tischte er dem Bundesnachrichtendienst vor etwa elf Jahren eine satte Lüge auf, wonach Saddam Hussein über biologische Massenvernichtungswaffen verfügte. Der BND, der ihm nicht glaubte, reichte die Information an die damalige rotgrüne Bundesregierung weiter. Diese, ganz der vorbildliche Vasall, informierte die CIA, wenn auch mit den Glaubwürdigkeitsvorbehalten. Die CIA wiederum informierte den Imperator in Washington, der keine Bestätigung aus unabhängiger Quelle benötigte, weil ihm die Anschuldigungen prima ins Konzept passten.

Die Massenmedien in den USA schufen das propagandistische Begleitmaterial, unabhängige Stimmen wurden mundtot gemacht. Der damalige Außenminister Colin Powell durfte vor der UN den Anthrax-Kasper spielen. Die ganze Panikmache war ein Theater sondergleichen. Doch wer damals nicht völlig gehirnamputiert war, konnte das ganze absurde und bösartige Spiel schon vor der Invasion mit Leichtigkeit durchschauen. Denn: Wer wird schon mit hundertfünfzigtausend Soldaten ein Land überfallen wollen, das sich mit Massenvernichtungswaffen wehren könnte? Wer wird so viele eigene Truppen einer solchen Gefahr aussetzen wollen? Bush II ist zwar etwas beschränkt, aber wahnsinnig ist er nicht.

Wie es der historische Zufall so will, wird das Geständnis Alwans gerade zu dem historischen Zeitpunkt öffentlich, in dem die ganze arabische Welt sich anschickt, sich von ihren Diktatoren zu befreien. Das stringenteste Argument der Kriegsgegner von 2003 lautete: Es ist falsch, einem anderen Land von außen eine andere Regierungsform aufzustülpen – eine weitere erklärte Absicht der lautstarken Demokratiebefürworter. Wenn sich die Iraker von Hussein befreien wollen, so die Nichtinterventionisten, dann sollen sie das selber tun. Das wiederum wurde von den Kriegswilligen als Defätismus und Appeasement abgetan. Sie, die meist auch der Fata Morgana der irakischen Massenvernichtungswaffen hinterherliefen, jubelten ihrem Imperator zu. Nicht nur in den USA, sondern auch in den Vasallenstaaten.

Tausende wurden im Verlauf der Invasion getötet, mindestens zehntausende in der Folgezeit – eine unübersehbare Zahl davon Zivilisten. Unmittelbar nach dem Sturz Husseins entstand ein unkontrolliertes Chaos. Wohnhäuser, Institute, Museen wurden geplündert. Überfälle und Selbstmordanschläge waren an der Tagesordnung. Eine weitere, traurige Ironie: Indirekte Folge der Invasion dieser modernen Kreuzzügler ist die Verfolgung und Vertreibung einer der ältesten christlichen Gemeinden der Welt. Die Assyrer, um die es hier geht, sind direkte Nachfahren der frühesten Bewohner Mesopotamiens, ihre aramäische Sprache ist mit jener verwandt, die ihr Religionsstifter vor zwei Jahrtausenden sprach. Wie zur Vergeltung bluten die USA nun finanziell aus. Eine Billion Dollar hat die „Operation Iraqi Freedom“ bisher gekostet. Ganz abgesehen von der verlorengegangenen Glaubwürdigkeit des gesamten Westens in der Bevölkerung der Region.

Jene Hobbystrategen, Sesselkrieger und Möchtegernhelden, die damals für die Invasion eintraten, haben angesichts des aktuellen Geständnisses von „Curveball“ mehr denn je Anlass, sich für den kaum wiedergutzumachenden, gigantischen Schaden, den sie mit ihrer Gedankenlosigkeit angerichtet haben, in Grund und Boden zu schämen. Aber darauf werden wir lange warten. Eher werden sie dem nächsten außenpolitischen Abenteuer ihres Imperators zujubeln – wenn er nicht zuvor schon von der eigenen Bevölkerung nach Kairoer Methode hinweggefegt wird.

22. Februar 2011

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