24. Februar 2011

Karl-Theodor zu Guttenberg Endlich volksnah!

Genau diese Schramme hat ihm noch zur Vollkommenheit gefehlt

Der jüngste Verteidigungsminister der Bundesrepublik steht unter Beschuss. Karl-Theodor zu Guttenberg hat beim Erstellen seiner Doktorarbeit geschummelt. Zitate als solche nicht gekennzeichnet, Vortragstexte und Zeitungsartikel eingebaut. Vulgo: Abgeschrieben.

Zu glauben, dass dies dem linken Politologen Fischer-Lescano von der roten Uni Bremen tatsächlich rein zufällig bei einem Glas (Rot-) Wein auffiel, wäre naiv. Zu Guttenberg ist zu schnell in die obersten Sphären deutscher Bundespolitik hochgeschossen. Und: Anders als die ebenfalls jungen, aber dafür eher unscheinbaren Minister Philipp Rössler oder gar Kristina Schröder hat er auf seinem Weg nicht nur keine Konfrontation gescheut, sondern auch einige unpopuläre Entscheidungen durchgesetzt.

Als alle Welt mit der Kanzlerin Merkel an der Spitze noch Opel mit Hilfe von staatlichen Subventionen vor Insolvenz retten wollte, stellte sich Guttenberg entschieden dagegen. Er setzte sich durch und bekam Recht. Ein Jahr später war Opel auch ohne Hilfe vom Staat aus dem Gröbsten raus, die Katastrophenszenarien über den Untergang der ganzen Region haben sich im Nichts aufgelöst.

Nun also der tiefgreifendste Umbau der Bundeswehr in ihrer gesamten Geschichte. Wen interessiert es, dass wir die letzten in Europa mit einer flächendeckenden Wehrpflicht waren? Für die von der Reform Betroffenen geht es um Existenzsicherung. Standorte werden geschlossen, Zuliefererverträge gekündigt, hunderttausende Rekruten pro Jahr nicht mehr einberufen. Eine riesige Industrie wird schmerzhaft umgekrempelt. Wer so etwas durchsetzt, muss mit Angriffen auf sich rechnen.

Dass Guttenberg geschummelt hat, ist unbestritten. Zu viele Stellen von zu vielen Autoren sind in seiner Dissertation aufgeführt, ohne korrekt gekennzeichnet zu sein. Doch daraus ableiten zu wollen, dass er jetzt zurücktreten sollte, wäre zu weit hergeholt. Es ist zwar der schwerwiegendste Angriff auf Guttenberg von allen, die er bisher überstehen musste. Doch selbst im Krisenmanagement dieser Affäre zeigt sich die Professionalität Gutenbergs PR-Berater: Vergehen zugeben, Doktortitel zurückgeben, Bedauern ausdrücken. Das alles an die zuständige Stelle (Universität) abgeben und zur Tagesordnung übergehen. Und das während einer Pressekonferenz verkünden, die Zeitgleich mit der Regierungspresse­konferenz stattfand und somit nur sehr spärlich besetzt war, das zeigt gutes taktisches Geschick.

Die meiste Arbeit zu seiner Verteidigung muss freilich gar nicht Guttenberg selbst verrichten. Die „Bild“-Zeitung gibt kräftig Schützenhilfe. Gerade hat sie ermittelt, dass 87 Prozent aller Deutschen Guttenberg weiter im Amt behalten wollen. Bei solchen Popularitätswerten attestiert selbst die Kanzlerin, sie hätte in Guttenberg keinen wissenschaftlichen Mitarbeiter, sondern einen Verteidigungsminister eingestellt – und diesen Job würde er hervorragend meistern.

Das ministeriale Tagesgeschäft bringt auch Wichtigeres als Fußnoten einer alten Uniarbeit mit sich – sterbende deutsche Soldaten in Afghanistan oder die oben erwähnte Bundeswehrreform zum Beispiel.

Wenn er auch diese Attacke übersteht, wird zu Guttenberg zwar eine Schramme auf seinem bislang hoch polierten Image für immer behalten. Doch genau diese hat ihm noch zur Vollkommenheit gefehlt. Denn bisher war er zu perfekt, zu glatt, zu unnahbar. Ab jetzt ist er endlich Mensch. Denn, Hand aufs Herz: Wer von uns hat in der Schule nie abgeschrieben?


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