Gérard Bökenkamp

Jahrgang 1980, Historiker und Publizist.

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So lügt man mit Statistik: Armut und Arbeitslosigkeit sind eine Frage der Definition

von Gérard Bökenkamp

Über die Wirklichkeit hinter den Zahlen

Nicht erst seit der Agenda 2010 wird darüber diskutiert, wie hoch die Arbeitslosigkeit in der Bundesrepublik eigentlich wirklich ist. Die einen meinen, die Arbeitslosenstatistik sei reine Augenwischerei, in Wahrheit sei die Arbeitslosigkeit viel höher. Die anderen meinen, es gäbe vielfältige Formen der Beschäftigung, die nicht in die Statistik einfließen, die Arbeitslosigkeit sei eigentlich viel niedriger. Wer hat also recht?

Als erstes ist Arbeitslosigkeit eine Frage der Definition. Wir messen das, was wir vorher definiert haben. In der Physik messen wir zum Beispiel „Energie“, Leistung, Geschwindigkeit und Zeit. Aber es ist sehr schwer zu erklären, was das genau bedeutet, wenn man Leistung, Geschwindigkeit Zeit oder Energie misst. Genau zu sagen, was Zeit oder Energie ist, fällt schon fast in den Bereich der Metaphysik. Für die praktische Arbeit genügt es in der Regel zu wissen, das man misst, was man vorher als Maßeinheit definiert hat. Ähnlich ist es auch mit vielen politischen und ökonomischen Begriffen. Wenn man von der Statistik wegkommt, und fragt, was eigentlich Arbeit ist und was sie nicht ist, wann sie wertvoll ist und wann nicht, wann sie angemessen entgolten wird, befindet man sich ebenfalls im Bereich der Philosophie, nämlich der Frage was ist ethisch, was ist der Sinn des Lebens, was heißt Leben eigentlich, was ist Glück? Genauso spricht man mit großer Selbstverständlichkeit von Armut, kann aber schwer definieren, was Armut eigentlich ist.

Für deutsche Verhältnisse gilt ein Bezieher des Arbeitslosengeldes II als arm, historisch gesehen und im Vergleich zu anderen Ländern lässt sich das kaum aufrechterhalten. Unbestritten ist, dass viele Menschen unzufrieden mit ihren Einkommensverhältnissen sind. Ist dies aber auch ein Zeichen von Armut? Denn die Unzufriedenheit über die materiellen Verhältnisse ist nicht unbedingt dann am größten, wenn die Armut am größten ist. Unter Ludwig XIV ging es den Leuten schlechter als unter Ludwig XVI. Der eine ging als Sonnenkönig in die Geschichte ein und Mehrer Frankreichs, dem anderen haben die Franzosen den Kopf abgeschlagen. Einen objektiven Zusammenhang zwischen Verelendung und Revolution, wie ihn Marx konstatierte, gibt es nicht. Wir sprechen oft von Armut, wenn wir Unzufriedenheit meinen. Man kann Armut herbeidefinieren und man kann sie weg definieren. Wenn man definiert, dass jeder arm ist, der weniger hat als die Hälfte des durchschnittlichen Einkommens zur Verfügung hat, bekomme ich eine Zahl für Arme. Wenn man die Definition auf Zweidrittel verändert, bekommt man mehr Arme, und wenn man sie auf ein Drittel verändert, weniger Arme. Per Definition kann man so viele und so wenig Arme schaffen wie man will.

Auch die Höhe der Arbeitslosigkeit hängt im Kern von der Definition und der Art der Erhebung der Arbeitslosenzahlen ab. Man kann das zum Beispiel so machen, dass man eine repräsentative Umfrage durchführt und die Menschen fragt: Haben sie Arbeit, ja oder nein? Die Zahl der Nein-Stimmen entspricht dann der Zahl der Arbeitslosen. Man kann die Umfrage auch subtiler durchführen und fragen „wie viele Stunden haben sie im letzten Monat gegen Entgelt gearbeitet?“ Ab einer bestimmten Stundenzahl gilt man als erwerbstätig. Unter einer gewissen Stundenzahl gilt man als arbeitslos.

Man kann das auch noch pragmatischer anlegen. Jeder, der eine bestimmte Sozialleistung beantragt und diese auch erhält, ist arbeitslos. Jeder, der sie nicht beantragt, gilt als beschäftigt. Unabhängig davon, ob derjenigen eigentlich arbeiten kann und will oder nicht. So messen wir das in Deutschland. Auf die möglichen Messfehler wird immer wieder hingewiesen, darum ist es auch nicht ganz klar, ob die Arbeitslosigkeit in Deutschland jetzt höher oder niedriger liegt als die veröffentlichten Zahlen. Je nach Definition könnte man annehmen, dass es in der Bundesrepublik in Wirklichkeit viel mehr Arbeitslose als in der offiziellen Statistik oder so gut wie gar keine Arbeitslosen gibt. Je nach dem was ich als Erwerbsarbeit gelten lasse und was nicht und was ich als Idealmaß für Vollbeschäftigung heranziehe.

Sehen wir uns einige Beispiele an, um die Relativität des Arbeitslosenbegriffs zu verdeutlichen:

Herr Müller wird von der Arbeitsagentur unter Androhung des Wegfalls der Leistungen gezwungen, an einer Fortbildungsmaßnahme teilzunehmen und fällt damit nach herrschender Praxis aus der Statistik. Das ist im Prinzip statistisch reine Willkür. Die Arbeitslosigkeit wäre also höher als amtlich ausgewiesen. Aber immer wenn am Nachmittag die Fortbildungsmaßnahme vorbei ist, geht Herr Müller zu seinem Kumpel Herrn Schmidt und arbeitet an dessen Haus und erhält dafür Bargeld, von dem er weder Steuern, noch Sozialleistungen abführt. Diese Arbeit geht nicht in die Statistik ein, deshalb ist es offiziell auch keine Arbeit. Das Dach von Herrn Schmidt ist aber trotzdem erneuert, Statistik hin oder her. Also ist die offizielle Quote der Erwerbstätigen niedriger als sie „in Wirklichkeit“ ist. Auf dem großen weiten Feld der Schwarzarbeit wird viel Arbeit geleistet, die Arbeit ist, aber nicht als solche geführt wird. Der gesamte Bereich der Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen ist möglicherweise keine „richtige“ Arbeit, wird aber als solche geführt. Darum ist es tatsächlich schwer zu ermitteln, wie hoch die Erwerbslosigkeit wirklich ist. Darum kann man – je nachdem, wie man kalkuliert – davon ausgehen, dass das Beschäftigungsproblem viel größer ist, als offiziell ausgewiesen: Offizielle Zahl plus nicht in der Statistik aufgeführte Beschäftigungslose. Oder viel weniger, als die Statistik eigentlich ausweist: Offiziell ausgewiesene Zahl von Arbeitslosen minus der nicht offiziellen Beschäftigung.

Wie schwer die Frage zu beantworten ist, ob die offiziellen Statistiken tatsächlich Wohlstand und Arbeitslosigkeit messen können, zeigt auch die folgende Überlegung:

Frau Schmidt, eine Ehefrau und Mutter von vier Kindern, macht die Hausarbeit und leistet die Kinderbetreuung. Das gilt offiziell nicht als Arbeit und geht nicht in das Bruttoinlandsprodukt ein. Eine andere Mutter übt dieselbe Tätigkeit aus, und auch das ist offiziell keine Arbeit und geht nicht in das Bruttosozialprodukt ein. Das frustriert die beiden Damen, also machen sie einen Deal aus. Sie tauschen einfach ihre Kinder und ihre Haushalte. Frau Schmidt kümmert sich um die Kinder und den Haushalt von Frau Mayer und Frau Mayer kümmert sich um die Kinder und den Haushalt von Frau Schmidt und sie stellen sich gegenseitig an und vereinbaren einen Lohn miteinander von jeweils gleicher Höhe. Schon sind zwei neue Vollzeitarbeitsplätze entstanden, aus den angeblich unemanzipierten Hausfrauen wurden selbständige Unternehmerinnen, und das Wachstum wurde ordentlich angekurbelt. Auf diese Weise könnte man über Nacht Hunderttausende von Arbeitsplätzen und zusätzliches Wachstum generieren, nebenbei auch die Beschäftigungsquote der Frauen erhöhen und damit etwas für die Emanzipation tun, ohne dass ein Handschlag mehr getan wird als vorher. So etwas nennt man ein Patent-Rezept.

Dass so etwas funktioniert, wurde in der Heimat von Aristoteles und Platon auf andere Weise trefflich bewiesen. In Griechenland wurde 2005 eine besondere Form des Wirtschaftswunders in die Wege geleitet. Der „SPIEGEL“ berichtete: „EU-Mitglied Griechenland hat die Wirtschaftsleistung des vergangenen Jahres neu berechnet. Demnach soll das BIP statt 182 nun 225 Milliarden Euro betragen. Dabei sind nun allerdings auch Teile der Schattenwirtschaft, wie der illegale Zigarettenhandel, Einnahmen der Bordelle und Einnahmen durch Schmiergelder berücksichtigt worden.“ Eine solche Steigerung des BIP hat es hierzulande schon lange nicht mehr gegeben. Im Grunde ist das nicht einmal falsch, auch in Bordellen wird, wenn man so will, Arbeit geleistet und illegale Zigarettenhändler müssen sich nicht weniger die Beine in den Bauch stehen als ihre legalen Kollegen. Oft unter wesentlich unangenehmeren Bedingungen. Also auch eine Definitionssache. Ohne Zweifel könnte man auch hierzulande von einem Tag zum anderen die offizielle Arbeitslosigkeit massiv senken und das BIP massiv erhöhen, wenn man mit einem Schlag die Schattenwirtschaft in die Statistik aufnehmen würde.

In vielerlei Hinsicht ist „Arbeitslosigkeit“ also keine Frage der Ökonomie im engeren Sinne, sondern der Politik und der Rechtslage. Denn die offizielle Arbeitslosigkeit beruht im Kern auf Verboten – also auf juristischen Bestimmungen. Es gibt dabei offene und versteckte Verbote. Wenn der Staat zum Beispiel bestimmte Qualitätsstandards vorschreibt, dann ist das ein Arbeitsverbot für alle, die zu dieser Qualität nicht arbeiten können. Wenn ein bestimmtes Lohnniveau festgeschrieben wird, dann wird Arbeit, die sich nur für einen Lohn unterhalb dieses Niveaus rechnet, verboten. Dem liegt eine Definition von akzeptablem und unakzeptablem Lohn zugrunde. Eine bestimmte Lohnhöhe gilt als unmoralisch und deshalb als verbotswürdig, nichts anderes bedeutet etwa ein gesetzlicher Mindestlohn oder ein flächendeckender, verbindlicher Tarifvertrag.

Nun ist es aber so, dass bis ins 20. Jahrhundert 99 Prozent der Menschen für die letzten 100.000 Jahre für weit weniger gearbeitet haben als für Löhne, die heute als unakzeptabel gelten, und Milliarden Menschen auf der Welt arbeiten zu Arbeitsbedingungen und Löhnen, die unterhalb des definierten Mindestniveaus liegen. Viele sagen, in der DDR habe es wenigstens genug Arbeit gegeben und beklagen die Massenarbeitslosigkeit nach der Wiedervereinigung. Vollbeschäftigung zu den Arbeitsbedingungen, also für den Lebensstandard der DDR, wäre auch heute möglich. Man vergleicht also Äpfel und Birnen. Zwei unterschiedliche politische Systeme haben unterschiedliche Ansprüche und Erwartungen definiert. Es ist also nicht nur eine juristische und politische, sondern vor allem eine kulturelle Frage, nämlich die der in unserem Denken verankerten Ansprüche und Erwartungen, die über Arbeit und Arbeitslosigkeit bestimmt. Arbeit ebenso wie Arbeitslosigkeit ist im Grunde ein soziokulturelles Konstrukt. Würde man unsere Definition von einer akzeptablen Lohnhöhe in andere Länder exportieren und dort verbindlich machen, dann hätte man mit einem Schlag eine enorme Arbeitslosigkeit herbeidefiniert.

Erst wird definiert, dass eine bestimmte Arbeit und eine bestimmte Entlohnung unakzeptabel sind. Diese Arbeit wird dann verboten. Wenn Arbeit verboten wird, kann sie natürlich – wenigstens offiziell – nicht ausgeübt werden. Diejenigen, die nur zu den verbotenen Bedingungen Arbeit finden können, werden arbeitslos oder besser erwerbslos. Da diese Arbeitsverbote leicht zu politischer Instabilität führen können, wird über den Staat eine indirekte Form der Einstellung geschaffen. Der Staat erhebt Steuern und Abgaben und finanziert damit die Erwerbstätigkeit der Arbeitssuchenden selbst, da der Markt es nicht mehr kann. Das geschieht auf zweierlei Weise. Er stellt die Arbeitssuchenden selbst ein, etwa indem er den öffentlichen Dienst ausbaut, öffentliche Beschäftigung schafft, Arbeitsplätze subventioniert, Studenten an den Universitäten behält, oder die Armee vergrößert. Oder er kann pauschale Geldleistungen zahlen, um den Lebensunterhalt der Nichteingestellten sicherzustellen.

Diese Entscheidung ist von wesentlicher Bedeutung für die öffentliche Wahrnehmung der Arbeitslosigkeit. Wenn der Staat einem Studenten 20 Semester Studium finanziert, dann gilt er nicht als arbeitslos, wenn der Staat die Wehrpflicht einführt oder um einige Monate verlängert, gelten die jungen Männer in der Armee nicht als arbeitslos, wenn der Staat jedoch eine pauschale Geldleistung zahlt, dann geht das in die Statistik ein und die Zahl der Arbeitslosen steigt. Psychologisch ist nicht die Zahl der Bürger entscheidend, die ein Transferkommen vom Staat erhalten, sondern die Zahl, die die offizielle Arbeitslosenstatistik ausweist.

Die jeweilige Regierung wird also ein starkes Interesse daran haben, im Privatsektor nicht Angestellte aus der Pauschalzahlung in eine öffentliche Beschäftigung zu bringen. So erklären sich die sogenannten Beschäftigungswunder etwa der Nationalsozialisten oder der New Dealer im Zweiten Weltkrieg. Man drückt dem Arbeitslosen eine Schippe in die Hand, und er ist aus der Arbeitslosigkeit heraus. Man zieht dem Arbeitslosen eine Uniform an, steckt ihn in eine Kaserne oder schickt ihn an eine Front, und schon ist er nicht mehr arbeitslos. Arbeitslosigkeit ist also einfach eine Definitionssache, und der Staat kann mit bestimmten Maßnahmen die Arbeitslosigkeit einfach wegdefinieren. So wie er sie vorher einfach herbeidefiniert hat. Dem Arbeitslosen von 1937, der in Chicago keine Anstellung mehr gefunden hat, ging es als Soldat in der Normandie unter Granatenbeschuss nicht unbedingt besser. Dennoch wird bis heute davon gesprochen und geschrieben, durch den Krieg sei die Arbeitslosigkeit überwunden worden.

Man könnte also möglicherweise der Arbeitslosigkeit alle staatlich Bediensteten mit dazuschlagen, die über den Staat ein steuerfinanziertes Einkommen erhalten. Aber auch das ist nicht so einfach. Viele der Tätigkeiten, die heute staatliche Angestellte übernehmen, würden auch geleistet werden, wenn der Staat sie nicht verrichten lassen würde. Wenn es keine staatlichen Schulen gäbe, würde es private Schulen geben, wenn es keine Universitäten gebe, würde es mehr private Universitäten geben. Auf der anderen Seite gibt es private Unternehmen, die möglicherweise nicht existieren würden, wenn der Staat nicht Geld umverteilen würde. Dazu gehört etwa ein Bauunternehmen, das zum Beispiel Staatsaufträge erhält, oder ein Steuerberater, dessen Beratertätigkeit vom Steuerwust abhängig ist, den der Staat produziert. Eine reale Zahl der Beschäftigten und der Arbeitslosen lässt sich also nie genau ermitteln, da es von zu vielen Variablen und relativ willkürlichen Festlegungen abhängt. Es gibt zu viele Wenns und Abers. Darum ist es auch nur schwer möglich, Arbeitsmärkte miteinander zu vergleichen.

Arbeit, Arbeitslosigkeit, Armut sind statistische Konstrukte, die auf einem soziokulturellen Vorverständnis aufbauen und durch politische und juristische Bestimmungen konstituiert werden. Durch kleine Verschiebungen in der Statistik und der Definition kann man enorme „Erfolge“ verbuchen. Die Realität hinter den Zahlen findet aber oft keine Beachtung: Was nicht in der Statistik ist, ist auch nicht in der Welt. Auf jeden Fall nicht aus der Perspektive des politischen Apparates und dem ihr zuarbeitenden Wirtschafts- und Gesellschaftswissenschaften. Der Fetisch um die Statistik und das Nicht-Hinterfragen von Definitionen und Grundbegriffen hat schon zu obskursten Verwerfungen geführt: Hitlers Beschäftigungspolitik fand von der Wirtschaftswissenschaft ebenso Anerkennung wie Stalins und Maos enormes „Wirtschaftswachstum.“ Ohne ein Verständnis für die historischen, kulturellen und sozialen Zusammen hinter den Zahlen sind Statistiken nicht nur unbrauchbar, sondern geradezu schädlich.

26. Februar 2011

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