20. März 2011

Kommentar aus Japan Warum ich in Tokio bleibe

Und warum wir ARD und ZDF meiden sollten

Tausende haben Tokio vor kurzem in einer Panik wegen der angeblichen Strahlungsgefahr verlassen. Wenn man einen von ihnen bittet, genau zu artikulieren, woraus die Gefahr besteht, wird er nicht in der Lage sein, dies zu tun. Das ist so, weil eigentlich niemand genau weiß, woraus die Gefahr besteht, und weil es in der Tat keine Gefahr gibt, die eine Abreise rechtfertigt, zumindest nicht abnormale Radioaktivität. Die Menschen fliehen, weil sie irgendwo gehört haben, dass es eine Bedrohung gibt – von den Medien, ihren Botschaften, ihren Verwandten in Übersee, Freunden, usw. Auch diese Informationsquellen haben nie eine glaubhafte Erklärung für ihre Empfehlungen gegeben. 

Aber sie haben es geschafft, eine Massenpanik zu verursachen, so dass Tausende von Menschen ihr Geld für überteuerte Flugtickets verschwendeten, ihre Berufsleben unterbrachen, die Schulbildung ihrer Kinder aussetzten, und diverse andere produktive Aktivitäten, denen sie nachgingen, aufgaben. In einigen Fällen haben ausländische Führungskräfte ihre Posten in Tokio verlassen, was einen völligen Respektverlust bei denen garantiert, die geblieben sind. Einige Dienstleister, die sich um die Bedürfnisse der ausländischen Gemeinschaft kümmern, haben fast ihr gesamtes Einkommen über Nacht verloren. Andere Anbieter wiederum werden langfristig Kundschaft verlieren, weil sie selbst geflohen sind, so dass ihre zurückgebliebenen Kunden und Klienten gezwungen sind, neue Anbieter zu finden. Haushaltshilfen vor allem aus den Philippinen haben plötzlich ihre Lebensgrundlage verloren, weil ihre „Arbeitgeber“ denken, dass es ist Ordnung ist, zu fliehen, ohne ihren Helfern auch nur einen weiteren Pfennig zu zahlen. Ein weiteres Ergebnis der Hysterie ist, dass die Aufmerksamkeit von der echten Katastrophe abgelenkt wurde: dem Schaden im Nordosten Japans, wo Tausende gestorben sind und viele Zehntausende im Moment unter entsetzlichen Bedingungen leben und auf Hilfe warten.

Man vergleiche dies mit der Tatsache, dass die Radioaktivität in Tokio gegenwärtig völlig ungefährlich ist und auch seit dem Anfang des Zwischenfalls in Fukushima die gesamte Zeit ungefährlich war. In den letzten Tagen schwankte die Radioaktivität hier um die 0.05 bis 0.10 Microsievert pro Stunde - 0.05 ist für Tokio normal – mit zwei kurzen Spikes, einmal bis 0.35 und einmal bis 0.5 Microsievert. Selbst diese scheinbar dramatischen Spikes sind weit unter jeder bedenklichen Dosis. Zum Beispiel bringt auch der Verzehr einer Banane eine Belastung von 0.1 Microsievert mit sich, und das – gewöhnlich – viel schneller als über eine Stunde!

Moderne Instrumente zur Radioaktivitätsmessung sind extrem empfindlich und präzise, und zeigen auch die kleinsten Abweichungen mit beeindruckender Zuverlässigkeit an. Nirgendwo im Raum Tokio hat es Messungen gegeben, die irgendeine Art von Gesundheitsrisiko angedeutet hätten. Es gab in der Tat Anstiege in der Radioaktivität, die aber winzig und einfach irrelevant für die menschliche Gesundheit waren. Die Gefahr einer Vertuschung gibt es auch nicht. Instrumente zur Messung von Radioaktivität gibt es bei vielen verschiedenen Forschungseinrichtungen, die nicht von der japanischen Regierung kontrolliert werden. Die japanische Regierung hat auch keine Kontrolle über die Medien. Es gibt in diesem Land einfach keine Gesetze und keine Mittel dazu.

Aber was ist, wenn es zum „GAU“ kommt? Vier Tage lang habe ich jetzt versucht, eine ernstzunehmende Informationsquelle zu finden – einen Nuklearsicherheitingenieur oder einen Experten für öffentliche Gesundheit – der in der Lage wäre, zu sagen, was genau die Bedrohung für die Bewohner von Tokio ist. Es war schwierig, weil es nicht viele gibt, die sich die Mühe machen, sich zu dem Thema zu äußern. Ich könnte hier mehrere japanische Experten zitieren,  werde das aber nicht tun, um eine Debatte über deren Glaubwürdigkeit (an der ich persönlich keine besonderen Zweifel habe) zu vermeiden. Die direkteste Antwort auf die Frage von außerhalb Japans, die ich gefunden habe, kommt von dem obersten Wissenschaftlichen Berater der britischen Regierung, Sir John Beddington. In einem Telefonat mit der britischen Botschaft in Tokio sagt er über den „GAU“:

„Bei diesem vernünftig annehmbaren GAU wird es eine Explosion geben. Ein Teil des radioaktiven Materials wird bis zu ca. 500 Meter hoch in die Luft steigen. Nun, das ist wirklich ernst, aber es ist wiederum nur ernst für das lokale Gebiet. Die Probleme sind im Umkreis von 30 Kilometer um den Reaktor. Und um Ihnen einen Kontext dafür zu geben, als Tschernobyl ein riesiges Feuer am Graphitkern hatte, ging Material nicht nur bis zu 500 Meter hoch, sondern bis zu 9.144 Meter. Das ging nicht nur für eine Stunde so, sondern monatelang, und brachte radioaktives Material bis in die obere Atmosphäre für eine sehr lange Zeit. Aber sogar im Fall von Tschernobyl war die Sperrzone nur etwa 30 Kilometer. Und bei dieser Sperrzone: Außerhalb von ihr, da gibt es keinerlei wie auch immer gearteten Nachweise, die anzeigen würden, dass Leute Probleme aufgrund der Strahlung hatten. Das Problem mit Tschernobyl war, dass die Menschen weiterhin das Wasser tranken, weiterhin das Gemüse aßen und so weiter, und das war es, wo die Probleme herkamen. Das wird hier nicht der Fall sein. Also, was ich wirklich nochmals betonen will ist, dass dies alles sehr problematisch für die unmittelbare Umgebung ist, und man muss Bedenken für die dort arbeitenden Menschen haben. Jenseits von diesen 20 bis 30 Kilometer ist es wirklich kein Problem für die Gesundheit.“

Es ist wichtig zu beachten, dass auch Beddington Wendungen wie „wirklich ernst“ usw. verwendet. Die meisten Nuklearsicherheitsingenieure würden zurzeit den Fukushima-Vorfall als „sehr ernst“ beschreiben und als potentiell mit „katastrophalen Folgen“. Aber der Punkt hierbei ist, dass man aus diesen Beschreibungen der Situation keine Probleme für die öffentlichen Gesundheit der Einwohner von Tokio ableiten kann! Sie gelten alleine für die örtliche Situation beim Kraftwerk in Fukushima und darum herum.

Zum Zeitpunkt des Schreibens dieses Kommentars (19. März 2011, 13:00 JST) ist der Status in Fukushima immer noch prekär, aber es gibt nun Anzeichen, dass die Situation sich stabilisiert hat und in den nächsten Tagen unter Kontrolle gebracht werden könnte.

Tokio, auch in dieser Zeit der Krise, bleibt eine der besten, sichersten und coolsten Großstädte der Welt. Alle öffentlichen Dienstleistungen funktionieren normal oder fast normal. Viele Bereiche der Innenstadt von Tokio haben keinerlei Stromausfälle gehabt, und wenn solche eintreten, sind sie auf ein paar Stunden und bestimmte Bereiche beschränkt und werden lange im Voraus angekündigt. Ich persönlich habe keine Stromausfälle erlebt. Lebensmittel gibt es in fast normaler Quantität und Qualität. Die einzigen Nahrungsmittel, wo ich persönlich Mängel gesehen habe – aufgrund von Panikeinkäufen – sind Milch, Milchprodukte, und Reis. Die Treibstoff-(Benzin-)Versorgung ist in der Tat begrenzt, aber erst gestern konnte ich mein Auto volltanken nach „nur“ 15 Minuten Wartezeit. Die öffentliche Sicherheit und Ordnung in Tokio ist immer noch besser als in jeder anderen Großstadt der Welt, so wie es immer gewesen ist in den letzten Jahrzehnten.

Um das nochmal richtig reinzudrücken: Wer in New York, Shanghai, Berlin, London oder Sydney oder in irgendeiner anderen Metropole der Welt lebt, ist Gefahren wie Kriminalität oder Verkehrsunfällen auf jeden Fall mehr ausgesetzt, als ich es in diesem Augenblick bin, und in den meisten Fällen erheblich mehr!

Aktives und passives Rauchen, Auto- oder Motorradfahren, eine Lungenröntgenaufnahme, bei Rot über die Straße laufen, oder mit einem Snowboard einen verschneiten Berg runterfahren sind alles viel riskantere Aktivitäten als einfach auf einer sonnigen Dachterrasse in Tokio zu sitzen. Und sonnig ist es heute in der Hauptstadt des Landes, dessen Name wörtlich „Ursprung der Sonne“ bedeutet! 

Information

Um sachliche Informationen über den Status bei Fukushima zu erhalten, vermeidet ARD/ZDF/CNN und lest mitnse.com oder bravenewclimate.com

Internet

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Axel Lieber

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