Edgar L. Gärtner

Jahrgang 1949, Hydrobiologe, Wissenschaftsautor.

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Fukushima: Kernschmelze im Kopf

von Edgar L. Gärtner

Gedanken zum Ende des Atomzeitalters in Deutschland

22. März 2011

Führende deutsche Grüne wie Renate Künast und Cem Özdemir konnten angesichts der drohenden Kernschmelze im japanischen Kernkraftwerk Fukushima ihre Freude kaum verbergen. Endlich hatten sie wieder einen Vorfall, mit dem sie demonstrieren zu können glaubten, dass die Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl kein Einzelfall bleiben würde. Die Grünen reagierten also, wie man es von ihnen erwarten konnte.

Aber was ist in Angela Merkel gefahren, als sie die gerade erst mühsam durchgebrachte Laufzeitverlängerung für die 17 deutschen Kernkraftwerke wieder zur Disposition stellte? Man darf vermuten, dass sie nicht durchgedreht ist, sondern dass ihre Besorgnis hinsichtlich der Sicherheit der deutschen Atomkraftwerke nur gespielt war. In ihrem „Energiekonzept“ vom September 2010 war sie noch wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass diese verantwortbar sind. Denn die Kernkraft ist in den OECD-Ländern nachweislich die Form der Stromerzeugung mit dem geringsten Unfallrisiko. Vieles spricht dafür, dass es Angela Merkel um mehr ging als um eine opportunistische Geste angesichts anstehender Landtagswahlen. Vielmehr wollte sie womöglich auch die Gelegenheit nutzen, die ungeliebten Liberalen loszuwerden und die Weichen in Richtung auf eine neue große Koalition zu stellen. Deren Geschäftsgrundlage wäre vermutlich die verstärkte Nutzung von Kohle und Gas als „Brücke ins Zeitalter der erneuerbaren Energien“.

Zum Zeitpunkt der Reaktor-Havarie von Tschernobyl lebte ich in Ostfrankreich in der Nähe eines Thermalbades am Rande der Vogesen, in dem seit keltischer Zeit Krampfadern und Frauenleiden mit heißem und ziemlich stark radioaktivem Quellwasser behandelt wurden. Ich hatte bereits in meinem Biologiestudium gelernt, dass Radioaktivität zum Leben gehört und dass es auch hier auf die Dosis ankommt. Durch ein einfaches Experiment ließ sich zum Beispiel demonstrieren, dass Gras mit steigender Radioaktivität immer besser wuchs – bis zu einem Punkt, an dem die Pflanzen des Guten offenbar zuviel abbekamen. So fand ich es einleuchtend, dass sich damals Patienten buchstäblich Radioaktivitätskuren unterzogen. Als die Reaktor-Havarie von Tschernobyl gemeldet wurde, machte ich mir keine Sorgen um meine Familie. Im Gegenteil: Am 1. Mai, einem wunderschönen Frühlingstag, fuhr ich mit meiner Frau und unserem damals dreijährigen Sohn an einen fürs Baden leider noch viel zu kalten See im französischen Jura, um unser erstes Sonnenbad zu genießen.

In der Woche darauf stand wegen einer Recherche eine Rundreise durch Deutschland und Österreich auf meiner Agenda. Als ich durch Frankfurt kam, lud mich ein ehemaliger Studienkollege in ein vornehmes Dach-Restaurant zum Essen ein. Nichtsahnend wählte ich auf der Karte Goethes Leibgericht: Ochsenbrust mit grüner Soße. Als ich meine Bestellung aufgab, reagierte die Bedienung mit einem entgeisterten Gesichtsausdruck, den ich nie vergessen werde. Mein Freund klärte mich auf, dass wegen der von Tschernobyl heranziehenden radioaktiven „Wolke“ in keinem deutschen Restaurant mehr frisches Grün serviert werde. Davon hatte ich in Frankreich nichts mitbekommen.

Ich möchte damit nicht andeuten, dass ich die Franzosen für durchwegs vernünftiger halte als die Deutschen. Auch bei ihnen ist die Unfähigkeit, sich in kritischen Situationen für das kleinere Übel zu entscheiden, weit verbreitet. Nur äußert sich dies dort ganz anders – zum Beispiel, wenn Angehörige des aufgeblähten öffentlichen Dienstes durch Streiks wochenlang das halbe Land lahmlegen und am Ende nach mehr oder weniger lächerlichen Zugeständnissen ihres Arbeitgebers klein beigeben. Mir ist inzwischen bewusst geworden, dass die infantile Alles-oder-Nichts-Mentalität, die sich in Deutschland vor allem als Forderung nach einem „Nullrisiko“ äußert und in Frankreich eher in erpresserischen Blockadeaktionen, eine Folge der fortschreitenden Säkularisierung Europas sind. Die Abwägung zwischen zwei oder mehreren Übeln kommt meines Erachtens nicht ohne religiöse Begründung aus, denn es geht dabei letztlich immer um den Sinn des Lebens – eine Frage, die von keiner Wissenschaft und keinem rein quantitativen Kosten-Nutzen-Vergleich beantwortet werden kann.

Gerade die Japaner, bei denen die Säkularisierung bei weitem nicht so weit fortgeschritten ist wie bei den Europäern, zeigen uns mit ihrer Gelassenheit gegenüber Naturkatastrophen sowie mit ihrer Opferbereitschaft und Disziplin, was die mentale Verankerung im Religiösen  - in diesem Fall im Buddhismus, Schintoismus oder Konfuzianismus – bewirken kann. Die Japaner veranschaulichen mit der Entschlossenheit und der Kreativität, mit denen sie sich nach jeder Katastrophe an den Wiederaufbau ihres Landes machen, warum der französische Literatur-Nobelpreisträger Albert Camus zum Schluss kam, man müsse sich Sisyphus als glücklichen Menschen vorstellen. Wo jedoch der Glaube schwindet, da macht sich die Dummheit breit. Die deutsche Obergrüne Bärbel Höhn hat das selbst demonstriert mit ihrem dummdreisten Spruch: „Windräder sind unsere Kathedralen!“

Dummheit bedeutet nach Kant Mangel an Urteilskraft. Der wegen seines Widerstandes gegen den Nationalsozialismus zum Tode verurteilte evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer hat in seinen Briefen aus dem Gefängnis eindringlich auf Folgendes aufmerksam gemacht: „Dummheit ist ein gefährlicherer Feind des Guten als Bosheit. Gegen das Böse lässt sich protestieren, es lässt sich bloßstellen, es lässt sich notfalls mit Gewalt verhindern,…. Gegen die Dummheit sind wir wehrlos.“ Das zeigt der unaufhaltsame Vormarsch der grünen Weltsicht in allen im deutschen Bundestag vertretenen Parteien. Die Grünen und Friedensbewegten demonstrieren ihre Unfähigkeit, das kleinere Übel auszumachen, indem sie deutsche Atomkraftwerke verteufeln, gleichzeitig aber durch die Subventionierung unzuverlässiger und teurer „erneuerbarer“ Energien alles tun, um Deutschland von Atomstrom-Importen abhängig zu machen. Obendrein betonen die gleichen Gruppierungen, dem iranischen Mullah-Regime stehe das Recht auf die zivile und militärische Nutzung der Atomkraft zu. Eine solche Schizophrenie kann man wohl nur durch eine Kernschmelze im Kopf erklären.

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