13. April 2011

Typisch deutsch Auf den Hund gekommen

Das Ausschalten der Acht Kostbarkeiten

Folgendes Ereignis spielte sich gerade bei meinem derzeitigen Lieblingschinesen in München ab, der ein All-You-Can-Eat Buffet inklusive Getränk zum für hiesige Verhältnisse sensationellen Preis von 7,80 Euro anbietet. Wichtig: In dem Laden herrscht Selbstbedienung, und die Gäste wandern immer wieder mit ihrem Tablett zum Buffet. Links neben mir saß heute ein Gast, dessen Hund andauernd an einer langen Leine im Gang herumwuselte. Während ich schon innerlich Wetten abschloss, wie lange es wohl dauern würde, bis ein Gast unfreiwillig Mr. Bean imitierend über das possierliche Tierchen stolpern würde, steuerte der chinesische Wirt auf den Gast zu und bat ihn, den Hund an die kurze Leine zu nehmen, weil sich schon Gäste beschwert hätten. Er erklärte ihm noch freundlich, dass er ihn jetzt zum dritten mal (an verschiedenen Tagen) aufgrund von Gästebeschwerden aufforderte und dass es wohl besser sei, den Hund vor dem Lokal anzubinden oder daheim zu lassen. Der Hundebesitzer reagierte natürlich empört, fügte sich aber mit einem trotzigen „In allen anderen Lokalen kann ich meinen Hund mitbringen. Aber gut, dann komme ich eben nie mehr hierher“.

Er vergaß selbstverständlich zu erwähnen, dass keines der anderen Lokale ein Buffet hatte. Wenn Gäste nämlich immer ein Tablett vor sich hertragen, sehen sie natürlich den Hund nicht. Wie mir der Wirt später erzählte, nahm er zu allem Überfluss den Hund immer auch noch mit ans Buffet. Die Unruhe des aufgeregten Tierchens mag der Tatsache geschuldet sein, dass er von seinen Mithunden gehört hatte, dass er in einem chinesischen Lokal durchaus auch auf der Speisekarte landen könnte. Als waschechter Münchner vergaß der Gast im Übrigen nicht zu erwähnen, dass er mit sämtlichen Gastwirten der Straße per Du war – inklusive einer Aufzählung der Namen der hohen Herren (in München zählen Wirte doch tatsächlich zur Prominenz – außer die chinesischen).

So weit so unerfreulich. Den Wirt plagte aber sein schlechtes Gewissen und er kam noch mehrfach an, um dem Hundebesitzer seine Position zu erklären und sich zu entschuldigen, dass er gar nicht anders handeln könne, wenn sich laufend Gäste beschweren. Ab diesem Zeitpunkt wandelte sich die Szenerie von einer bayerischen Komödie zu einem großdeutschen Drama. Jeanne D d`Arc trat auf den Plan. Eine blond toupierte Arzthelferin eilte heran, legte die Arme um den Hundebesitzer (was ich mir schon aus ästhetischen Gründen verbeten hätte) und herrschte den Wirt an: „Ich und unsere gesamte Arztpraxis werden nie mehr in Ihr Lokal kommen, Sie Hundefeind!“ Nun redeten der Hundebesitzer und Jeanne auf den armen Wirt ein, der in seiner Verzweiflung, die Arme herumwirbelnd wie ein Ninja auf Crack, immer nur herausbrachte: „Was soll ich tun, die anderen Gäste!“

Den Höhepunkt setzte dann die Kämpferin für Hunderechte. Vermutlich sah sie vor ihrem geistigen Auge schon, wie ihr der Bundespräsident das Verdienstkreuz für Zivilcourage umhängt und holte zum entscheidenden Schlag aus: „Sie sind hier in Deutschland!“ Am deutschen Wesen soll wieder einmal die Welt genesen. An dieser Stelle murmelte ich meinem Nachbarn zur Rechten zu: „Naja, viel deutscher als der Chinese kann man sich kaum verhalten“. Er begründete seine Position nicht nur mit der Gefahr für die Gäste, sondern auch mit der Hygiene, mit urdeutschen Tugenden: Sicherheit und Sauberkeit!.

Die blondierte Gutfrau hatte also ihre hässliche Fratze gezeigt, in Ihrer Äußerung schwang mit: Was machst Du Chinese überhaupt hier? Bietest günstiges Essen an, vernichtest dabei deutsche Arbeitsplätze und hältst dich nicht an unsere (sie meint natürlich ihre) Regeln. Ich konnte das Bild des hässlichen Deutschen bei dem Wirt später zerstreuen, weil ich ihn meiner vollen Solidarität versicherte, aber man sah, der Vorwurf traf ihn schwer. Nach in ihren Augen erfolgreich bestandener Schlacht stöckelte Jeanne zurück an Ihren Platz, wobei sie fast über den Hund stolperte. Sie konnte sich und ihre entgleisten Gesichtszüge gerade noch abfangen. Sie tätschelte dem Tier das Gesicht worauf dieser ihr fast in die Hand gebissen hätte. Der Hund – eine seltsame Mischung aus Spitz und Schäferhund mit Fledermausohren – war allerdings zugegebenermaßen so süß, dass ich ihn selbst beinahe gestreichelt hätte, als ich dreimal über ihn drüber steigen musste (das Buffet ist wirklich exzellent!).

Zu allem Überfluss erklärte mir mein Nachbar zur Rechten – selbst Betreiber eines Hotels – dass es in Deutschland sogar eine Verordnung gäbe, dass Hunde bei Buffets aus Sicherheitsgründen nicht erlaubt seien. Ich kam aber schnell mit ihm überein, dass wir in Deutschland schon genügend Regeln hätten und der Wirt so etwas – wenn auch offensichtlich unter Schwierigkeiten – selber regeln könne. Dabei fällt mir ein, dass ich vergessen habe, ihm von der „Partei der Vernunft“ zu erzählen, aber wir sehen uns sicher an selber Stelle wieder. Abgesehen davon kann sich in Deutschland immer noch ein Gast die Wirtschaft oder ein Wirt den Gast aussuchen, außer der Gast ist Nichtraucher und in Bayern. Der arme Chinese hatte also nicht nur die Vernunft, sondern sogar den deutschen Staat auf seiner Seite! Leider bekam Jeanne d`Arc das nicht mehr mit, weil sie wütend das Lokal verließ.

Wie im Kleinen so im Großen

Was lehrt uns diese Posse? Wir sehen hier eine typische deutsche Eigenschaft am Werk inklusive einer völligen Verdrehung der Tatsachen. Der Hundebesitzer stilisiert sich als Opfer, obwohl er der Egoist ist. Er schleppt seinen Hund mit, gefährdet dadurch die Gäste, statt den Hund entweder so zu erziehen, dass er am Platz bleibt oder einfach draußen anzubinden. Sofort setzt stattdessen eine Solidaritätsbewegung mit dem (tatsächlich unschuldigen) Hund und dessen unachtsamem Besitzer ein. Das ist die Politik der Grünen, wunderbar zu beobachten am Atomstreit. Da fordert ein schreckliches Erdbeben über 30.000 Opfer und die deutsche Presse sowie Politik haben nichts besseres zu tun, als das vergleichsweise harmlose Atomunglück (Todesopferzahl im einstelligen Bereich) für eigene Zwecke auszuschlachten. Am deutschen Wesen soll wieder einmal die Welt genesen.

Selbst jemand, der – wie ich – kein Freund der Kernenergie ist, muss doch konstatieren, dass die Maßnahmen der Bundesregierung mit dem Wort Hysterie noch untertrieben beschrieben sind. In 8.000 Kilometer Entfernung ereignet sich ein Erdbeben, und wir schalten hierzulande die Kraftwerke ab. Erstens kann niemand hierzulande ein solches Erdbeben und auch keinen solchen Tsunami (außerdem stehen unsere Kraftwerk nicht direkt am Meer) in Deutschland auslösen. Zweitens sind unsere Sicherheitsstandards die höchsten der Welt. Die angeblich so zahlreichen „Störfälle“ sind doch nur darauf zurückzuführen, dass die Sicherheitsstandards so hoch geschraubt wurden, dass selbst ein Hustenanfall eines Technikers einen Alarm auslöst, denn er könnte ja aus Versehen auf den falschen Knopf drücken.

Der Gipfel des Pharisäertums ist dabei, dass wir jetzt Atomstrom aus dem Ausland, vor allem aus Frankreich, wo 58 Kraftwerke stehen, importieren. Nach Lesart der Atomapokalyptiker würde ein GAU dort ja auch ganz Deutschland verseuchen. „Welt-Online“-Autor Thomas Kielinger hat dafür den schönen Begriff der „Ohnemichels“ erfunden. Die Deutschen wollen alles zugleich, billigen Strom und das Klima retten. Bei den Risiken heißt es aber: Ohne mich! Sollen das mal die Franzosen machen.

Das ist Rassismus 2.0, der auch in der Tirade unserer Jeanne d`Arc für Arme zum Ausdruck kommt. Aber für Grüne und Deutsche (was bald deckungsgleich ist) kommt der Strom ja aus der Steckdose. Wenn wir Atomkraftwerke abschalten, muss das durch Kohle und Gas ersetzt werden. Wind und Sonne sind bis zu zehnmal teurer, verschwenden folglich mehr knappe Ressourcen und können die Grundlast ohnehin nie bereitstellen, weil sie nicht immer zur Verfügung stehen. Wer also an das absurde Treibhausmärchen glaubt, muss entweder Atomenergie befürworten oder die Klappe halten. In Wirklichkeit haben wir genügend fossile Brennstoffe für mehrere Menschheiten, aber das wird ja von denselben Medien verschwiegen, die sich jetzt am Unglück der Japaner laben. Immer natürlich mit der Gutmenschen-Attitüde unserer blond toupierten Westentaschen-Jeanne d`Arc.


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