05. Mai 2011

Joachim Brücher, Marcus Wegerhoff und Lenz Jacobsen Die Nazis von Kölle

Eine Stadt, in der immer alle mitmachen

Kennen Sie Joachim Brücher und Marcus Wegerhoff? Wegen eines Artikels dieser beiden Kölner Lokal-Redakteure der „Bild“-Zeitung wurde gestern Strafanzeige gegen den Springer-Verlag erhoben. Dies ist nur der vorläufige und lediglich erste juristische Höhepunkt im Umfeld einer angemeldeten Demonstration der im Kölner Stadtrat vertretenen „Bürgerbewegung Pro Köln“. Deren „Marsch für die Freiheit“ ist für diesen Samstag angekündigt. Seine Gegner werden eine ganze Stadt in den Ausnahmezustand versetzen.

Wie bereits beim ebenfalls von Pro Köln veranstalteten „Antiislamisierungskongress“ am 20. September 2008 sind es militante „Gegendemonstranten“ und Linksextremisten, die für Blockaden und Ausschreitungen sorgen sollen. Doch einmal mehr arbeiten kleine und große Propagandaredakteure daran, aus Opfern Täter zu machen. Und umgekehrt.

In der aktuellen Ausgabe eigentümlich frei Nr. 112 zum Schwerpunktthema „Gewalt von links“ erklärt Autorin Lydia Flaß: „Während der gelernte BRD-Bürger bereits in der Grundschule und später per Dauerfunk und Fernsehschleife von der Haarspitze bis in den kleinen Zeh hinein verinnerlicht hat, dass die Gefahr stets von rechts ausgeht, ist genau dies der Humus, auf dem die linke Gewalt gedeiht. Regelmäßig schreiben und senden deutsche Medien, dass es bei ‚einem Aufmarsch der Rechten wieder zu Gewaltausschreitungen gekommen’ sei. Nur zwischen den Zeilen – wenn überhaupt – erfahren Zuschauer, dass diese Gewalt fast immer von der mitgereisten Gegenseite ausging. Nirgendwo sonst haben deutsche Journalisten die kühnsten Visionen George Orwells über Propaganda und Desinformation derart übertroffen wie in der Berichterstattung über extremistische Gewalt.“

Brücher und Wegerhoff stehen stellvertretend für nahezu einen gesamten Berufsstand. 2008 erntete der damalige Spiegel-Online-Schreiber Lenz Jacobsen höchstes Lob für entsprechende Berichte vom Antiislamisierungskongress (siehe Link unten).

Ausnahmen bestätigen die traurige Regel: Nach den Ereignissen vor zweieinhalb Jahren schrieb eine angewiderte „FAZ“ folgendes über die „Kölner Toleranz“: „Intoleranz kommt groß in Mode. Der Kölner Oberbürgermeister rühmt sich seiner Intoleranz gegen eine kleine Gruppe in seiner Stadt, die sich vor Muslimen fürchtet.“ Früher, so die „FAZ“, sei es „das Vorrecht der Bürger“ gewesen, „gegen die Politik auf die Straße zu gehen“. Nun werde auch der Begriff „Zivilcourage“ neu interpretiert: „Mut“ zeige, „wer mit der ganz großen Mehrheit gegen gewaltlose Minderheiten vorgeht.“ Für die Kölner, „die zu Zehntausenden für Toleranz demonstrieren, ist die Existenz von ein paar hundert Leuten rechtsaußen in ihrer Stadt schier unerträglich. Deshalb werden dort auch Anschläge auf Mitglieder von Pro Köln stillschweigend toleriert. Diese Mode ist wirklich zum Fürchten.“

Infostände von Pro Köln können stets nur unter Polizeischutz stattfinden. Mehrmals wurden Aktivisten der lokalen Formation brutal zusammengeschlagen. Wird es am Samstag Tote geben? Werden dann „Journalisten“ wie Joachim Brücher und Marcus Wegerhoff Ruhe geben?

Der liberale Autor Henryk M. Broder beschrieb die Ereignisse 2008 so: „Es war doch seltsam, wie auf allen Kanälen über die Antifa-Aktion gegen die ‚Rechtsradikalen’, ‚Rechtsextremisten’, ‚Nazis’ und ‚Neonazis’ berichtet wurde, die nach Köln gekommen waren, um Angst und Schrecken zu verbreiten. Man sah keinen einzigen von ihnen, dafür Hunderte von Autonomen, die sich Schlachten mit der Polizei lieferten. Wie immer, wenn die Antifa aufmarschiert, war keine Fa da, weswegen sich die alternative SA ersatzweise mit der Polizei anlegen musste. So ist das mit dem Antifaschismus heute: Er blüht und gedeiht mangels Faschisten, jeder Sesselpupser ein Widerstandskämpfer. Diesmal machte die ganze Stadt mit. Denn in Kölle machen immer alle mit, egal worum es geht, und hinterher war keiner dabei.“

Menschen neigen von Natur aus nicht immer zur Hatz auf Minderheiten. Dazu müssen sie mit den entsprechenden Mitteln „vorbereitet“ werden. Der Gegner wird dann mit zeitgemäßen Vokabeln „entmenschlicht“. Heute benutzt man dazu gerne das Etikett „Nazi“.

Brücher und Wegerhoff verstehen ihr Handwerk. Neun Tage vor der geplanten Demonstration starten sie ihre „Informationskampagne“, wenn sie am 28. April in Bild“ titeln: „Solche Neonazis kommen nach Köln“. Und da doppelt kölsch noch besser moppelt, wiederholen sie: „Neonazis, Hassprediger und Straftäter“ würden in der Stadt erwartet. Womit sie nicht etwa die militanten Schlägerbanden der „Gegenseite“ meinen, sondern die bislang stets bemerkenswert bieder auftretenden Veranstalter von Pro Köln und deren Gäste.

Joachim Brücher und Marcus Wegerhoff warten mit gleich vier „Beispielen“ von „Unmenschen“ auf. Drei davon, Susanne Winter und Johann Gudenus (beide FPÖ, Österreich) sowie Filip Dewinter (Vlaams Belang, Belgien), sitzen für ihre Parteien in den Bundesparlamenten (zweimal) oder im Landtag (einmal). Das erfährt der „Bild“-Leser vorsorglich lieber nicht. Ihm könnten Zweifel kommen, ob wirklich in den benachbarten Ländern reihenweise „Neonazis“ in die höchsten Häuser gewählt wurden. Beispiel vier ist der „ehemalige Lehrer Andreas Molau“. Und hier laufen Brücher und Wegerhoff zu einer gewissen Hochform auf, wenn sie schreiben: „Er schleppte sogar seine Kinder zu NPD-Demos.“

Tatsächlich wurden diese Kinder für den Vater in Sippenhaft genommen und gleich mit ihm von der Schule verwiesen, nachdem Molau vor sieben Jahren einen Job bei der NPD annahm. Molau, der inzwischen die extremistische NPD verlassen hatte und heute stark kritisiert, beschrieb die Vorgänge im Interview mit eigentümlich frei (Ausgabe 103) rückblickend einmal so: „Ich hatte noch nicht einmal Gelegenheit, meinen Schülern, die ich sechs Jahre lang unterrichtet hatte, Lebewohl zu sagen. Mir wurde die Auflage gemacht, dass ich mit Begleitung zehn Minuten in die Klasse gehen dürfe, um mich zu verabschieden. In den folgenden Jahren wurden mobile Berater gegen Rechtsextremismus in diese Klasse geschickt, die wohl herausfinden wollten, ob ich den Kindern einen weltanschaulichen Sender eingepflanzt hatte. Dann waren meine Kinder dran, die auch auf diese Schule gingen: neun und zwölf Jahre alt damals. Die wurden nach kurzer Zeit aus der Schule rausgeschmissen, weil es den anderen Schülern nicht zuzumuten sei, mit ‚Nazikindern’ auf eine Schule zu gehen. Außerdem wisse man ja nicht, ob sie nicht in einigen Jahren auf der Schule agitieren würden. Gestandene Erwachsene haben unsere Kleinen auf dem Schulhof angebrüllt, sie würden wohl auch Juden vergasen. Erwachsene wohlgemerkt! Der Kontakt zu Schulfreunden wurde von vielen Eltern untersagt. Fahrgemeinschaften haben uns auf offener Straße stehenlassen mit dem Hinweis, ‚Nazikinder’ würde man nicht im Auto mitnehmen.“

Es sind diese Kinder des nach Nazikriterien „Achteljuden“ Molau, die Brücher und Wegerhoff nun abermals für ihre Kampagne benutzen. Molau gab im Interview mit ef übrigens zu, dass er sich nicht entsprechend politisch engagiert hätte, wenn er die Folgen für seine Kinder erahnt hätte: „Hätte ich gewusst, wie sehr die Kinder unter diesen Ereignissen leiden würden, dann hätte ich mich nicht zu diesem Schritt entschlossen! Das wäre es mir nicht wert gewesen.“

Man muss Pro Köln und ihre Veranstaltungen nicht mögen, um sich über die anschwellenden Bocksgesänge einer ganzen Stadt gegen sie zu wundern. Der britische Libertäre Sean Gabb schreibt in der aktuellen Ausgabe eigentümlich frei (Nr. 112) im Zusammenhang mit ähnlichen Vorgängen in Großbritannien, die dortige British National Party (BNP) betreffend: „In einer liberalen Demokratie haben Menschen ein unbestrittenes Recht, in öffentlichen Angelegenheiten zu sagen, was ihnen gefällt. Sie dürfen dafür keine Diskriminierung erleiden. In der liberalen Demokratie haben sie ein unbestrittenes Recht, sich wem auch immer sie mögen anschließen zu können oder nicht. Sie dürfen nicht Terror ausgesetzt sein.“

Pro Köln geht es im Kern um „Islamkritik“. Das mag man für richtig halten oder nicht. Taktisch ist es eher keine Meisterleistung, angesichts der aktuellen Milliardenzahlungen deutscher Steuerzahler an Bankster, Pleitegriechen und Co. nun ausgerechnet gen Mekka und nicht wie zuletzt die Wahren Finnen vor allem gegen Brüssel und die immer spürbarer heraufziehende EUdSSR zu mobilisieren. Und natürlich ist es nicht ausgesprochen pfiffig, für ein nichtlinkes Anliegen in Deutschland „aufzumarschieren“ – bei einem selbstbetitelten „Marsch für die Freiheit“. Da waren zum Beispiel Liberäre vor einigen Jahren in Berlin sehr viel kreativer, als sie zu einem gemütlichen „Spaziergang für den Kapitalismus“ aufriefen, der es dann recht positiv beäugt gar ins Fernsehen schaffte und von den üblicherweise verdächtigen Krawallbrüdern unbehelligt blieb – gegen gemächlich mit einem Liedchen auf den Lippen dahinschreitende Flaneure zu wüten ist selbst dem hasserfülltesten SA-Mann der roten Fraktion einfach zu doof. Aber noch so viele Pro Kölner Marketing- und Taktik-Fehler und auch die größten inhaltlichen Schwächen können kein Grund sein, nicht zu erkennen, wer hier im Rheinland Opfer fehlender Meinungsfreiheit wie Toleranz und wer Täter in der Meute ist.

In der aktuellen Ausgabe eigentümlich frei Nr. 112 blickt auch Autor Lion Edler noch einmal zurück: „Als Tiefpunkt der politischen Kultur gelten noch heute die Vorgänge rund um den Anti-Islamisierungs-Kongress der anti-islamischen Partei Pro Köln im Jahr 2008.“ Während, so Edler, „die Medien gegen ‚rechts’ und den ordentlichen Kongress wetterten, schlugen Linksextremisten auf Teilnehmer desselben ein, ohne dass die Polizei einschritt. Ungehindert liefen linke Extremisten auf einen Bootssteg, an dem ein Schiff des Kongresses weilte. Der Kapitän warf panisch den Motor an und gab Vollgas. Bezeichnend war die Antwort von Polizeioberrat Michael Tiemann auf die Frage der auf dem Kongress anwesenden Politiker Harald Vilimsky aus Österreich (FPÖ) und Henry Nitzsche aus Sachsen (parteilos), wie man vom Rheinufer wegkommen wolle. Man könne ‚sich ja ein Taxi rufen’, höhnte Tiemann, wissend, dass sich wegen des gewaltbereiten Mobs kein Taxi mehr zum Anleger traute. Von Versammlungsfreiheit und friedlicher politischer Auseinandersetzung schienen in Köln auch viele Journalisten nicht viel zu halten. Als das Kongress-Schiff mit Pflastersteinen angegriffen wurde, standen die Journalisten feixend an Deck. Manche gaben telefonisch den aktuellen Standort des Schiffes weiter, was dazu führte, dass die Brücken, denen sich das Schiff näherte, sofort von den hasserfüllten Militanten besetzt wurden.“

Ob es Lenz Jacobsen war, der da feixte? Oder Joachim Brücher? Oder Marcus Wegerhoff? Haben sie ihre Handys für Samstag griffbereit? Die Kontakte zu den Militanten sind jedenfalls publizistisch geknüpft. Vorgestern verkündeten Brücher und Wegerhoff in den breiten Lettern ihrer „Bild“: „So leicht waren die Neonazis noch nie zu stoppen“. Die „autonomen Linken“, so wissen Brücher und Wegerhoff zu berichten, „haben gestern schon geübt.“ Auf dem Programm stand ein „Blockade-Training“. Die „Bild“ höhnt: „Wenn hunderte Gegendemonstranten den Aufgang zum Nadelöhr Deutzer Brücke blockieren, können die Rechten wohl nur über den Rhein schwimmen.“

Nun stellte Pro Köln Strafanzeige aufgrund dieses „journalistischen“ Beitrags wegen „Beleidigung und Verleumdung sowie Versammlungssprengung nach Paragraph 21 Versammlungsgesetz.“ Darin heißt es, der Artikel insgesamt vermittle „den Eindruck, dass es sich um eine Art von ‚Handlungsanweisung’ zur Verhinderung der für den 07.05.2011 anstehenden Veranstaltung handelt.“

Internet

„Bild“-Artikel 1

„Bild“-Artikel 2

ef-online-Artikel von Kaspar Rosenbaum über die Ereignisse am 20. September 2008 in Köln sowie über die damalige journalistische Berichterstattung von Lenz Jacobsen (Spiegel-Online)


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Kaspar Rosenbaum

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