Gérard Bökenkamp

Jahrgang 1980, Historiker und Publizist.

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Politischer Zahlen-Fetisch: Frage, was Du für die Statistik tun kannst!

von Gérard Bökenkamp

Den Konflikt zwischen Mensch und Zahl hat die Zahl gewonnen

Die Studie der Institution AB hat im Auftrag der politischen Organisation BD festgestellt, dass nur 10 Prozent der Gruppe A die erwünschte Eigenschaft X aufweisen, im Vergleich dazu aber fast 50 Prozent der Gruppe B. Also gibt es eine Ungleichheit zwischen den definierten Gruppen A und B. A ist demnach gegenüber B benachteiligt. Dies widerspricht dem Wunsch nach Gleichheit. Wünschbar wäre also, dass auch mindestens 50 Prozent der Gruppe A die Eigenschaft X aufweisen.

Also werden politische Maßnahmen gefordert und schließlich ein zentraler Plan aufgestellt, der das Ziel hat, die Zahl der Angehörigen der Gruppe A, die die erwünschte Eigenschaft X aufweisen, zu erhöhen. Dafür werden aus dem Haushalt finanzielle Mittel für die Umsetzung des Plans zur Verfügung gestellt. Wenn nach drei Jahren die Vergleichsstudie zeigt, dass inzwischen 15 Prozent der Gruppe A die erwünschte Eigenschaft X aufweisen gegenüber den 10 Prozent drei Jahre davor, dann wird die Regierung dies als Erfolg verbuchen, weil ja der Anteil der Gruppe A mit der Eigenschaft X um ein Drittel gesteigert werden konnte. Die Opposition wird hingegen darauf hinweisen, dass ja ein Anteil von 15 Prozent bei A immer noch weit von dem Plansoll von 50 Prozent, die B aufweist, entfernt ist.

So in etwa laufen heute politische Prozesse ab. Dabei kann man die gewählten Leerstellen A und B und X und Y beliebig füllen. Die Gruppen A und B können Einkommensgruppen sein, Ostdeutsche und Westdeutsche, Männer und Frauen, Einheimische und Zugewanderte, unterschiedliche Bildungstypen, verschiedene Konfessionen und so weiter. X und Y kann ein bestimmtes Einkommen sein oder Lebenserwartung, Bildungsabschluss, Ernährungsgewohnheiten, Familienstand, Führungspositionen und dergleichen. Erst definiert man eine Gruppe, dann definiert man ein Gut, eine Tätigkeit oder eine Eigenschaft, die als wünschbar angesehen wird, stellt fest in welchem Verhältnis verschiedene Gruppen daran Anteil haben, und wenn eine Gruppe weniger Anteil hat als eine andere, dann gilt sie als benachteiligt. Probleme werden so durch die Statistik definiert und sie werden durch die Veränderung der Statistik „gelöst.“ Die Statistik ist das ultimative Instrument zur Bewertung politischen Erfolgs und gesellschaftlicher Qualität geworden. Die Macht der statistischen Größe, reduziert auf eine einzige politische Zahl, ist der Fetisch unserer Zeit. Diese Zahl entwickelt in der umkämpften politischen Arena ein Eigenleben. Sie ist eine Messung, die mit dem Gegenstand, den sie misst, kaum noch etwas zu tun hat; wie ein Schatten, der sich von dem Gegenstand löst, der ihn wirft.

Hier ein aktuelles, sehr anschauliches Beispiel für dieses Phänomen: Die Zahlen der OECD zur Kinderarmut in Deutschland wurden vor der Bundestagswahl 2009 zum Politikum. Damals hatte die OECD den Prozentsatz der Kinder in Deutschland, die nach der OECD-Definition als arm galten, mit über 16 Prozent angegeben. Dies hätte über dem OECD-Durchschnitt von etwa 12 Prozent gelegen. Wohlgemerkt, damit ist nicht die absolute Armut gemeint, sondern die Zahl ergibt sich aus den Werten relativ zum jeweiligen Durchschnittseinkommen. Groß war aber die Erregung mit den zu erwartenden Forderungen nach Umverteilung und staatlicher Intervention. Jetzt hat sich herausgestellt, dass diese Zahl auf Fehlern in der Erhebungsbasis beruhte. Die Zahl war mächtig, aber sie war falsch. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat diese Zahlen inzwischen korrigiert. Den korrigierten Zahlen zufolge lag Deutschland zu keinem Zeitpunkt über dem Durchschnitt der OECD-Staaten, und der aktuelle Wert liegt mit knapp über 8 Prozent deutlich darunter.

Dass die Wirklichkeit anders als öffentlich verlautet aussehen könnte, das klang schon damals an. Der „SPIEGEL“ wunderte sich am 1. September 2009: „Trotz der vergleichsweise hohen relativen Armut berichtet nur einer von 200 Jugendlichen, dass ihm die notwendige Ausstattung für den Schulbesuch fehlt. Das ist der zweitniedrigste Wert in der OECD.“ Diese eher qualitativen Ergebnisse wurden aber ignoriert und alles konzentrierte sich auf die eine große Zahl, die sich inzwischen als falsch herausgestellt hat. Das bestätigt einmal mehr, dass Politik und öffentliche Meinung sich allzu oft zum Sklaven der Statistik machen und die Realität hinter der Statistik kaum noch eine Rolle spielt. Man bekämpft Probleme, die es so gar nicht gibt, und bewältigt Herausforderungen, die so nicht bestanden haben. Im ersten Schritt aus dem Datenmaterial eine Zahl herausgesiebt, dann wird diese Zahl emotionalisiert und dramatisiert und schließlich wird von der Politik alles daran gesetzt, diese Zahl zu erhöhen, zu senken oder zu erreichen. Man erinnert sich noch an das Versprechen von Bundesfinanzminister Theo Waigel, vor der Einführung des Euro das Maastricht-Kriterium zur Neuverschuldung punktgenau zu erreichen: „3,0 ist 3,0“, erklärte er. Ist der Umstand, dass diese Zahl damals mit Ach und Krach und ein wenig Mogeln erreicht wurde, angesichts der Aushebelung aller Schutzmechanismen in der Euro-Zone im Rückblick, von irgendeiner ökonomischen Relevanz?

Die Konsequenz dieses Zahlen-Fetischismus ist klar, Politik wird inzwischen vor allem dafür betrieben, dass am Ende in der Statistik und den Studien die Zahlen stimmen. Der einzelne Bürger ist bei der Erreichung dieser Ziele ein ausgesprochener Störfaktor, weil er dazu neigt, mit seinem unkontrollierbaren Verhalten der jeweiligen Regierung die Statistik zu verhageln.
Nehmen wir als Beispiel die Lebenserwartung: Sie wird oft als Indikator für die Qualität des Gesundheitssystems herangezogen. Ob man aber regelmäßig Sport treibt oder nicht, ob man sich gesund ernährt oder nicht, ob man Raucher ist oder Nichtraucher, viel, wenig oder gar keinen Alkohol trinkt, das ist eine Frage der individuellen Entscheidung. Wer rauchen möchte wie ein Schlot, trinken möchte wie ein Fass und die Bewegung scheut wie der Teufel das Weihwasser, der hat das gute Recht dazu, das auch zu tun. Aber, man muss wohl kein fachkundiger Arzt sein, um festzustellen, dass so ein Lebensstil die Lebenserwartung verkürzen kann. Wenn sich nun in einem Land eine wachsende Zahl von Menschen freiwillig dafür entscheidet, mehr zu rauchen, zu trinken, oder weniger Sport zu treiben als die Einwohner eines anderen Landes, dann wird sich das auf die Statistik auswirken.

Die Lebenserwartung wird statistisch möglicherweise sinken, das Land im Vergleich zu anderen statistisch schlechter abschneiden. Damit steht dann auch das Gesundheitssystem und somit die Politik am Pranger. Und das, obwohl dies nicht Folge einer politischen Fehlentscheidung sein muss, sondern lediglich die Folge davon sein kann, dass ein bestimmter Lebensstil von vielen Menschen als attraktiv angesehen wird, und diese die geringere Lebenserwartung, die damit einhergeht, in Kauf nehmen. Würden die US-Amerikaner weniger Auto fahren und mehr zu Fuß laufen, sich besser ernähren und etwas gegen ihre Übergewichtigkeit tun, dann läge die Lebenserwartung wahrscheinlich höher und ihr an sich gutes Gesundheitssystem hätte einen besseren Ruf. Aber der US-Bürger lebt offenbar nicht bevorzugt für den internationalen Ruf ihres Gesundheitssystems.

Ist es legitim, sich selbst zu entscheiden, wie man sich ernähren möchte? Ja. Es ist sicher auch legitim, sich frei zu entscheiden, mit welchem Partner man sein Leben verbringen will. Aber auch diese freie Entscheidung führt zu statistischen Phänomen, die sozialpolitisch als problematisch angesehen werden. Statistisch gesehen hat sich die Schere zwischen ärmeren und besser verdienenden Haushalten geöffnet. Wie so oft ist die reine Statistik ohne eine qualitative Vorstellung der ihr zu Grunde liegenden Entwicklungen wenig aussagekräftig. Ein wesentlicher Grund für die Einkommensschere zwischen den Haushalten liegt wohl nicht in der Ökonomie, sondern im kulturellen Wandel begründet. Zum einen hat die Zahl der Single-Haushalte stark zugenommen, und das senkt das durchschnittliche Haushaltseinkommen, und zum anderen hat sich das Verhalten bei der Partnerwahl verändert. Während es früher häufiger zu Eheschließungen zwischen den Schichten kam, heiraten heute in der Tendenz mehr Menschen innerhalb der eigenen Bildungs- und Einkommensgruppe. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ zieht daraus den richtigen Schluss: „Alles kommt jetzt darauf an, welchen Anteil an der wachsenden Ungleichheit man dem neuen Paarungs- und Versingelungsverhalten zuschreibt. Manche Wissenschaftler wollen darin den Hauptgrund sehen. Hätten sie recht, gäbe es keinen Grund zu irgendwelchen moralischen Beanstandungen oder politischen Umverteilungsforderungen.“

Wie sieht es nun mit statistischen Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern auf dem Arbeitsmarkt aus, die nicht auf Diskriminierung, sondern auf unterschiedlichen Vorlieben beruhen? Das Meinungsforschungsinstitut Allensbach wollte wissen, welches Berufs- und Familienmodell Frauen für sich ganz persönlich eigentlich bevorzugen und hat deshalb eine repräsentative Befragung durchgeführt. Die Frage lautete: „In welcher Rolle würden Sie sich als Frau am wohlsten fühlen?" Das Ergebnis der Befragung, bei der Mehrfachnennungen möglich waren, war, dass 59 Prozent der befragten Frauen erklärten, sie würden am liebsten Mutter sein und Teilzeit arbeiten, 14 Prozent sähen sich am liebsten als Hausfrau und Mutter. Als Hausfrau ohne Kinder mit und ohne Nebentätigkeit fühlten sich etwa 5 Prozent am wohlsten. Dem stehen 18 Prozent der befragten Frauen gegenüber, die sich als vollberufstätige Mutter am wohlsten fühlen und 13 Prozent sehen sich am liebsten als vollberufstätige Frau ohne Kinder.

Dass diese dominante persönliche Vorliebe für Teilzeitbeschäftigung und Hausarbeit gegenüber der Vollzeitbeschäftigung Folgen für die durchschnittliche Einkommensverteilung und die Verteilung von Führungspositionen zwischen den Geschlechtern hat, ist wohl kaum bestreitbar. Die Kernfrage lautet: Ist die aus diesen persönlichen Vorlieben folgende Verteilung zwischen den Geschlechtern nun legitim oder nicht legitim? Sollte man die Statistik nicht akzeptieren, die sich nun einmal aus der Summe der persönlichen Wünsche der einzelnen Betroffenen ergibt, oder soll der Staat versuchen, unter dem Motto, was nicht passt wird passend gemacht, die persönlichen Wünsche den Anforderungen der Statistik anpassen? Wem soll das Gemeinwesen dienen, dem Individuum oder der Zahl? Geht es darum, was die Menschen wollen oder darum, was sie wollen sollen?

Wenn es ein Recht auf freie Berufswahl gibt, dann darf man sich anschließend nicht darüber beschweren, dass in unterschiedlichen Berufen unterschiedlich viel Geld verdient wird und verschiedene Gruppen dort ungleich vertreten sind. Wenn es ein Recht auf freie Partnerwahl und freien Wohnort gibt, dann darf man sich nicht darüber beschweren, dass eben bestimmte Partner und Wohnorte bevorzugt werden. Denn der Mensch lebt sein Leben aus seinen Wünschen, Hoffnungen und Bedürfnissen heraus und nicht für die Statistik und für das Ergebnis politisch motivierter Studien. Der Selbstständige, der gerne erfolgreich neue Aufträge an Land ziehen möchte, wird wohl die Vorstellung absurd finden, dass er damit durch die Erhöhung seines Einkommens statistisch betrachtet die relative Armut im Land vergrößert. Aus der Perspektive der Statistik wäre es „sozial verantwortungsvoller“, den einen oder anderen Kunden zu vergraulen und damit sein Einkommen zu schmälern und damit das Durchschnittseinkommen, an dem sich die relative Armut bemisst, abzusenken. Wenn man Menschen fleißig sein lässt, dann kann das Ergebnis ein Ansteigen der relativen Armut bedeuten – und das ist schlecht.

Freie Entscheidungen führen unvermeidlich zu statistischen Ungleichgewichten. Die Inkonsequenz unseres Systems ist, dass dem einzelnen nach Verfassung und Rechtssystem individuelle Freiheit bei der Wahl des Berufs, des Wohnortes, des Partners, der Religion, der Meinung, des Einsatzes von Einkommen und Eigentum eingeräumt wird, aber die Konsequenzen dieser freien Entscheidungen nicht akzeptiert, sondern skandalisiert werden. Die Menschen sollen also nur frei sein, solange sie das tun, was man von ihnen erwartet. Das ist ein merkwürdiger Freiheitsbegriff. Sie haben das Recht alles zu tun, was der Verbesserung der Statistik dienlich ist. Die Zahl hat sich gegenüber dem Individuum behauptet. Bei der Bildungspolitik geht es gar nicht mehr darum, ob die Kinder schlauer werden, sondern darum, ob das Pisa-Ergebnis besser wird, Arbeitsmarktpolitik dient nicht den Arbeitslosen, sondern den Zahlen der Bundesanstalt für Arbeit, Familienpolitik dient der offiziellen Geburtenrate und Sozialpolitik dem Armutsindex. So wie Friedrich der Große sagte, er sei der erste Diener seines Staates, so könnte heute eine Regierung sagen, sie sei der erste Diener der Statistik. Und jeder gute Bürger könnte sich das abgewandelte Kennedy-Zitat zum Grundsatz nehmen, frage nicht, was Dein Land für Dich, sondern frage, was Du für die Statistik tun kannst.

Informationen

Statistisches Bundesamt: Umfrage zur Frauen und Rollenidealen

„FAZ“: Arm und Reich: Das Paarungsverhalten der Besserverdiener


„Focus“: Forschungsbericht: Kinderarmut weit niedriger als gedacht.

12. Mai 2011

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