Gérard Bökenkamp

Jahrgang 1980, Historiker und Publizist.

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Heinrich Brüning, der Geschmähte: Der Mythos vom nationalsozialistischen Wirtschaftswunder

von Gérard Bökenkamp

Über den Wirtschaftsaufschwung 1932/1933 ohne Keynes und Hitler

Kaum ein Politiker wird bis heute so geschmäht wie der glücklose Reichskanzler Heinrich Brüning. Das Odium des Hungerkanzlers haftet ihm noch immer an. Wann immer ein Politiker versucht, den Haushalt zu sanieren, lässt der Anwurf, er sei der neue Heinrich Brüning, nicht lange auf sich warten. Oskar Lafontaine verwendete diese Form der Diffamierung etwa gegen den damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder und Finanzminister Hans Eichel.

Dem liegt ein einfaches Geschichtsbild zugrunde: Als die Weltwirtschaftskrise über Deutschland kam, habe Brüning starrsinnig an der Haushaltssanierung festgehalten und habe so die Arbeitslosigkeit und Deflation befördert. Dann wären die Nationalsozialisten gekommen und hätten „Deficit Spending“ im Sinne von John Maynard Keynes betrieben und mit Kredit finanzierten Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen Vollbeschäftigung erreicht. Krieg und Völkermord haben nichts daran geändert, dass die NS-Wirtschaftspolitik bis heute von vielen als Beispiel erfolgreicher Krisenbewältigung betrachtet wird.

Die Sozialdemokraten Karl Schiller und Helmut Schmidt etwa waren fest von dieser Sichtweise überzeugt. Karl Schiller, dessen NSDAP-Mitgliedschaft in der Bundesrepublik eine erstaunlich geringe Rolle gespielt hatte, hatte schon in den dreißiger Jahren den Versuch unternommen, die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen der Nationalsozialisten mit dem theoretischen Ansatz keynesianischer Konjunkturpolitik zu rechtfertigen. Diese Sichtweise setzte sich in den folgenden Jahrzehnten durch, und diese „Erfahrung“ der dreißiger Jahre stand so auch Pate bei der von Wirtschaftsminister Karl Schiller anvisierten Aufnahme des Stabilitäts- und Wachstumsgesetzes in die deutsche Verfassung. Alexander Nützenagel stellte dazu fest: „In praktisch keinem anderen westlichen Industrieland war die keynesianische Lehre zu diesem Zeitpunkt in vergleichbarer Weise gesetzlich verankert wie in der Bundesrepublik.“

Wie sehr diese landläufige historische Interpretation der Weltwirtschaftskrise und der angeblichen wirtschaftspolitischen Erfolge des Nationalsozialismus für die Politik der Staatsverschuldung und Konjunkturpolitik der siebziger Jahre Pate stand, zeigt ein Interview mit Helmut Schmidt aus dem Jahr 1976. In seinen Ausführungen bezog sich Schmidt auf die Weltwirtschaftskrise. Nur Franklin Roosevelt und Hjalmar Schacht, Hitlers Reichsbankpräsident und Wirtschaftsminister, hätten, ohne Keynes zu kennen, damals das Richtige getan. Schmidt verglich hingegen die damaligen Forderungen der Unionsparteien, die Staatsausgaben zurückzuführen, mit der Politik von Reichskanzler Heinrich Brüning. Schmidt stellte demgegenüber sein eigenes, richtiges Handeln heraus: Die Bundesregierung habe Frankreich, die Benelux-Staaten und die USA von konservativen Sparkonzepten abgebracht und dadurch eine Weltwirtschaftskrise verhindert. Die Schmähung Brünings und der Mythos vom nationalsozialistischen Wirtschaftswunder gaben also dem Weg in die Staatsverschuldung eine historische Rechtfertigung.

Nach der Finanzkrise 2007 wurden gigantische Konjunkturprogramme umgesetzt und enorme Staatsschulden angehäuft, alles gerechtfertigt durch die „Erfahrung“ der Weltwirtschaftskrise. Niemand wollte der neue Heinrich Brüning sein. Zwar soll man aus der Geschichte lernen, eine unkorrekte Interpretation historischer Abläufe kann aber auch dazu führen, dass man das falsche lernt. Denn wenn man über Brüning den Stab bricht, dann wird ein einfacher Umstand übersehen – nämlich wie kurz Brüning an der Regierung war. Seine Kanzlerschaft dauerte vom 30. März 1930 bis zum 30. Mai 1932, also kaum mehr als zwei Jahre. In einem so kurzen Zeitraum sichtbare Erfolge zu erreichen, war bei dem Ausmaß der Krise ein Ding der Unmöglichkeit. Nicht umsonst hatte auch Hitler angesichts der Herausforderungen aufgerufen, man möge ihm vier Jahre Zeit geben. Brüning hat diese vier Jahre nicht bekommen.

Überhaupt ist der Zeitpunkt des Abgangs eines Politikers entscheidend. Wären Margaret Thatcher oder Ronald Reagan nach zwei Jahren aus dem Amt geschieden, das Urteil über sie würde wohl nicht viel anders ausfallen. Wäre Bill Clinton nach zwei Jahren nach der Niederlage bei den Kongresswahlen zurückgetreten, in Erinnerung wäre nicht eine erfolgreiche Präsidentschaft, sondern nur ein einziger Scherbenhaufen geblieben. Für Gerhard Schröder lief es umgekehrt. Hätten Schröder und die SPD noch bis zum Ende der Legislaturperiode 2006 regiert, dann wäre der Wahlkampf 2006 genau in die Phase wirtschaftlicher Erholung gefallen, die durch die vorgezogene Neuwahl Merkel an der Spitze der Großen Koalition zugute kam. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Schröder sich als Wirtschaftstitan gefeiert hätte und die Chancen für eine dritte Amtszeit wohl nicht schlecht gestanden hätten.

Wäre Reichskanzler Heinrich Brüning also wie dies in westlichen Demokratien üblich ist für volle vier Jahre an der Regierung geblieben, dann würde sich heute ein anderes Bild ergeben. Das wie folgt aussehen würde: Schwere Wirtschaftskrise als Konsequenz des Crashs in den USA ab 1930, gefolgt von einer harten Rezession, rapider Anstieg der Arbeitslosigkeit mit dem Höhepunkt in den Jahren 1931 und 1932, drastische Eingriffe der Regierung beim Haushalt und den Sozialausgaben, Rückgang und Neuausrichtung der Löhne und Preise, einsetzender Aufschwung ab dem Herbst 1932, Erholung und Gesundung der Wirtschaft in den Jahren 1933 und 1934. Unter den normalen politischen Umständen einer parlamentarischen Demokratie hätte die Regierung also im Aufschwung ihre Wiederwahl betreiben können und die Kanzlerschaft Brünings wäre anders in Erinnerung geblieben. Seine Wirtschaftsphilosophie hätte ihre Bestätigung gefunden. Dazwischen kamen jedoch sein politischer Sturz im Frühjahr 1932 und die Machtübertragung an die Nationalsozialisten im Januar 1933.

In der Erinnerung geblieben ist deshalb, dass Hitler Reichskanzler wurde, und es mit der Wirtschaft aufwärts ging. Was die Menschen nicht wahrgenommen haben, war, dass jede wirtschaftliche Bewegung einen längeren Vorlauf hat und nicht die Regierungsübernahme, sondern die konkreten wirtschaftlichen Maßnahmen und ihre Folgewirkungen betrachtet werden müssen. Die wichtigsten Konjunkturindikatoren sprechen dafür, dass die konjunkturelle Wende, die aus der Krise herausführte, bereits im Herbst 1932 erreicht wurde, also vor der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten und der Umsetzung ihrer Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Der Wirtschaftshistoriker Albrecht Ritschl kommt zu dem Ergebnis: „Kurz bevor Hitler zur Macht kam, stand der Aufschwung vor der Tür, so wie er sich schon ein Jahr zuvor angekündigt hatte.“

Der Wirtschaftshistoriker Christoph Buchheim stellt fest: „Das Ergebnis der Wendepunktanalyse scheint klar: Dieser lag im Herbst 1932. Seitdem ging es ohne längere Unterbrechung aufwärts, was man an den Quartalszahlen sowohl der Inlandsaufträge im Maschinenbau und der Inlandsversorgung mit Walzeisen als auch der saisonbereinigen gewerblichen Güterproduktion deutlich erkennt.“ Einerseits wirkten sich hier Ankurbelungsmaßnahmen der Regierung aus. „Zum anderen waren aber offenbar auch recht starke spontane Auftriebskräfte am Werk, da infolge der tiefen Krise bei den überlebenden Unternehmen radikale Kostensenkungsprogramme durchgeführt worden waren und sich obendrein die Terms of Trade für die deutsche Industrie verbessert haben.“ – Sprich die Senkung der Lohnkosten hatte die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Unternehmen verbessert.

Im Prinzip war die Situation des Deutschen Reiches 1930 ähnlich wie die Situation Griechenlands heute. Durch den Zufluss kurzfristiger Kredite durch die Ausweitung öffentlicher Verschuldung war ein schuldengetriebener Aufschwung in Gang gekommen, und dieser hatte die Löhne und die Sozialleistungen in die Höhe getrieben. Als der Zufluss kurzfristiger Kredite aus den USA nach dem Crash von 1929 ins Stocken kam, geriet die Wirtschaft in die Rezession. Wie heute Griechenland musste die Reichsregierung damals die Finanzen in Ordnung bringen und die Anpassung der Löhne und Sozialleistungen an die veränderten Umstände betreiben. Und wie heute in Griechenland, wo wir jeden Tag Proteste sehen, war diese Politik nicht populär, sondern rief Sozialpopulismus der äußersten Linken und äußersten Rechten auf den Plan. Die Anpassung der Löhne und Ausgaben an die neuen Umstände war und ist ein steiniger Weg. Es ist also kein Wunder, dass von den Regierungskritikern damals wie heute die Haushaltspolitik und der Rückgang der Löhne für die Krise verantwortlich gemacht werden.

Ritschls Untersuchung der Konjunkturbewegungen kommt jedoch zu einem anderen Resultat als diese gängige Kritik an der Sparpolitik: „Zeitgenossen und spätere Kommentatoren haben erbittert gegen seine Politik des Haushaltsausgleichs polemisiert; im Sinn einer statischen Konjunkturprognose scheint sie allerdings eher stabilisierend gewirkt zu haben. Erst mit Brünings Abgang Abtritt übt die Fiskalpolitik einen leicht negativen Einfluss auf das konjunkturelle Panorama aus.“ Die Krise war zwar ausgesprochen hart, aber eigentlich nicht besonders lang. Deutschland erreichte sie erst im Jahr 1930. Im Februar 1932 hatte die Arbeitslosigkeit mit 6 Millionen Arbeitslosen ihren Höhepunkt erreicht, und im Herbst kam der Wendepunkt zum Besseren.

Dieses Bild – relativ schnelle Überwindung der Krise durch Anpassung der Löhne, Preise und Ausgaben – entspricht ziemlich genau den Vorhersagen der Österreichischen Konjunkturtheorie für einen solchen Fall: Der Crash beendet die Blase; die Fehlinvestitionen werden abgeschrieben, und wenn der Boden erreicht ist, dann geht es wieder aufwärts. Dieser Wendepunkt war in Deutschland im Herbst 1932 erreicht worden. So gesehen, stimmt Brünings Einschätzung, er sei „100 Meter vor dem Ziel“ gescheitert. Angesichts der historischen Folgen war dies ein Scheitern von ungeheurer Tragik.

Literatur:

Christoph Buchheim: Die Erholung von der Weltwirtschaftskrise 1932/33 in Deutschland, in: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte 2003/1.

Torben Lütjen: Karl Schiller. „Superminister“ Willy Brandts, Bonn 2007.

Alexander Nützenagel: Stunde der Ökonomen. Wissenschaft, Politik und Expertenkultur in der Bundesrepublik 1949 -1974, Göttingen 2005.

Albrecht Ritschl: Hat das Dritte Reich wirklich eine ordentliche Beschäftigungspolitik betrieben?, in: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte 2003/1.

Albrecht Ritschl: Knut Borchardts Interpretation der Weimarer Wirtschaft.Zur Geschichte und Wirkung einer wirtschaftsgeschichtlichen Kontroverse
Vortrag, Essen, 17.11.2001

23. Mai 2011

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