21. Juni 2011

EZB Wenn der Vorhang fällt

Die Rolle der größten Bad Bank Europas in der Schuldenkrise

Eine immer noch völlig unterbelichtete Doppelrolle bei der europäischen Schuldenkrise spielt die EZB. Der Vorhang lüftete sich für sie mit dem Aufzug des Euros zum ersten Akt. Einen ersten großen Auftritt hatte sie im zweiten Akt bei der Entstehung der Krise. Nun, im dritten Akt des Dramas, steht sie erneut im Mittelpunkt. Wir befinden uns auf dem Höhepunkt des Konflikts. Die Interessenlagen sind offen für die Zuschauer und gespannt harrt das Publikum der Dinge. Zu diesem Zeitpunkt eines Dramas ist unklar, welche Wendung die Geschehnisse nehmen werden.

Für den seltenen Gast im Geldtheater ganz überraschend, hat die Rolle der EZB an Gewicht gewonnen. Zunächst vermeintliche geldpolitische Nebendarstellerin mausert sie sich zur tragenden Hauptakteurin. Ausgestaltet als formal politikunabhängige Institution ist sie nun flügge mit eigener politischen Agenda. Sie blockiert alle Anstrengungen zur Umschuldung. Das hat zwei Gründe. Zum einen hat sich die EZB im Laufe des zweiten Aktes ökonomisch mit den griechischen Gläubigern verstrickt. Sie ist durch den Ankauf von griechischen Anleihen im Umfang von geschätzt 50 Mrd. Euro selbst zur Gläubigerin geworden. Sie steht nun im Lager der Gläubiger, da jeder Schuldenschnitt sie selbst im gleichen Umfang betrifft, sich jedoch ungleich stärker auswirkt. Denn anders als die Bankengläubiger existieren für sie keine Regeln über vorzuhaltendes Kapital, mit dem Verluste aus riskanten Geschäfte abzudecken sind. Die EZB ist daher im Vergleich mit den Geschäftsbanken nur zu einem Bruchteil mit Kapital ausgestattet. Ein Schuldenschnitt von 50 Prozent würde das gesamte gezeichnete und nicht einmal voll eingezahlte Kapital verbrauchen. Die Anteilseigner der EZB müssten gewaltige Summen nachschießen.

Die Verstrickung der EZB in die Krise ergibt sich außerdem aus ihrem Personal. Herr Trichet gedachte sich über seine Funktion als Präsident ein Denkmal zu setzen. Der Euro sollte sein Lebenswerk sein. Das wäre gefährdet, wenn es zu einer Kulmination der Krise vor seinem Abschied im Herbst käme. Er versucht daher, Zeit zu gewinnen, um die Verantwortung für das Versagen der EZB in Form des Ankaufs griechischer Anleihen auf seinen Nachfolger abzuwälzen. Von einem anderen Drehbuchschreiber stammt das inhaltliche Vorbild hierfür. Die Rollen hießen dort Alan Greenspan und Ben Bernanke. Die EZB ist deshalb jedenfalls der Bremsklotz aller Veränderung.

Ein gutes Drama entwickelt den Konflikt durchaus vorhersehbar. Für schlechte Ökonomen kam die europäische Schuldenkrise unverhofft, jedoch nicht für die guten Ökonomen der österreichischen Schule. Als der Vorhang sich für die EZB lüftete, war für die „Österreicher“  klar, welchen Lauf das Drama nehmen würde. Es ist die Aufgabe der EZB, eine Geldpolitik für den Euro-Raum zu betreiben. Diese soll die Inflation in Schach und die Konjunktur am Laufen halten. Viel zu schwierig bereits im homogenen nationalen Rahmen, wird dieses Unterfangen zur Herkulesaufgabe, wenn man eine solche Politik einheitlich für ganz Europa in seiner Verschiedenheit festlegen will. Die Anhänger von Hayek wissen, dass die zentrale Festlegung eines Zinssatzes einer „verhängnisvollen Anmaßung von Wissen“ gleichkommt. Sie wissen, dass dadurch die Koordination der Marktakteure im Zeitverlauf gestört wird und Ersparnisse fehl investiert werden. Die spanische und irische Immobilienblase ist ein Beispiel für die dadurch bewirkte Fehlallokation von Kapital. Sie wissen auch, dass ein von der Zentralbank zu niedrig festgelegter Zinssatz zu Inflation führt. Schließlich wissen sie, dass diese Blasen nur dann ohne Knall an Größe verlieren können, wenn man den Märkten erlaubt, die Fehlinvestitionen durch eine Rückführung der aufgeblähten Geldmenge zu bereinigen.

Seine Wendung nimmt ein Drama regelmäßig nach dem Höhepunkt im dritten Akt. Die Protagonisten zeigen unterschiedliche Handlungswege auf. Die EZB hat klar gemacht, welche Lösung sie bevorzugt. Sie will festhalten am eingeschlagenen Kurs. Wenn es so kommt, dann wird es für sie im fünften und letzten Akt ein böses Erwachen geben. Das Tragische daran ist, dass wir alle davon betroffen sein werden. Die Ökonomen der österreichischen Schule nennen dieses Erwachen mit Ludwig von Mises „Katastrophenhausse“. Dazu mag es kommen oder nicht. Für die EZB fällt der Vorhang ganz bestimmt.


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