30. Juni 2011

Gesellschaft Moral als Symptom des Niedergangs

Ist Bedürftigkeit wirklich wichtiger als Fähigkeit?

„Wie? Wenn das Umgekehrte die Wahrheit wäre? Wie? Wenn im ‚Guten’ auch ein Rückgangssymptom läge, insgleichen eine Gefahr, eine Verführung, ein Gift, ein Narkotikum, durch das etwa die Gegenwart auf Kosten der Zukunft lebte? Vielleicht behaglicher, ungefährlicher, aber auch in kleinerem Stile, niedriger? Sodass gerade die Moral daran Schuld wäre, wenn eine an sich mögliche höchste Mächtigkeit und Pracht des Typus Mensch niemals erreicht würde? Sodass gerade die Moral die Gefahr der Gefahren wäre?“

Diese Kritik der Moral aus dem Jahre 1887 stammt von Friedrich Nietzsche. Er beschreibt hier die dunkle Ahnung, dass das vermeintlich Gute, das schon immer Rechtfertigung und Motivation aller großen Menschendressierer und Weltlenker war, ganz anders wirkt als vorgegeben. Er beschreibt in faszinierender Weitsicht ein System, in dem „Gutes“ vor allem auf Kosten der Zukunft getan wird, indem die größte Gefahr die Instrumentalisierung und Umdeutung der Moral darstellt. Er beschreibt die politische und gesellschaftliche Realität Europas im Jahr 2011.

Nie war so viel Moral wie heute. In grenzenlosem Altruismus unterstützt man Migranten, Alleinerzieher und Kriminelle, man rettet Frösche und Lurche und so nebenbei natürlich Mutter Gaia. Man subventioniert auf Teufel komm raus jede vermeintlich weltverbessernde Idee, den Lebensstil meist südlich gelegener Nachbarn, alternative Energie, Kunst und Kultur. Alles unter dem Banner einer makellosen moralischen Einstellung, um nicht zu sagen einer völligen moralischen Unantastbarkeit.

Ich behaupte, dass die Moral, die hier vertreten, gefordert, gefördert und angemahnt wird, eine falsche Moral ist. Dass sie, genau wie Nietzsche es prophezeit hat, mehr zerstört als zum Guten wendet. Die Grundlage für die Kontraproduktivität der heutigen Moral ist die Entfernung der persönlichen Verantwortung aus dem Konzept moralischen Handelns. Die Voraussetzung hierfür war die Einführung von Verträgen zu Gunsten Dritter. Bis ins 18. Jahrhundert waren Verträge grundsätzlich Sache zwischen zwei Parteien, in denen jedem Recht eine ebensolche Pflicht entgegenstand. Mit Rousseau wurde der Weg geebnet für Verträge, deren Begünstigter oder deren Benachteiligter nicht einmal Vertragspartei ist. Dem Recht des Machthabers stand plötzlich keine ebensolche Verpflichtung mehr gegenüber, die Bürger werden per Gesetz in einen Vertrag gezwängt, dessen Nutznießer einzig und allein der Staat ist. Diesem und seinen Agenten steht es daher frei, selbst zu definieren, was sie für Gut und Böse halten, welche Art von Moral sie bevorzugen. Sie haben die Definitionsgewalt über jede Form menschlichen Zusammenlebens.

Ein weiterer, damit einhergehender Schritt in eine pervertierte Moral war die Umwandlung der persönlichen, auf individuellen freiwilligen Opfern beruhenden, Solidarität in eine vom Staat erzwungene, auf den Opfern Dritter aufbauende, kollektive Solidarität. Die besondere Tragik dieser Entwicklung ist, dass die Kirche, die im tiefsten Sinne für die Entstehung und Förderung der echten individuellen Solidarität steht, heute nicht mehr fähig ist, diese von der rein parasitären, zersetzenden Kollektivsolidarität zu unterscheiden. Unter allen Missständen der heutigen Kirche ist dies der folgenschwerste. Beides, die staatliche Praxis der Verträge zu Gunsten oder Ungunsten Dritter und die Pervertierung freiwilliger, aus echter Nächstenliebe erwachsender Solidarität, sind heute die Säulen des Wohlfahrtsstaates und der Wohlfahrtsindustrie. Sie wirken auf verschiedene Weise zersetzend.

Eine Moral, die individuelle Opfer fordert, ist auch eine Moral, die individuelle Produktivität fordert. Denn man kann nur verschenken, was man vorher erarbeitet und besessen hat. Jede individuelle Moral ist daher nicht nur absichts-, sondern vor allem ergebnisorientiert. Die Kollektivmoral bedarf keiner Ergebnisse, es genügen gutformulierte Absichten, um eine Rechtfertigung zum Griff in die Taschen Dritter zu finden. Es ist nicht das Primärziel der Kollektivmoral, mit eingesetztem Kapital Ergebnisse zu erzielen. Das Primärziel ist es, Gründe zu finden, um Kapital einzusetzen. Denn die Schöpfer und Exekutierer der Kollektivmoral sind selbst erste Nutznießer ihrer Verträge. So wird aus einem durch Produktivität ermöglichten und mit einer moralischen Motivation versehenen persönlichen Opfer die Zwangsabgabe an eine Gruppe von Moralverwaltern und Moralprofiteuren. Aus der Schöpfermoral wird die Parasitenmoral. Diese ersetzt das Opfer durch das Bedürfnis und die Verantwortung durch die Absicht. „Diese Moral, die das Bedürfnis als einzigen Anspruch gelten lässt, macht den Mangel zu ihrem Maßstab. Sie belohnt eine Abwesenheit, einen Defekt, eine Schwäche, eine Unfähigkeit, ein Leiden, ein Unglück, einen Irrtum, einen Fehler – das Nichts“, wie es die Philosophin Ayn Rand formulierte. Jene, die die Erfüllung dieser Ansprüche ermöglichen, die Erfolgreichen, die Sparsamen, die Produktiven, die Risikobereiten, die Weitblickenden, die Innovativen und Starken, sie haben außer als Wirt keinen Platz in dieser Moral. Das Unternehmerbild unserer Gesellschaft ist Ausdruck dieser Verdrehung von Ursache und Wirkung. Ayn Rand bemerkte dazu: „Wenn Bedürfnisse der Maßstab sind, ist jeder Opfer und Parasit zugleich. Als Opfer muss er arbeiten, um die Bedürfnisse der anderen zu befriedigen, und bleibt aber ein Parasit, dessen Bedürfnisse von anderen befriedigt werden müssen. Er kann sich seinen Mitmenschen nicht anders nähern als in einer dieser beiden unwürdigen Rollen: als Bettler oder als Geschröpfter.“

Es ist diese Pervertierung der Moral, die Parasitenmoral, die heute auf allen Feldern herrscht. Sie verzehrt unser Kapital einzig für die Befriedigung von Ansprüchen und Bedürfnissen, sie lebt auf Kosten der Zukunft, ohne je nach den Konsequenzen ihrer Ansprüche zu fragen. Sie kann das, weil die Verantwortung von der Moral getrennt wurde, weil ihre Vollstrecker Beschlüsse zum eigenen Vorteil auf Kosten Dritter fassen können. So sind die Renten sicher, weil sie angeblich ein anderer morgen bezahlt. So ist das Geld sicher, weil es angeblich ein anderer morgen verdient. So ist die Energieversorgung sicher, weil sie angeblich von Technologien, die noch nicht existieren, morgen bereitgestellt wird. Überall herrscht der Sieg der Absicht über das Ergebnis, herrscht der Wunsch über die Wirklichkeit. Dabei wird weder vor Gesetzesbruch noch vor Betrug Halt gemacht. Eine französische Dame, die Gesetzesbruch als politisches Mittel ausdrücklich praktiziert und gutheißt, deren ökonomisches Verständnis deutschen Fleiß als Ursache südländischer Verschuldungen ausgemacht hat, steht kurz vor der Adelung ihrer Ansichten durch die Ernennung in eines der höchsten Ämter der internationalen Bürokratie. Ein amtierender Bürokrat, der während seiner Amtsführung ebenfalls ohne Konsequenzen die gesetzlichen Grundlagen seiner Tätigkeit ignoriert, der offen für die Schaffung eines Zentralstaats eintritt, wird dafür mit einem der höchsten Verdienstorden geehrt.

Selbst in scheinbar banaleren Ereignissen ist es nicht schwer, Indizien für die Verdrehung der Moral zu finden. Man nehme zum Beispiel den Fall Guttenberg. Ein Aspekt dieser Plagiatsaffäre wurde vermutlich überhaupt nie diskutiert: Ob die Arbeit des Barons – immerhin verblieben abzüglich der Plagiate über 200 Seiten Eigenleistung – einen wissenschaftlichen Wert darstellt. Das war es doch, was ursprünglich beabsichtigt war mit der Zusammenlegung von Lehre und Forschung: die Schöpfung neuen Wissens. Ist es nicht eigenartig, dass die Verletzung von Zitierregeln einen handfesten Skandal darstellt, während der inhaltliche Wert einer wissenschaftlichen Arbeit offenbar völlig belanglos ist? Ist es nicht bemerkenswert, welche ungeheure politische Empörung – meist bei Titelträgern ähnlicher Fachgebiete – hier ausgelöst wurde? Man verstieg sich sogar dazu, von einer Demokratiekrise zu sprechen. Nüchtern betrachtet geht es bei Doktorarbeiten um Arbeiten, die niemand bestellt und niemand bezahlt hat. Sie dienen heute –insbesondere in geistes- und rechtswissenschaftlichen Fächern – vor allem der Absicht des Erstellers, einen begehrten Titel zu erlangen. Dieser schafft Prestige und meist auch Einkommen, ohne jeden Zusammenhang mit dem Ergebnis dieser Arbeit – nämlich der Nützlichkeit und Wertigkeit der darin gemachten Überlegungen. Einziger Anspruch ist es offenbar, nicht ungekennzeichnet abzuschreiben. Die Empörung der Titelgenossen adressiert nicht die Sorge um die Wissenschaftlichkeit, das Ergebnis der Arbeit, sondern das Prestige, die Absicht der Arbeit. Ihr moralischer Maßstab ist nicht die Schöpfung von Wert, sondern der Konsum von Ansprüchen.

Die heutige Moral beschränkt sich aber keineswegs auf die Befindlichkeiten einzelner oder die Machenschaften der Politik und Bürokratie. Sie erschafft sich ganz neue Ideologien. Die Idee des Ökologismus beispielsweise ist in sich eine einzige Umdeutung ehemals moralischer Prinzipien. Über Jahrtausende war es die höchste Kulturleistung des Menschen, sich nicht wie jedes Tier an seine Umgebung anzupassen, sondern diese nach seinen Ansprüchen zu formen und zu verändern. Die unzähligen Eingriffe in eine durch und durch unbarmherzige und unserer Existenz gegenüber völlig gleichgültige Natur sind und waren Grundlage jeder Form von Zivilisation. Knapp zwei Generationen in sorglosem Wohlstand haben genügt, um aus dem Bezwinger einen Schänder zu machen. Heute singt ein Popstar Zeilen wie „die Erde ist freundlich, warum wir eigentlich nicht?“. Man ist geneigt zu fragen, warum diese freundliche Erde ohne unser Zutun weder gewillt wäre uns zu ernähren, noch uns vor ihren atmosphärischen Launen zu schützen. Warum sie uns in ihrer ganzen Freundlichkeit Viren und Bakterien, Tsunamis, Wirbelstürmen, Trockenheit, Überschwemmungen und Vulkanausbrüchen aussetzt? Warum sie Fressen und Gefressenwerden zum Grundprinzip und zur Lebensgrundlage aller Existenz auf ihrer Oberfläche gemacht hat? Dass derartige intellektuelle Ergüsse nicht nur unkritisiert bleiben, sondern als Ausdruck eines tiefen Problembewusstseins und moralischer Integrität Bewunderung finden, betrachte ich als eine Form der Dekadenz in ihrem ursprünglichsten Wortsinn. Wenn eine Gesellschaft die Negation der eigenen Leistungen und Möglichkeiten zum moralischen Prinzip erklärt, ist dies im wahrsten Sinne ein Akt des Herabfallens, der Dekadenz, des Untergangs. Vorläufiger Gipfel dieser Entwicklung ist die Negation der eigenen biologischen Existenz in Form des Gender Mainstreaming.

Am Beginn aller dieser Meilensteine der Deformation steht die Umdeutung der moralischen Prinzipien der Gesellschaft, welche die Richtung ihrer Entwicklung vorgeben. Wo der Maßstab der Moral die pure Bedürftigkeit und nicht die Fähigkeit zur Überwindung derselben ist, wird das Mittelmaß zum Ideal und der Schöpfer zum auszubeutenden Wirt. Wo das Mittelmaß zum Ideal erhoben wird, herrscht Stillstand und Kapitalverzehr. Wo der unzertrennbare Dualismus zwischen Chancen und Risiken ausschließlich ängstlich und visionslos zu Lasten der Chancen aufgelöst wird, herrscht nicht nur Stillstand, sondern Rückschritt. Was wir brauchen ist nicht eine neue Politik oder eine neue Partei, wir brauchen eine neue Moral. Eine Moral, die ihre Grundlage in Realitäten und nicht in Bedürfnissen hat. Deren Maßstab nicht der Parasit, sondern der Schöpfer ist. Eine Moral, die Ergebnisse höher bewertet als Absichten, die zumindest anerkennt, dass man den Kuchen nicht gleichzeitig essen und verschenken kann.

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Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 1. Juli erscheinenden Juli-August-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 114


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Jürgen Fuchsberger

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