04. Juli 2011

Buchbesprechung „Road Dogs“ von Elmore Leonard

Wie ein Mercedes, nur ohne die lästigen Elektronikprobleme

Dieser Thriller hat all die guten Zutaten, die ein fesselnder und unterhaltsamer Krimi braucht. Es gibt einen sympathischen und coolen Protagonisten. Der Gentleman-Bankräuber Jack Foley übernimmt diesen Part. Eigentlich müsste er dreißig Jahre im Knast absitzen, doch mithilfe des schwerreichen kubanischen Gangsters Cundo Rey – eher kein Sympathieträger – und einer smarten Anwältin gelingt das Kunststück, die Dauer der Haft auf dreißig Monate zu verkürzen. Und es gibt natürlich eine schöne Frau, Dawn Navarro. Sie ist zwar offiziell Cundos Gattin, doch im Laufe der im positiven Sinne sehr dialoglastigen und wie für eine Verfilmung geschaffenen Handlung treibt diese heißblütig-hinterhältige Schöne nicht nur ein perfides Spiel, sondern sie benötigt auch nicht allzu viel Überzeugungsarbeit, um mit fast jedem der handelnden Akteure die Laken zu teilen. Foley wurde in „Out of Sight“ von George Clooney gespielt. Für die unvermeidliche Verfilmung von “Road Dogs” hätten wir einige Wunschvorstellungen auf Lager, welche heiße Hollywood-Schönheit den Part dieser skrupellosen Gangsterbraut übernehmen könnte.

Dass der 1925 geborene Autor Elmore Leonard schreiben kann, verwundert nicht. Schließlich hat er schon mit zehn Jahren damit begonnen. Die Erfahrungen, die er beruflich in der Werbebranche gesammelt hat, dürften sich ebenfalls positiv auf sein Schaffen ausgewirkt haben. Leonard hat bisher 46 Bücher verfasst. 21 davon wurden verfilmt. Karsten Kredel, Programmleiter Literatur beim in Turbulenzen geratenen Eichborn-Verlag, bringt es auf den Punkt: „Ein neues Buch von Elmore Leonard ist für seine Fans wie ein Brot beim Lieblingsbäcker oder ein maßgeschneiderter Anzug von der Savile Row oder eine Platte, die Rick Rubin produziert hat – perfektes Handwerk mit der genau richtigen Dosis Genie. Ein klassischer Leonard ist ein Markenprodukt“. Ein echter Leonard ist also wie ein Mercedes – nur ohne die lästigen Probleme mit der Elektronik.

In „Road Dogs“ spielen die klassischen Figuren des Kriminalromans keine tragende Rolle. Privatdetektive oder Polizisten kommen in der literarischen Welt des in der Nähe von Detroit lebenden Vaters von fünf Kindern so gut wie gar nicht vor. Auch Gewaltexzesse – wie sie zum Beispiel in Don Winslows aktuellem Meisterwerk „Tage der Toten“ auf fast jeder Seite zu finden sind – vermisst man bei Leonard ebenfalls nicht. Dafür hat er eine Menge Humor, ein feines Gespür für die Multi-Kulti-Welt Amerikas und vor allem für Sprache. 

Leser, die ein kniffliges Krimirätsel lösen wollen, die depressive, geschiedene nordische Kommissare mit dem Hang zum Alkohol lieben oder schrullige alte Tanten als Privatermittlerinnen schätzen, werden bei diesem Buch vielleicht nicht auf ihre Kosten kommen. Aber sie nutzen eventuell die Chance, mit „Road Dogs“ den Einstieg zu schaffen in Leonards bunten und unterhaltsamen Krimikosmos. Die Fans seiner verfilmten Bücher „Schnappt Shorty“ oder „Jackie Brown“ müssen eh nicht mehr überzeugt werden, auch das aktuelle Spitzenprodukt des am 11. Oktober 86 Jahre alt werdenden Handwerkers zu kaufen und zu lesen.

Literatur:

Elmore Leonard: Road Dogs



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