Gérard Bökenkamp

Jahrgang 1980, Historiker und Publizist.

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Ursache der Großen Depression von 1929: Friedmans Delle oder Rothbards Falschgeld?

von Gérard Bökenkamp

Weiße Mäuse im Versuchslabor der Weltwirtschaft

Aus Fehlern sollte man lernen, und Geschichtsforschung wird auch deshalb betrieben, damit man aus den Fehlern der Vergangenheit lernen kann. Aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen ist allerdings gar nicht so einfach, da man sich erst einmal darauf einigen muss, was eigentlich der Fehler war, und das gelingt selten. Gerade der Versuch, Fehler zu vermeiden, kann auch Fehlentscheidungen verursachen. In der Ödipustragödie versucht Laios, der König von Theben, der Prophezeiung, dass sein Sohn ihn töten und seine Mutter ehelichen wird, zu umgehen, in dem er seinen Sohn als Kind die Füße durchstechen und aussetzen ließ und genau damit den Weg zur Erfüllung der Prophezeiung ebnete. Nach dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise von 2007 versuchte man, Lehren aus der Weltwirtschaftskrise von 1929 zu ziehen. Die bittere Ironie könnte sein, dass gerade der Versuch, aus der einen Katastrophe zu lernen, eine neue Katastrophe heraufbeschwören kann.

Wenn die Vertreter eines Wissenschaftszweigs ehrlich wären, dann würden sie einräumen: Wir wissen wenig, und was wir wissen, ist umstritten. Im Namen DER Wissenschaft aufzutreten, erlaubt allerdings ein größeres Selbstbewusstsein, geht aber damit einher, dass man die Uneinigkeit der Wissenschaft einfach unter den Teppich kehrt. Über 80 Jahre danach sind die gebotenen Erklärungen für die Weltwirtschaftskrise immer noch alles andere als unumstritten. Im Jahr 1963 veröffentliche Murray Rothbard sein Buch „America´s Great Depression“, im Jahr 1964 Milton Friedman zusammen mit Anna Jacobson Schwartz „A Monetary History of the United States.“  Beide Bücher wurden von Autoren geschrieben, die im weitesten Sinne dem Liberalismus zugeordnet werden, beide Autoren gehören aber verschiedenen Schulen an, Friedman der Chicagoer Schuler und Rothbard der Österreichischen Schule der Nationalökonomie. Beide Werke beschäftigen sich mit demselben Untersuchungsgegenstand – der großen Depression – und beide kommen zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen und damit auch zu entgegengesetzten Schlussfolgerungen.

Milton Friedmans Erklärung für die Weltwirtschaftskrise von 1929

Die Friedman’sche Story geht so: Die Zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts waren eine Blüte des amerikanischen Kapitalismus, die Produktivität und der Wohlstand wuchsen, das Automobil und andere technische Neuerungen hoben den Lebensstandard. Die Zentralbank versäumte es aber, die zusätzliche Geldmenge zur Verfügung zu stellen, um die Preise stabil zu halten und die Wirtschaft wachsen zu lassen. Der monetäre Anzug wurde für den wachsenden Wirtschaftskörper zu klein. Ganz katastrophal wurde es nach dem Crash von 1929. Statt nun ordentlich nachzulegen und zusätzliche Zahlungsmittel zu schaffen, habe die Zentralbank die Geldmenge nicht ausgeweitet. Die Geldmenge habe um fast ein Drittel abgenommen. Die große Tragik bestand darin, dass der starke Mann des amerikanischen Zentralbankwesens Benjamin Strong kurz vorher erkrankt und gestorben war. Er hätte das Ruder herumgerissen und die Katastrophe verhindern können.

Friedmans Buch hat Furore gemacht. Es ist die enorme Masse statistischen Materials, mit dem er seine Thesen zu untermauern verstand, die ihm Ruhm und Anerkennung sicherte. In seinem Buch hatten er und Schwartz Daten aus 93 Jahren Geld- und Wirtschaftsgeschichte ausgewertet. Für Friedman ist die Geldmenge das Schicksal der Wirtschaft. Die Phasen großer Stabilität in der US-amerikanischen Wirtschaftsgeschichte seien auch Phasen stabiler Geldmengenzunahme, die Zeit der Wirtschaftskrisen auch die Zeit des Rückgangs der Geldmenge gewesen. Besonders einflussreich im Hinblick auf die große Depression ist die Friedmansche „Dellen-Theorie.“ In den Charts, die die Geldmengenentwicklung zeigen, sieht man in der ersten Hälfte der Dreißiger Jahre eine deutlich wahrnehmbare Delle – also einen Rückgang der Geldmenge. Heureka! Die Ursache der großen Depression, für Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit war für Friedman gefunden und quasi durch den Verlauf der Grafik sichtbar gemacht:

„Für die Vorgeschichte der Depression gab es keine Parallele in den fünfzig Jahren, für die wir monatliche Daten verfügen. Wie wir im vorangegangenen Kapitel beschrieben haben, war keinem Abschwung davor eine so lange Zeitspanne vorausgegangen, in dem die Geldmenge nicht gestiegen war. Die Entwicklung der Geldmenge während der Wirtschaftskrise ist sogar noch verblüffender. Vom Höhepunkt des Konjunkturaufschwungs im August 1929 bis zum konjunkturellen Tiefpunkt im März 1933 fiel die Geldmenge um über dein Drittel. Das ist mehr als das Dreifache der vorhergehenden Einbrüche in unserer Reihe, dem neunprozentigen Rückgang zwischen 1875 und 1879 und von 1920 bis 1921.“

Murray Rothbards Erklärung für die Große Depression

Weniger Aufmerksamkeit erhielt Murray Rothbard für seine Darstellung der großen Depression. Rothbard erzählte auch eine ganz andere Geschichte: Nach dem Ersten Weltkrieg war die Welt nicht zu dem alten Goldstandard zurückgekehrt, sondern zu der Karikatur eines Goldstandards, bei dem es nur noch eine lockere Koppelung zwischen Goldreserven und Papiergeld gab. Dies ermöglichte es den Regierungen und der Zentralbank, über die Reserven hinaus Geld zu drucken und Kredite aus dem Nichts zu schaffen. Die treibende Kraft dahinter war die Bank von England und ihr Gouverneur Montagu Norman. England hatte durch die Schlagkraft der Gewerkschaften seine Wettbewerbsfähigkeit verloren und übte nun Druck auch auf die US-Notenbank für eine Politik des leichten Geldes aus. Diese Niedrigzinspolitik und die Ausdehnung der Zahlungsmittel in der Verantwortung des Leiters der New Yorker Notenbank, Benjamin Strong, führte den Boom der 20er Jahre herbei, der schließlich in Crash und Depression münden musste. Bei Rothbard liegt die Erklärung der großen Depression in der Geldpolitik, ihre Dauer allerdings in der Arbeitsmarktpolitik. Präsident Hoover verhinderte durch seine Interventionen am Arbeitsmarkt eine Anpassung der Reallöhne, wodurch erst die Massenarbeitslosigkeit bis dahin nicht gekannte Ausmaße erreichte. Ohne diese Intervention hätten sich Preise und Löhne angepasst, die Rezession hätte zu einer gesünderen Produktionsstruktur geführt, und die Krise wäre nach wenigen Jahren überwunden worden.

Wer hat nun Recht? Ist die Geldmenge gestiegen oder ist sie gefallen. Kam es zur Weltwirtschaftskrise weil die Federal Reserve zu viel oder weil sie zu wenig Geld gedruckt hat? Befand sich die US-Wirtschaft am Ende der Zwanziger Jahre in einem inflationären Boom, der nur durch einen Crash geheilt werden konnte, oder erlebte Amerika eine wirtschaftliche Blüte, die nur durch einen Betriebsunfall bei der Zentralbank ein jähres Ende fand? Zwei Schulen, zwei Wissenschaftler, zwei Bücher, zwei Meinungen, eine Kontroverse.

Streit über die Entwicklung der Geldmenge und der Preise

Es fängt bei dieser Kontroverse schon damit an, dass schon Grundbegriffe wie „Geldmenge“ umstritten sind. Das ist ein häufiges Phänomen in der Wissenschaft, man benutzt einen Begriff – sei es Geldmenge, Wirtschaftswachstum, soziale Ungleichheit, Demokratie, Armut, Unterbewusstsein oder Kultur – und streitet anschließend mit Furor darüber, was mit dem Begriff eigentlich gemeint ist.

Je nachdem was man bei der Geldmenge rein oder rausrechnet, kommt man zu unterschiedlichen Ergebnissen. Da Rothbard einige Elemente in die Berechnung der Geldmenge einbezieht, die Friedman nicht einbezieht, kommt er zu einem höheren Geldmengenwachstum als Friedman. Friedman nimmt für die 20er Jahre eine Zunahme der Geldmenge um 46 Prozent an und Rothbard eine Zunahme von fast 62 Prozent. Was es Friedman ermöglicht, von einem moderaten Anstieg der Geldmenge zu sprechen, und was es Rothbard ermöglicht, zu unterstreichen, dass die 20er Jahre eine inflationäre Phase waren.

Rothbard argumentiert, zwar sei die Geldmenge im Zahlungsverkehr weitgehend konstant geblieben, expandiert wären aber die Geldsubstitute. Diese seien es gewesen, die das Kreditwachstum angetrieben hätten. An dieser Stelle streifen wir den Bereich der Philosophie: Was ist Geld? Je nachdem wie die Antwort darauf ausfällt, kommt man auch für die Praxis zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen – wie man in diesem Fall sehr gut erkennen kann. Für Rothbard ist Geld Gold.

Anders als Friedman definiert Rothbard Inflation daher nicht als Zunahme der Geldmenge, sondern als Zunahme der Zahlungsmittel, die nicht durch Gold oder andere Basiswerte gedeckt sind. Nicht die Zunahme der Menge an Geld, sondern an „gefälschtem Geld“, so nennt Rothbard die nicht gedeckten Dollars, habe zu dem Boom geführt. Die nicht gedeckte Geldmenge habe um 63,4 Prozent zugenommen, die Goldreserven der USA hätten sich im selben Zeitraum nur um 15 Prozent vergrößert. Die Differenz war aus seiner Sicht das Problem.

Friedman lehnt den Begriff der Inflation für die 20er Jahre auch mit dem Verweis auf die Preisentwicklung ab. Rothbard  hält hingegen den Preisindex für wenig aussagekräftig, das sich verschiedene Trends überlagern können. In den 20er Jahren sei der inflationäre Trend zu höheren Preisen von der Steigerung der Produktivität überlagert worden. Entscheidend sei, dass die Preise höher waren als sie ohne Kreditexpansion gewesen wären.

Beide kritisieren die US-Notenbank, aber aus unterschiedlichen Gründen

Beide Autoren sind sich also darin einig, dass die Zentralbank versagt hat. Uneinig sind sie sich darüber, worin ihr Versagen bestand. Während bei Friedman das Versagen der Zentralbank darin zu sehen ist, dass diese den Geldhahn nicht aufgedreht hat, um den Rückgang der Geldmenge zu verhindern, sieht Rothbard in der Kreditexpansion der Notenbanken die eigentliche Ursache der Krise. Während also Friedman die Depression durch seine „Delle“, also die Stagnation und Abnahme der Geldmenge erklärt, erklärt Rothbard die Depression durch das „Falschgeld“, also durch die expansive Wirkung des Geldes und der Geldsubstitute, die nicht durch Gold gedeckt waren. Dementsprechend widersprüchlich sind auch die aus dem historischen Geschehen abgeleiteten Konsequenzen für die Geldpolitik. Während Friedman der Zentralbank empfahl, es in Zukunft besser zu machen – nämlich sich an seine Vorschläge zu halten und den Markt möglichst gleichmäßig expansiv mit Liquidität zu versorgen, forderte Rothbard, sie solle es lieber ganz lassen und sich am besten in Luft auflösen. 

Diese historische Debatte könnte man als Glasperlenspiel von theorie- und datenverliebten Ökonomen abtun, wenn nicht die Richtigkeit oder Falschheit der einen oder anderen historischen Interpretation in der aktuellen Lage über das Wohl und Wehe der Weltwirtschaft entscheiden würde. Friedmans Delle oder Rothbards Falschgeld – das ist hier die Frage, und diese Frage ist von fundamentaler Bedeutung.

Der Praxistest im Versuchslabor der Weltwirtschaft

Denn die Interpretation der Weltwirtschaftskrise von 1929 bestimmt die Konfliktlinien der Gegenwart. Hinter Friedmans „Monetary History“ steht Ben Bernanke und die US-Zentralbank, hinter Rothbards Interpretation der großen Depression stehen Ron Paul und die Teaparty-Bewegung. Ben Bernanke ist Wissenschaftler und ausgewiesener Kenner der großen Depression und Anhänger der Friedman’schen Thesen. Es ist bemerkenswert, dass ein Mann mit diesem theoretischen Hintergrund just in dem Augenblick die Führung übernahm, als ihm eine Art von Krise begegnete, über die er jahrzehntelang geforscht hatte.  Deshalb flutet er die Märkte mit Geld, um eine Delle im Geldangebot nicht entstehen zu lassen, die Friedman für die große Depression verantwortlich machte. Bernanke kann man sicher anders als seinem Vorgänger nicht vorwerfen, dass er das nicht aus Überzeugung tut. Wohl selten in der Geschichte hatte ein Professor die Chance, sein Lehrgebäude auf diese Art zu testen.

Es ist fast so, als hätte ein höheres Wesen, dem durch Zufall die Bücher zweier liberaler Ökonomen aus den Sechziger Jahren unter gekommen waren und sich fragte, welchem Autor es glauben schenken sollte, eine den Planeten umfassende Versuchsanordnung geschaffen, um eben das herauszufinden. Wenn durch das Fluten der Märkte mit Geld die Krise überwunden werden kann und alles in schönster Harmonie endet, dann behält Friedman Recht, wenn die Weltwirtschaft ins Chaos stürzt, dann kann Rothbards Werk über die Große Depression die Geldgeschichte Friedmans als historischen Klassiker verdrängen.  Von diesem weltumspannenden Experiment könnte man fasziniert sein, und wie einst Ernst Jünger, der mit dem Burgunderglas in der Hand die Bombenangriffe auf Paris verfolgte, dies mit stoischem Interesse betrachten, wenn man nicht gewahr wäre, dass man selbst nicht nur Betrachter, sondern auch Teilnehmer an diesem Experiment ist, so wie eine weiße Maus im Versuchslabor der Weltwirtschaft.

Literatur:

Milton Friedman und Anna Jacobson Schwartz: A Monetary History of the United States, 1867-1960 Monetary History of the United States, 1867-1960.

Murray N. Rothbard: America’s Great Depression

04. Juli 2011

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