27. Juli 2011

Kaputte Familien aus Ursprung des Bösen? Die gesellschaftlich relevante Dimension

Verstörende Biographien

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In der „Berliner Zeitung“ vom 29.12.1999 berichtete Peter Brock über die Methoden der Kriminalpsychologie und sogenannter Profiler. Dazu interviewte er einen herausragenden europäischen Profiler, Thomas Müller. „Einsame Täter und Täter, die aus sexuellen Motiven töten“, kommen nach Brock und Müller „meist aus zerrütteten Familien und hatten eine unglückliche Kindheit.“ In „frühester Kindheit“, sagt der Psychologe Müller, „sind diese Menschen oft innerlich vereinsamt. Als Ausgleich dafür, dass sie keine Vertrauensperson haben, entwickeln sie Fantasien, in denen sie mächtig sind und andere schlagen oder töten können. Die Sexualität, die sich später entwickelt, verknüpft sich mit diesen Fantasien.“ Gilt das auch für politische Motive? Die politische Anschauung, die sich ebenfalls später entwickelt, verknüpft sich mit Fantasien, in denen diese Personen mächtig sind? Liegt eine solche Verknüpfung nicht nahe, nicht nur im Sexuellen, sondern gerade auch im politischen Denken, das ohnehin seinem Wesen nach von Machtphantasien bestimmt wird?

Breivik fehlte offenbar genau wie McVeigh, Baader und Meinhof jegliche Elternliebe in frühester Kindheit, wie wir an anderer Stelle bereits festgestellt haben. Das entschuldigt nicht ihre Taten und es spricht sie auch nicht von nötiger Bestrafung frei. Aber es erklärt sie ein Stück weit. So wie die Tatsache, dass Kinderschänder fast immer selbst als Kind sexuell missbraucht wurden. Und wie Brock zitiert: „Unzulässig sei es, aus diesen Erkenntnissen den Umkehrschluss zu ziehen. Zwar hatten fast alle Täter eine schlechte Kindheit, aber bei weitem nicht alle, die eine schlechte Kindheit hatten, werden straffällig.“

Dennoch erscheint zum Beispiel die Rolle des Vaters von Anders Breivik auch dem konservativen Londoner „Telegraph“ bemerkenswert. Die Lehrerin Katharine Birbalsingh bemerkt dort: „Jens Breivik sagt, dass er sich nicht wie sein Vater fühlt. Ach, wirklich? Ich frage mich, ob er sich wie sein Vater fühlte, als er ihn und seine Mutter verließ, um eine andere Frau zu heiraten. Ich frage mich, ob er an den Seelenfrieden seines Sohnes gedacht hat, als er meinte, es sei das Beste, nach Paris zu umzuziehen, um dann in einem Sorgerechtskrieg einzutreten, in dem er und seine neue Frau darum kämpften, Anders seine Mutter, seine Halbschwester und sein Heimatland zu nehmen, um ihn in Paris großzuziehen? Anders war zu der Zeit ein Jahr alt, als sein Vater ihn wie einen Fußball behandelte. Solche traumatischen Ereignisse im frühen Leben eines Kindes haben lebenslange Auswirkungen.“ Auch Birbalsingh schränkt ein, dass ein solches Trauma nur eine Erklärung, keine Entschuldigung sei. Doch sie fährt auch fort über den offenbar „zutiefst verwirrten Vater“, der nun in einem Interview über seinen Sohn sagt: „Wie kann er jetzt dastehen und so viele unschuldige Leute ermorden und dann scheinbar annehmen, dass das, was er tat, ok ist?“ Birbalsingh antwortet: „Vielleicht weil er keinen Vater hatte, der ihm den Unterschied zwischen richtig und falsch beibrachte?“ Warum, fragt Birbalsingh, „zeigt sein Vater nicht eine Spur von Reue, gegenüber seinem Sohn versagt zu haben?“ Jens Breivik, fügt die Autorin hinzu, „war einmal verheiratet, hatte drei Kinder und verließ dann seine erste Familie, um die Mutter von Anders zu heiraten. Dann verließ er sie, Anders und seine Stieftochter, um seine jetzige Frau Wanda zu heiraten, mit der er jetzt im ländlichen Frankreich lebt. Die dritte Frau von Jens hat Anders nie getroffen. Sie hat nie den Jungen getroffen, um den sie und Jens sich so sehr gekümmert haben, dass sie einen Sorgerechtsstreit ausfochten, um den Jungen von Norwegen nach Paris zu bringen und selbst großzuziehen. Jens selbst hat mit seinem Sohn seit 1995 nicht mehr gesprochen. Damals war Anders 16 Jahre alt.“ Wanda sagt nun, sie sei traumatisiert aufgrund der Attentate. Birbalsingh fragt sich dagegen, „ob nicht der einjährige Anders traumatisiert sein könnte aufgrund von Wandas scheinbarem Interesse an ihm, das so sehr schnell wieder starb.“

„Ich bin sicher“, schreibt die langjährige Lehrerin Birbalsingh, „dass Anders’ Verrücktheit begann, als er ein kleines Kind war und vom Vater verlassen wurde. Tatsächlich schrieb er einiges über seine familiären Beziehungen und über die Scheidung der Eltern in seinem 1500-Seiten Manifest.“ Sollte, fragt Birbalsingh abschließend, „nach so vielen Jahren und nach einem solchen Horror nicht der Vater das Gespräch mit seinem Sohn suchen, um herauszufinden, warum der so etwas getan hat? Aber Jens schwört, dass er seinen Sohn nicht kontaktieren wird. Das ist nicht richtig. Die ganze Beziehung von Jens zu seinem Sohn war nicht richtig. Und Jens sollte das verstehen.“

Es ist vermutlich kein Zufall, dass Birbalsingh Lehrerin in England ist. Sie schreibt aus einer ähnlich reichhaltigen persönlichen Erfahrung heraus wie der Arzt und Psychiater Theodore Dalrymple, der als Kolumnist auch in eigentümlich frei immer wieder auf das Massenphänomen der zerrütteten Familien als Ursprung des Bösen hinweist.

In einer Zusammenfassung einer Rede Anthony Daniels’ alias Theodore Dalrymple in Bodrum schrieb ich einmal auf diesen Seiten: „Die Familienverhältnisse in solchen Kreisen seien zu fast 100 Prozent völlig zerrüttet. Oft haben sich die Jugendlichen sehr früh von Mutter und Großmutter losgesagt, den Vater und oft gar den Großvater kennen sie meist gar nicht. Wenn Daniels nach dem Vater fragte, erntete er Unverständnis: ‚Meinen Sie den father at the moment?’ Oder: ‚Meinen Sie Daddy Mick oder Daddy John?’ Echte Geschwister gibt es entsprechend fast gar nicht, sondern meist eine Anzahl von Halbschwestern und Halbbrüdern. Wenn Daniels dann fragte, warum sich denn die Mutter vom Vater getrennt habe, lautet die Antwort meist: ‚Mutter wollte unabhängig sein!’ Problematisch ist nach Daniels weniger diese Kultur der Unterschicht als vielmehr die Tatsache, dass solche kulturellen Erscheinungen inzwischen mehrheitsfähig geworden sind, dass sich also die Kultur der Unterschicht zum Mainstream entwickelt hat. So werden heute bereits 42 Prozent aller Kinder in Großbritannien unehelich geboren. Mit dem eigenen Vater im Haushalt aufzuwachsen ist bereits ein Minderheitenphänomen und damit heute ‚abnormal’.“ Und das gilt tendenziell auch für Norwegen und Deutschland, womit der Fall eine „gesellschaftliche Dimension“ erhält.

In einem Aufsatz über den „Ursprung des Bösen“ schrieb der heutige Publizist Theodore Dalrymple einmal: „Letztendlich ist die moralische Feigheit der intellektuellen und politischen Eliten verantwortlich für das andauernde soziale Desaster. Ein Desaster, dessen ganze gesellschaftliche und wirtschaftliche Folgen noch zu spüren sein werden. Ein scharfer wirtschaftlicher Rückgang wird zeigen, wie weit die Politik, die sich der Wertefreiheit verschrieben hat, die Gesellschaft atomisiert hat, so dass jegliche soziale Solidarität innerhalb von Familien und Gemeinden, die vormals in schweren Zeiten so viel Schutz zu geben pflegte, zerstört wurde. Die Eliten können nicht einmal zugeben, was ganz offensichtlich passiert ist, denn andernfalls würden sie ja ihre Verantwortung dafür zugestehen müssen, und das würde ihnen ein ungutes Gefühl geben. Es ist also besser, dass Millionen von Menschen ein widerliches und elendes Leben führen als dass sie irgendwie Reue verspüren, was ein anderer Aspekt der Frivolität des Bösen ist. Wenn darüber hinaus die Mitglieder der Elite die soziale Katastrophe zugeben würden, die sie durch ihre ideologische Liederlichkeit herbeigeführt haben, dann müssten sie auch ihrem eigenen Verhalten Beschränkungen auferlegen, denn man kann schließlich nicht lange von anderen etwas verlangen, was man nicht selbst vorlebt.“

Ach, übrigens, auch der linke „Stern“ bemerkt gewisse Zusammenhänge und titelt scheinbar beschwichtigend: „Ein normal verkorkstes Elternhaus“. Laut „Stern“ lebte Breivik „in einer Patchwork-Familie, wie sie heute millionenfach vorkommen“. Und: „Ein Jahr war der Attentäter alt, als sich seine Eltern scheiden ließen – nichts Ungewöhnliches für eine gut situierte bürgerliche Familie.“


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