28. Juli 2011

Wunsiedel 2011 Von Toten, „Schweinen“ und Aasgeiern

Armes Deutschland

Manchmal geschehen Dinge, die einen glauben lassen, man befände sich plötzlich nicht mehr im aufgeklärten 21. Jahrhundert, sondern im finsteren Mittelalter oder in den Fängen einer Diktatur. Die bei Nacht und Nebel vorgenommene Exhumierung der sterblichen Überreste des ehemaligen Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß gehört zweifellos dazu.

Nein, ich halte Herrn Heß gewiss nicht für einen Märtyrer, und ich habe nicht das geringste Verständnis für die Heldenverehrung, die er in bestimmten Kreisen genießt. Seine Behandlung durch die Siegermächte war skandalös (selbst nach Auffassung des Nürnberger Chefanklägers Hartley Shawcross), aber es gibt neben den unzähligen NS-Opfern auch Millionen Deutsche, denen ohne eigenes Verschulden schlimmeres angetan wurde, die von den „Befreiern“ gefoltert, vergewaltigt, totgeschlagen oder in gezielt herbeigeführten Feuerstürmen verbrannt wurden. Viele davon, darunter mein Großvater, haben nicht einmal ein Grab. Rudolf Heß hingegen gehörte zu den Wegbereitern und bis zu seinem Schottland-Flug 1941 zu den Haupt-Protagonisten der NS-Diktatur. Seit 1987 ist er tot.

„Mit dem Tod endet jede Feindschaft“, sagte Bürgermeister Manfred Rommel, als er die RAF-Spitze trotz heftiger Proteste auf einem Friedhof seiner Stadt beerdigen ließ. Doch dergleichen gilt heute offensichtlich nicht mehr, wenn es für die „Anständigen“ dieses Landes darum geht, ihren reichlich verspäteten, dafür aber um so entschiedeneren Antifaschismus zu beweisen. Und deshalb wird jetzt – natürlich nur aus edelsten Motiven – mit den sterblichen Überresten von Rudolf Hess das gleiche praktiziert, was Himmler 1944 bezüglich der Leichen der Verschwörer um Graf Stauffenberg anordnete. Und das auch noch – symbolträchtig – am 20. Juli! Das offenbart ein Maß an Geschichts- und Pietätlosigkeit, das mich fassungslos macht. Ein Kommentator schrieb dazu: „Durch Grabverweigerung anderen Menschen Genugtuung verschaffen zu wollen ist – egal durch wen – ein barbarischer Akt, mit dem man sich außerhalb jeglicher Zivilisation stellt. Es ist schließlich ein nicht nur christlicher Grundsatz, nicht über den Tod hinaus zu richten.“

Wer angesichts dieses Rückfalls in die Barbarei geglaubt hatte, es sei nun keine Steigerung der Geschmacklosigkeit mehr möglich, sah sich alsbald getäuscht:„Dass seine Knochen nun ausgegraben, seine Gebeine verbrannt wurden und die Asche ins Meer geworfen wird, ist großartig. … Ich bin glücklich, dass dieses Schwein nicht mehr auf einem Friedhof liegt.“

Diese Sätze stammen nicht etwa von Julius Streicher, Ilja Ehrenburg oder einem anderen Auftragshetzer der Diktaturen des 20. Jahrhunderts. Nein, diese unfassbare Entgleisung stammt aus dem Jahr 2011 und wurde so an herausgehobener Stelle in der auflagenstärksten bundesdeutschen Tageszeitung „Bild“ veröffentlicht! Um diese Tirade zu begründen, instrumentalisiert der Autor, ein bereits wegen Beleidigung gerichtsnotorischer „Kolumnist“ namens Franz Josef Wagner, die Millionen Opfer des Holocaust, für die Heß schon allein deswegen nicht persönlich verantwortlich gemacht werden kann, weil er zum Zeitpunkt der Wannsee-Konferenz bereits in britischer Haft saß. Folglich wurde er auch nie deswegen angeklagt, sondern wegen „Planung eines Angriffskrieges und Verschwörung gegen den Weltfrieden“.

Das alles weiß Herr Wagner vermutlich, auch wenn sein Konterfei anderes vermuten lässt, aber das ficht einen unbeugsamen Widerstandskämpfer und BILDerbuch-Anständigen natürlich nicht an, zumal er für Obszönitäten der oben genannten Art auch noch gut bezahlt wird. Pietät und Anstand oder gar Demut sind für Menschen dieses Schlages ohnehin Fremdwörter.

Nein, ich werde hier nicht schreiben, was ich von Herrn Franz Josef Wagner und seinesgleichen halte, zumal ich auch kein unschuldiges Tier durch einen Vergleich beleidigen möchte. „Denn wer das Schmutz’ge anfasst, den besudelt’s.“ (Heinrich von Kleist)

Armes Deutschland.


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