26. August 2011

Eskalation der Gewalt in England Heißsporne aus Tottenham

40 Jahre Schuldenpolitik und ihre katastrophalen Folgen

Gelegenheit macht Diebe. Diese alte Weisheit wurde in der zweiten Augustwoche in London und anderen englischen Großstädten wieder einmal unter Beweis gestellt. Am 4. August 2011 war im Londoner Stadtteil Tottenham ein Mitglied einer Drogenbande von der Polizei erschossen worden. Seit 1998 versucht die Londoner Polizei verstärkt, die Drogen- und Waffenkriminalität gerade unter der afrokaribischen Bevölkerung der britischen Hauptstadt unter Kontrolle zu bringen. Erfolge sind nicht spürbar, stattdessen sind die Spannungen zwischen den Vertretern der inneren Sicherheit und vielen schwarzen Einwohnern der Metropole gestiegen. Etwa 48 Stunden nach dem Vorfall in Tottenham versammelten sich Familie und Freunde des Verstorbenen vor dem örtlichen Polizeihauptquartier und verlangten „Antworten“ und „Gerechtigkeit“. In dieser Situation kam es unbestätigten Berichten zufolge zu einer „Konfrontation“ zwischen einem Demonstranten und einem Polizisten. Dies war der Funke, der das Pulverfass explodieren ließ.

Eine überraschte und überforderte Polizei konnte des Aufruhrs nicht schnell genug Herr werden. Polizeiautos, ein Doppeldeckerbus, mehrere Geschäfte und Supermärkte gingen in Flammen auf. In dem Chaos wurden Läden und Supermärkte aufgebrochen und geplündert. Die Bilder unkontrollierter Brände und Verwüstungen ermunterten in den darauffolgenden drei Nächten viele Nachahmer – erst in anderen Stadtteilen Londons, dann auch in weiteren Großstädten Englands.

Weniger überrascht als die Polizei zeigte sich der ef-Autor und pensionierte Gefängnispsychiater Anthony Daniels. Auf Anfrage von eigentümlich frei sagte der englische Publizist, der unter dem Pseudonym Theodore Dalrymple schreibt: „Der Umfang und die Gewalt der Unruhen haben mich nicht im Geringsten überrascht. Ich verstehe nicht, wie irgendwer, der mit offenen Augen auf einer englischen Straße spazieren geht, von ihnen überrascht sein konnte.“

Die Krawalle haben eine von Politik und Medien weitgehend ignorierte Entwicklung der letzten Jahrzehnte ins Bewusstsein einer erschreckten Öffentlichkeit gerückt: Nun ist nicht mehr zu leugnen, dass ein Teil der Bevölkerung völlig verwildert ist – unbeeinflusst von zivilisierten Normen, Traditionen und Kultur.

Es handelte sich nicht um einen typischen „Rassenkonflikt“ – bis auf den Auslöser in Tottenham fehlte dazu das übliche Merkmal direkter Angriffe auf Symbole des Staates. Die Randalierer und Plünderer gingen der Polizei möglichst aus dem Weg, was ihnen mit Hilfe moderner Kommunikationstechnologie auch spielend gelang – bis die Staatsmacht ihre Präsenz massiv aufstockte. „Die Kosten der Organisation von Gewalt sind stetig gefallen“, meint der amerikanische Historiker Gary North angesichts der Randale in England. Offizielle Statistiken über die Krawallmacher gibt es zwar noch nicht, Anekdoten deuten jedoch klar auf eine Mehrheit von Schwarzen unter den Tätern hin. Der in Tottenham getötete Drogendealer war in der in England eher großzügig definierten Art „schwarz“. Seine Familie und Freunde größtenteils auch. Der Stadtteil Tottenham hat laut Volkszählung von 2001 – neuere Zahlen liegen noch nicht vor – mit 34 Prozent einen weit überdurchschnittlichen schwarzen Bevölkerungsanteil. Die Männer, die dem niedergeschlagenen malaysischen Studenten zunächst auf die Beine halfen, um ihn dann auszurauben – die Bilder gingen um die Welt –, sie waren schwarz. Der Autofahrer, der in Birmingham drei junge Männer, die ihre Nachbarschaft vor Plünderungen schützen wollten, überfuhr und dabei tötete, war schwarz. Die Frau, die in aller Seelenruhe auf der Straße eben geklaute Turnschuhe anprobierte, war schwarz. Eine später interviewte Geschäftsfrau auf die Bitte, die Plünderer zu beschreiben: „Ich will ja nicht rassistisch klingen, aber die waren alle schwarz.“ Es waren aber auch Menschen anderer Hautfarben beteiligt, und unter den später Festgenommenen waren auch ein Aushilfslehrer, eine Ballettschülerin und die Tochter eines Millionärs. Die Gewalt richtete sich hauptsächlich auf ganz unpolitische Weise gegen die Symbole eines durch und durch farbenblinden Kapitalismus.

Die klare schwarze Mehrheit unter den Randalierern erklärt sich Daniels damit, dass gerade junge Männer afrokaribischer Herkunft „beharrlich darin geschult worden sind, sowohl wirtschaftlichen wie rassenbezogenen Groll zu hegen.“ Dennoch sieht Daniels die Ursachen der Unruhen nicht in erster Linie in einer subjektiv empfundenen systematischen Rassenbenachteiligung, sondern in einer „absichtlich und tief eingepflanzten Anspruchshaltung, in staatlichen Subventionen fürs Nichtstun oder für unverblümte Kriminalität, in einem grausam teuren aber nutzlosen Bildungssystem, in einem moralisch korrupten Strafrechtssystem und in einer Popkultur-Industrie, die so dumm wie niederträchtig ist.“ Ergänzend dazu erwähnt North die Mindestlohngesetze, „unter denen schwarze männliche Jugendliche am meisten leiden“, und „ein vom Staat subventionierter kompletter Zusammenbruch der Familien.“ Der Spaß und der Reiz von Gewalt sei „verlockend für junge Männer ohne Wurzeln und ohne Väter zuhause.“ Politiker, die diese Fehlentwicklung lange mitgemacht haben, fragten während der Randalenächte entsetzt: Wo sind die Eltern dieser Jugendlichen? Aufmerksame Beobachter wussten in vielen Fällen die Antwort: Draußen auf der Straße, zusammen mit ihren Kindern. Jugendbetreuer Clasford Stirling bestätigt diese Beobachtungen aus seiner Praxiserfahrung. Der Träger des britischen Verdienstordens ist Schwarzer und leitet einen Fußballklub in Tottenham. In der Tageszeitung „The Guardian“ erklärt er, warum die Eltern ihre Kinder während der Krawalle nicht anriefen und ihnen sagten, sie sollen nach Hause kommen: „Das können sie nicht. Die Zeiten sind vorbei, die Autorität ist futsch. Viele Eltern können ihre Kinder nicht daran hindern, rauszugehen. Die jungen Leute sind wütend. Schauen Sie, wie dreist sie geworden sind.“ In Tottenham wachsen seinen Angaben zufolge 59 Prozent der afrokaribischen Kinder bei alleinstehendem Elternteil auf. Die Eltern seien meist nicht verheiratet, und die Kinder würden beim Gelegenheitssex gezeugt. Der Vater ist nicht präsent, Anwesenheit werde von ihm auch nicht erwartet. Großfamilien-Netzwerke, die ersatzweise einspringen könnten, gebe es nicht. An den Grundschulen Tottenhams finde man praktisch keinen männlichen Lehrer. Stirling: „Wir sehen im Leben junger Männer die gewaltigen Folgen des Mangels an männlichen Vorbildern.“

Simon Marcus, Leiter eines Boxklubs in Tottenham, pflichtet auf der Website „Conservative Home“ seinem Kollegen bei, indem er darlegt, dass vom Staat eine ganz bestimmte Botschaft an die Menschen ausgeht. Nämlich wenn ein Sozialarbeiter einer jugendlichen Mutter erklärt, dass das Wort „nein“ ein Kind emotional schädigt; wenn ein Erwachsener eine Kinderbande rügt und eine polizeiliche Verwarnung erhält; wenn ein Vater angezeigt wird, weil er seinem Kind einen Klaps gegeben hat; wenn ein Erwachsener von der Polizei festgenommen wird, weil er ein Kind festhält, das einen Diebstahl begeht oder ein anderes Kind angreift; wenn Messerstecher mit „Gemeinschaftsdienst“ bestraft werden; wenn jugendliche Mädchen eine Wohnung zugeteilt bekommen, wenn sie ein Kind haben; wenn einer fünfzigmal festgenommen wird und dies folgenlos bleibt. Jetzt, nach den Unruhen, versucht die Justiz mit ungewöhnlich harten Strafen, vergangene Fehler wettzumachen. Doch die „Krankheit“, die Premierminister Cameron Teilen der Gesellschaft attestiert, ist mit solchen Gesten nicht zu heilen.

ef-Redakteur Jörg Janssen bemerkte online: „Amoral erzeugt neue Amoral: Der Wohlfahrtsstaat nimmt den einen unter Zwang, was diesen gehört, und gibt es anderen, denen es nicht gehört. Jedes Kind kann erklären, warum das keine Wohlfahrt ist. Und es vernichtet das Rechtsempfinden der Kostgänger: Ihnen wurde erklärt, dass die Plünderung anderer zu ihren Gunsten gerecht sei. Die Jugendlichen haben in England die Plünderung nicht begonnen, sie haben sie nur individualisiert.“ Janssen erklärt: „Sie kommen überwiegend aus Vierteln, in denen ein Großteil der Familien seit über einer Generation vom Wohlfahrtsstaat lebt; sie kennen nichts anderes, als dass die Mittel für ihren Lebensunterhalt und ihren Konsum von anderen kommen, ohne dass sie selbst dafür gearbeitet hätten. Sie betrachten das nicht als Wohlfahrt, sondern als Anspruch.“ Die Jugendlichen, „die ihre eigenen Nachbarschaften in Stücke schlagen, vertreten eine Generation, die wie nie eine andere zuvor vom Staat genährt wurde“, schreibt auch Brendan O’Neill in „Spiked“. „Sie leben in Stadtgebieten, in denen der Wohlfahrtsstaat mit spitzem Ellenbogen während der vergangenen 30 Jahre eindrang und ältere Ideale wie Selbständigkeit oder Gemeinsinn beiseiteschob.“ Der englische Journalist, der vom „Guardian“ einst als „marxistischer proletarischer Aufwiegler“ bezeichnet wurde, schließt: „Die antisozialen jugendlichen Randalierer sind das Endprodukt dieses antisozialen Systems staatlicher Intervention.“

Ganz besonders im Visier der Kritik steht in diesen Tagen Harriet Harman. Die stellvertretende Vorsitzende der Arbeiterpartei war unter Tony Blair Sozialministerin und unter Gordon Brown Ministerin für Frauen und Gleichberechtigung. Die Unruhen waren noch nicht vorbei, da versuchte Harman die noch nicht in Kraft gesetzten Sozialkürzungen der Regierung Cameron für den Krawall verantwortlich zu machen. Politblogger Guido Fawkes erinnerte dagegen die Öffentlichkeit daran, dass Harman in den 1990er Jahren für eine Denkfabrik ein Pamphlet unter dem Titel „The Family Way“ verfasste, das von der Zeitschrift „Feminist Review“ als Versuch gefeiert wurde, „das lähmende, traditionelle Verständnis von Familie zu bekämpfen“. Jetzt, wo 40 Prozent aller britischen Kinder außerehelich zur Welt kommen und eine Minderheit von Kindheiten in einem Haushalt mit beiden biologischen Eltern abgeschlossen wird, so Fawkes, „ist das Ziel des langen Kampfes der Fabianer und Feministen, die Familie zu untergraben, erreicht.“ Auch Gerichtspsychologin Kay Nooney glaubt nicht an Kürzungen von Sozialleistungen als Ursache der Unruhen. Das habe die Randalierer überhaupt nicht interessiert. Stattdessen, erklärte Nooney im „Guardian“, hätten sie sich verhalten wie bei einem Gefängnisaufstand. Ein solcher beginnt oft mit einem Gerücht, dass irgendwem Unrecht angetan worden ist. „Dann kommt es zu irgendeiner Art moralischer Entrüstung. Es gibt kein höheres Ziel, es gibt lediglich eine große Anzahl von Leuten, die für ihr impulsives Verhalten bekannt sind, die sich in ein großes Abenteuer stürzen.“ Was aber veranlasst Leute in Freiheit, sich so zu verhalten, als befänden sie sich in Gefangenschaft? Darauf weiß Anthony Daniels eine Antwort: „Unter den Randalierern herrschte zweifellos eine Die-und-wir-Mentalität von Gefangenen. Ich habe große Teile Großbritanniens als ein Gefängnis ohne Mauern und Wächtern beschrieben. Die Leute sind gefangen im dialektischen Verhältnis zwischen dem, was ihnen zu glauben beigebracht worden ist, und den Verhaltensweisen, zu denen sie durch das System veranlasst werden.“

Der moralische Verfall hat aber nicht nur den Bodensatz der Gesellschaft erfasst. Was die Turnschuh- und Fernsehfetischisten machen, können die Banken schon längst. Sie wissen, dass sie trotz eklatanten Fehlverhaltens alimentiert werden – vom Steuerzahler. Der Staat zwingt diese ebenso dazu wie zur Zahlung irrwitziger Sozialprogramme. Folglich ist der Kern der ganzen Misere in der seit Jahrzehnten herrschenden Geldpolitik zu finden. Schon immer haben Regierungen – Könige, Despoten und Demokraten – davon geträumt, Geld aus dem Nichts zaubern zu können. Nie aber war das so leicht wie in den vergangenen vierzig Jahren, nachdem US-Präsident Nixon die letzte Verbindung der Reservewährung Dollar zum Gold kappte. Nennenswerten Widerstand dagegen aus anderen Ländern gab es nicht. Die daraus entstandene Vorspiegelung praktisch endloser Geldströme fördert illusionäre, gesellschaftszersetzende Programme wie Feminismus und Multikulturalismus und verdrängt Realitätsbezug und gesunden Menschenverstand.

Dabei hat England im August noch einmal Glück im Unglück gehabt. In den Krawallnächten sammelten sich rechtschaffene Bürger zu spontanen Bürgerwehren, mit Baseballschlägern, Besenstilen und Schwertern – häufig allerdings aufgeteilt in ethnisch homogene Gruppen. Es hätte also leicht zu echten Rassenkonflikten kommen können, die eine bereits überforderte Polizei zu bändigen nicht mehr in der Lage gewesen wäre. Die erwähnten drei jungen Männer von Birmingham, die überfahren wurden, waren Muslime asiatischer Herkunft. In Mittelengland sind die Spannungen zwischen Schwarzen und Muslimen besonders stark. Doch der Vater eines der Getöteten, Tariq Jahan, ein gebürtiger Pakistaner mit dem Akzent eines Mittelengländers, beruhigte die aufgebrachte Stimmung, indem er noch in derselben Nacht vor versammelten Medien sagte: „Ich habe meinen Sohn verloren. Schwarze, Asiaten, Weiße: Wir alle leben in derselben Gemeinde. Warum sollten wir einander töten? Warum tun wir dies? Wer seine Söhne verlieren will, der trete vor. Ansonsten, beruhigt euch und geht nach Hause, bitte.“

Die Unruhen haben den Briten nicht nur die moralische Verkommenheit ihrer Unterschicht, sondern auch die Unfähigkeit und Schädlichkeit ihres Staates deutlich vor Augen geführt. Vertreter und Förderer des Multikulturalismus, des Feminismus und des Sozialneids sind von ihrem moralisch hohen Ross gefallen und werden es fortan schwerer haben, einem zuvor noch gefügigen Bürgertum ihre illusionären Werte aufzudrücken.

Dieses Bürgertum, egal welcher ethnischen Herkunft und welcher Religion, hat sich in der Krise bewährt. Es wusste sich – trotz Schutzwaffenverbotes – zu helfen. Dieselbe Mobiltelefontechnologie, die den Plünderern ihr Handwerk erleichterte, half bei der Organisation von Bürgerwehren, freiwilligen Putztruppen und spontaner Hilfsmaßnahmen. Die aus fernen Urlaubsländern herbeieilenden Politiker können nur noch tatenlos dabei zusehen, wie ein von ihnen gebeuteltes Volk den Dreck zu beseitigen beginnt, den sie angerichtet haben.

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Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 29. August erscheinenden September-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 115


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