André F. Lichtschlag

Jg. 1968, Gründer und Herausgeber der Zeitschrift "eigentümlich frei", Verleger (ef und Lichtschlag Buchverlag).

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Westerwelle vor Rücktritt: Alle gegen Guido

von André F. Lichtschlag

Politik als Charakterfrage

Schon Oma und Opa wussten: Politik verdirbt den Charakter. Vom Journalismus zu schweigen, da sind bekanntlich Gebrauchtwagenhändler angesehener.

Und so drängeln beim großen Haudrauf gegen den am Boden liegenden Westerwelle alle gerne vor. Wer hat noch nicht, wer will noch mal? Dort die Linken in Medien und Politik von „Spiegel“ bis Claudia Roth, weil sie noch eine Rechnung offen zu haben glauben. Sie wollten den einst gewichtigen FDP-Chef schon immer abschießen. Jetzt endlich haben sie die Gelegenheit. Und hier die Neokonservativen hinter den vermeintlich eigenen Reihen, weil Westerwelle es gewagt hatte, die kriegerische Außenpolitik der NATO nicht mitzumachen. Jene Einmischung in fernen Ländern, die uns in diesen Stunden als großer Erfolg und „alternativlos“ verkauft wird. Auch hier ist die Gelegenheit günstig, denn die Toten der Bombardements sind noch nicht gezählt und die Folgen des Regimewechsels kaum absehbar. Schon bald könnte sich Westerwelles halbherzige – und Moskaus und Pekings mannhafte – skeptische Position zum Libyenkrieg als richtig herausstellen. So wie sich historisch die Zurückhaltung gegenüber den Kampfeinsätzen im Irak und in Afghanistan schnell als die einzig Richtige erweis. Doch dann werden die Hetzer schon zum nächsten Krieg blasen. Und der Außenminister Westerwelle wird längst Geschichte sein.

Im Gedrängel derer, die nun auf den bemitleidenswerten Guido eintreten, ragt einer fies heraus: Vorgänger Joschka machte es selbst umgekehrt. In der Opposition gab er sich skeptisch dünne gegenüber Kriegseinsätzen. Kaum in der Regierung, entwickelte sich Fischer zum fetten Falken auf dem Balkan. Böse Zungen behaupten, Joseph F. sei aufgrund seiner persönlichen Vergangenheit als semiterroristischer „Gaddafi vom Main“ hochgradig erpressbar gewesen. Seine Akten in deutschen Verfassungsschutzbehörden werden in Übersee vermutet und sind jedenfalls in Deutschland gerade unauffindbar. Fischer hat für Westerwelle in diesen Stunden nur Häme und Spott übrig. Zur Ehrenrettung: Nicht alle Taxifahrer sind Charakterschweine.

Auch Guido Westerwelle machte nach seinem Amtsantritt erst einmal den großen Kotau, der in diesem Amt wohl auch erwartet wird. Da ging der gerade noch triumphale Wahlsieger mit Erika Steinbach nicht anders um als die Meute nun mit ihm, weshalb es mit der Person Westerwelle auch keinen Unschuldigen trifft.

Und doch dreht sich dem ohnehin politisch leicht angewiderten Beobachter in diesen letzten schweren Amtsstunden des Außenministers Guido W. leicht der Magen. Bis morgen, so heißt es, wird sein Rücktritt erwartet. Sagen jedenfalls die Verantwortlichen „mit vorgehaltener Hand“, schreiben die Schergen. Sonst könnte er am Ende noch „unehrenhaft“ entlassen werden, drohen beide.

Und es passt ja auch ins Kalkül: Der „freiwillige“ Abgang des alten Wahlkampfhelden aus besseren Tagen würde seiner heutigen Splitterpartei einen letzten Nebelwerfer-Dienst erweisen. Man könnte die beiden anstehenden Wahl-Debakel in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin auf die mit dem „unglücklichen Rücktritt“ zu verbindenden „unvermeidbaren Unruhen“ schieben. Der dann gerade gewählte Nachfolger im Amt des Außenministers düfte zwar eine scheinbare Wende zum Besseren vorspielen, die sich aber „unmöglich in wenigen Tagen schon im Wahlergebnis auswirken konnte“. Es ist dieselbe billige Formel, mit der Philipp Röslers erste Wahlniederlage in Bremen kaschiert wurde.

29. August 2011

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