31. August 2011

Kuh Yvonne und andere Kulte Immer neue säkulare Götter

Es wartet das uneingestandene Erlösungsbedürfnis

Das hat im Portfolio der neuen säkularen Götter noch gefehlt: eine „Kult-Kuh“. Die Lücke schloss „Yvonne“. Der scheue Wiederkäuer hält seit Wochen die Boulevardpresse in Atem. Die „Kuh, die ein Reh sein will“, büxte bereits im Mai aus, entkam dem Schlachter und ward seitdem nicht mehr gefunden. Wie sie wohl enden wird? Wir werden es todsicher erfahren.

An „Stil-Ikonen“ herrscht schon lange kein Mangel. Jedes zweite Starlet und jede dritte Nebenrollenfilmschauspielerin taugt zu diesem Attribut. Verena Pooth, geschiedene Bohlen, gilt neuerdings als „Werbe-Ikone“. Sprach ich schon vom „Kult-Kaiser“, dem nachgemachten Franz Beckenbauer in der Persiflage des Komikers Matze Knop? Und ganz ohne Frage verdient auch jeder Film das kultige Präfix, sobald er von mehr Leuten gesehen als produziert worden ist.

Gleiches gilt von Cocktails, die zur selben Zeit in derselben Stadt dutzendfach getrunken werden, und von Liedern, die in vielen Diskotheken parallel aus den Boxen dröhnen, und von Kleidern, die plötzlich jeder haben will: alles Kult. Selbst beim Kauf von Rasierklingen für Damen geht es gegenweltlich zu. Sie hören auf den Namen „Mystique“.

Den Klimax aber der Selbst- und Fremdverblödung durch religiöse Rhetorik erklomm souverän die linke Tageszeitung „tageszeitung“. Journalist Falk Lüke betextete den Wechsel an der Spitze eines US-amerikanischen Kommunikationskonzerns mit den berückend verrückten Worten: „Apple heißt Schönheit. Apple heißt Fortschritt. Apple heißt: Das, was selten nervt. Und Apple heißt: Kult.“ Zum Anbeter von Mobiltelefonen wird der Journalist, nachdem alle nicht-säkulare Anbetung journalistisch zum Teufel gejagt worden ist.

Ohne Kult ist kein Auskommen in spätmodern agnostischer Zeit. Ohne Ikonen und Mythen klingeln die Kassen zu leise. Wie kommt das? Zum einen ist die inflationäre Rede ein Verkaufstrick, ein Etikett an vermeintlich heißer Ware, ein Stempel für Massenkompatibilität. Kult soll sein, was alle kaufen, woran alle teilhaben dürfen.

Am liturgischen Kult hatte und hat das ganze Volk Gottes teil; er kulminierte und kulminiert in der punktuellen Verwandlung des Alltags, dessen auch dinglich fassbarer Entrückung in eine höhere Sphäre. Der „Kult“ um die „Ikonen“ soll auf vergleichbare Weise – durch Kauf, nicht Gebetshandlung – eine tendenziell unendlich große Gruppe um das jeweilige Ding- und Kaufsymbol versammeln, damit dieses jene momentweise transzendiere. So werden aus großen Erfahrungen kleine Mythen und schließlich billige Münzen.

Zum anderen hat in der überspringenden Sprache ein globales Menschheitswissen seine feste Stätte. Die Sprache bewahrt, wenn auch an meist untauglichen Objekten, die Einsicht, dass zur conditio humana das Ausstrecken nach dem, was droben ist, immer gehört. Und dass die Erfahrung des inkommensurabel Besonderen dem Menschen zustößt, ihn trifft, ihn anfällt aus Höhen, die nicht er geschaffen hat. Mit einem Wort: dass der Mensch in der Lage ist, ganz aus sich heraus zu treten, ohne für immer entrückt zu werden. Genau mit diesem falschen Versprechen treten die „Kult“-Produzenten auf den Markt.

In der kompensatorischen Rede sitzt also und wartet und lauert das uneingestandene Erlösungsbedürfnis – solange, bis ein neues Geschlecht die alten Fragen wieder zu stellen wird wissen.


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