06. September 2011

Glosse Herr Zollitsch und das Zirkuspferd

An der Tränke zum ewigen Leben

In Freiburg wird der Trank zum ewigen Leben gebraut. Der glückliche Herr Zollitsch genießt ihn täglich, in kleinen Schlückchen. Er setzt das Gläslein an, freut sich, wenn der wunderbare Trank sacht die Kehle hinunter rinnt, und hebt es aufs Neue. Solchermaßen gestärkt, verlässt der liebe Herr Zollitsch munter und freundlich sein Arbeitszimmer im Breisgau, hinaus in die große weite Welt, wo man ihn so gerne befragt nach diesem und jenem. Dann gibt er Antwort und verliert seine Munterkeit nicht.

Wer ihm zuhört, der fühlt sich ganz aufgehoben im besänftigenden Fluss der Silben. Da ist keine Stromschnelle in Sicht, kein Wasserfall voraus. Unwetter gibt es nicht in diesem, in seinem singenden Ton. Etwas wandert die Stimme nach oben, um sogleich sich zurückfallen zu lassen auf die sehr stabile Mittellage, die kein Klang länger verlassen darf, feind dem Punkt, wider das Komma. Es ist ein Eiapopeia des Einvernehmens mit jenem und diesem und gewiss auch mit sich. Könnten Kinder, bettete man sie in diese Silbenwiege, je das Schlummern verlernen?

Der sanfte Herr Zollitsch plaudert gerne, und er weiß, ihm ist dabei kein Maß gesetzt. Vor den Zumutungen der Zeit bewahrt ihn der wunderbare Trank. Schon 73 Lenze währt das Leben des rüstigen Herrn Zollitsch. Es steckt also, solange das Elixier in Freiburg gebraut wird, noch ganz in den Kinderschuhen. Ohne den Trank im Leibe könnte der frohe Herr Zollitsch nicht einmal denken, was er nun so herzig in der „Zeit“ aussprach. Er werde „zu meinen Lebzeiten“ noch erleben, „dass wir in der Frage der wiederverheirateten Geschiedenen weiterkommen werden.“

Ob Methusalems 969 Lebensjahre das Maß sind für die Tagträume des milden Herrn Zollitsch? Eine gehörige Spanne Zeit muss es sein, da doch in dieser „Frage“ ein „Weiterkommen“ an keinem Kirchenhorizont sich abzeichnet. Der gütige Herr Zollitsch redet gerne von den „Reformen“ in den Lehrgebäuden seines Dienstherrn, der Kirche, als sei diese bereits vollständig umschritten, wenn er seine Füße um das Freiburger Münster gelenkt hat.

Mit der Langsamkeit der bürgerlichen Veränderungen im römischen Haupthaus mag er sich nicht anfreunden – obwohl er doch der Zeiten ganzer Herr sein muss. Ja, wenn es nach ihm ginge, würden die „wiederverheirateten Geschiedenen“ eilig durchgewunken, wenn sie –wie es in Freiburg offenbar der Fall ist – in Legionenstärke Sonntag um Sonntag mit den Füßen scharren im Kirchenschiff und nach der Eucharistie verlangen.

Dass er die römische Leitung, die zu vertreten er bestellt ist, mit solchen Improvisationen schwer düpiert, drückt ihn nicht. Dass er Stimmungen die Stimme leiht ohne Argument, ohne Theologie, auch nicht. Er wollte es einmal aussprechen, einfach so, der Tag war schön, die Luft sehr lind.

Oder sang sich da am Ende eine Weise aus, die andere ihm auf- und vorgesetzt hatten? Las er recht und schlecht vom Blatte ab, das ihm von interessierter Seite routiniert gereicht wurde? Bauchredner verfahren ähnlich mit ihren Puppen. Wir wissen es nicht, wir hören nur den singenden, wehenden, fliehenden Klang und staunen: Ist der litaneiende Herr Zollitsch wirklich im Brotberuf Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz?

Er sang sich zumindest hinein in die Herzen der Journalisten mit diesem „Zeit“-Gespräch über sich, den guten Reformator, und die anderen, die römischen Herren, die schlimmen Bremser. Für einmal packte die „Frankfurter Rundschau“ ihren antikirchlichen Furor in Watte, pries sanft und süß den „liebenswürdigen Vorsitzenden“ und „beharrlichen Bohrer dicker Bretter.“ Die „Bild“-Zeitung erkor ihn gar zum „Gewinner des Tages“, nannte ihn „mutig und gütig.“ Applaus bekommt das Zirkuspferd, wenn es die richtigen Pirouetten dreht.

Am Abend dann schloss der lächelnde Herr Zollitsch die Vorhänge in der badischen Stube sacht wieder, rückte den Sessel näher an den Schallplattenspieler und genehmigte sich einen letzten Schluck aus der Flasche mit dem Zaubertrunk. Es war ihm behaglich zumute. Er war sehr mit sich im Reinen.


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