André F. Lichtschlag

Jg. 1968, Gründer und Herausgeber der Zeitschrift "eigentümlich frei", Verleger (ef und Lichtschlag Buchverlag).

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Ronald Pofalla über Wolfgang Bosbach: Was, wenn er schlicht recht hat?

von André F. Lichtschlag

Wie wird der Mann aus Bergisch-Gladbach eigentlich zum permanenten Rettungsschirm stehen?

Jeder Bundestagsabgeordnete, der am vergangenen Donnerstag der Erweiterung des Euro-Rettungsschirms zustimmte, hat den deutschen Steuerzahler verraten. Und doch: Irgendetwas ist faul an der allgemeinen Berichterstattung über den pösen Pofalla und den bemitleidenswerten Bosbach.

Weinerlich jammerte der gestandene Herr Bosbach gar öffentlich – und das ausgerechnet in dem Moment, in dem er auf ganzer Linie gewonnen hatte. Weil sein Gegenüber für alle Anwesenden sichtbar die Contenance verlor. Anstatt den Augenblick zu genießen, flennte Bosbach gegenüber der Journaille, er überlege, sich aus der Politik zurückzuziehen. Mal ehrlich: Glaubt ihm das irgendwer?

Ihm, den Politjunkie, der in den letzten Jahren jede Kamera und alle Talkshows ge- und besucht hat wie sonst allenfalls Michel Friedman und Karl Lauterbach?

Wolle Bosbach hat sich dabei meist einen Fußbreit näher an Volkes Meinung präsentiert als seine Kanzlerin – ein bisschen Nacktscanner hier, ein wenig Internetzensur dort, eine Prise Islamkritik konnte auch nicht schaden. Aber wenn es ernst wurde, war ihr Parteisoldat Bosbach immer treu ergeben. Umgangssprachlich werden Leute, die nach oben buckeln und unten treten, gerne als Radfahrer bezeichnet. Bosbach sitzt im Tandem gerne hinten, freihändig, während Merkel lenkt. Auch bei der Rettungsschirm-Abstimmung betonte der sportive Typ aus Bergisch-Gladbach stets, er sei davon überzeugt, dass auch ohne ihn die Kanzlermehrheit zustandekomme. Ob er auch mit Nein gestimmt hätte, wenn dies nicht der Fall sein könnte, ließ er offen. Ob er den wesentlich verhängnisvolleren permanenten Rettungsschirm im kommenden Jahr ablehnt, ist bislang auch nicht klar.

Wolfgang Bosbach nutzt zuweilen geschickt das konservative Vakuum in seiner Partei. Ein wirklich konservatives Profil zeigte er dabei nie. Bei der erbarmungslosen Hetze gegen den Parteifreund Martin Homann tat sich Bosbach besonders hervor, als er eine „klare Kante“ gegen alle forderte, die es wagten, Homann zu verteidigen. Dem Abgeordnetenkollegen aus Fulda selbst warf Bosbach ohne jedes Argument, dafür aber lautstark nicht weniger als „unerträglichen Antisemitismus“ vor. Homann war damit erledigt.

Und nun schauen wir uns genauer an, was Ronald Pofalla so in Rage versetzt hat. Er brüllte dem Vernehmen nach just in dem Moment, als ausgerechnet dieser langjährige Wegbegleiter Bosbach für seine abweichende Haltung hochtrabend sein Gewissen bemühte. „Hör mir auf mit der Scheiße!“ Und: „Wenn ich so eine Scheiße höre!“

Wäre Pofalla oder seinen Geistesbrüdern in der FDP-Führung ein solcher Aufschrei gegenüber dem Überzeugungstäter Frank Schäffler rausgerutscht? Eher nicht. Erklärbar ist die unbändige Wut und der völlige Kontrollverlust des Ronald Pofalla nämlich nur damit, dass er Bosbach dessen „Gewissensentscheid“ tatsächlich nicht abnimmt. Und er kennt seinen Pappenheimer besser als all jene, die dem „armen Wolfgang Bosbach“ nun tränenreich im Arm liegen.

05. Oktober 2011

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