13. Oktober 2011

Systemisch Die Krise des Euro

Kurz und konventionell

Die Krise des Euro ist eine Staatsschuldenkrise mit systemischen Ursachen und systemischen Auswirkungen. Die Einführung des Euro erfolgte in einem nicht-optimalen Währungsraum. Deswegen gab es diverse politische Vorgaben, um die den Deutschen versprochene Preisstabilität zu sichern. Erstens gilt das No Bail out-Verbot des Art. 125 AEUV. Danach haftet jeder Staat für seine eigenen Schulden und ist eigenverantwortlich in der Staatsfinanzierung. Flankiert wurde das Verbot zweitens durch den Stabilitäts-und Wachstumspakt. Dieser sollte einerseits Überschuldungssituationen vermeiden und andererseits eine fiskalische Konvergenz bewirken, wie sie sich auch anfänglich an der konvergierenden Zinsentwicklung gezeigt hat. Diese Regeln wurden über Jahre hinweg nicht nur von Griechenland, sondern auch von fast allen anderen Mitgliedern gebrochen – oder gleich von Anfang an ignoriert. Die Nichtbeachtung der überlegten ökonomischen Eintrittskriterien zur Euro-Zone tat ein Übriges. Der Euro ist wegen des Bruchs selbstgesteckter Grenzen und Regeln von Anfang an auf der schiefen Bahn gewesen. Die ausgeuferten Staatsschulden sind das Symptom dieser von Beginn an existierenden systemischen Krisenhaftigkeit.

Die Staatsschuldenkrise bedroht die Zahlungsfähigkeit von Staaten. Sie haben Schwierigkeiten sich zu den gewohnten günstigen Bedingungen am Kapitalmarkt zu finanzieren. Das wiederum bedroht wegen der erhöhten Zinslast die Tragfähigkeit der Staatshaushalte. Das richtige Mittel der Wahl wären Ausgabenkürzungen in den Haushalten, um den Zugang zu günstiger Refinanzierung zu behalten oder zurück zu erlangen. Das stattdessen gewählte Mittel ist die Subventionierung der Staatsschuld in den vornehmlich  (aber nur zuerst) betroffenen Ländern der Peripherie durch die Schuldenschirme. Diese mildern die richtigen Anreize des Kapitalmarkts. Die hohen Zinsen können nicht wirken. Die Anreize zur Haushaltskonsolidierung werden gemildert. Die Schuldenkrise wird durch höhere Anreize zur Verschuldung verschärft. Umgekehrt führen die Risiken aus den Rettungsschirmen zu einer problematischeren Verschuldung der Kreditgeberländer. Ihr Schuldenstand erhöht sich und damit mittelfristig auch die Kosten für die Refinanzierung. Das Triple-A Rating von Frankreich ist daher gefährdet. Italien steht ohnehin am Abgrund.

Die Krise gebiert selbst wiederum systemische Auswirkungen auf die Stabilität des Finanzsystems. Weil die Portfolios von Banken durch Staatsanleihen geprägt sind, hat die Bonität der Staaten Auswirkungen auf deren Belastbarkeit. Wenn Staaten geringere Bonität haben, steigt das Risiko für Staatsanleihen. Das macht sich in den Bilanzen der Banken erst nicht bemerkbar, weil eine gesetzliche Bilanzfiktion besteht, dass Staatsanleihen ausfallrisikofrei sind. Die Marktteilnehmer bewerten diese Risiken aber inzwischen durchaus risikoadäquat. Das hat insbesondere Auswirkungen auf den Interbankenhandel. Die Banken erkennen die Solvenz-Probleme ihrer Handelspartner. Sie sind nicht geneigt, Kredite untereinander zu geben, wenn das Risiko besteht, dass sie ausfallen. Das hat aber auch Auswirkungen auf die Refinanzierungsmöglichkeiten von Banken am Kapitalmarkt. Die Eigenkapitalaufnahme verteuert sich, die Fremdkapitalaufnahme sowieso.

Das Zahlungsunfähigkeits-Risiko von Staaten schlägt sich somit systembedingt in der Bankenlandschaft nieder. Die Staatsschuldenkrise überträgt sich ins Bankensystem. Die Gefährdung der Banken hat wiederum Auswirkungen auf ihre Kreditvergabepolitik. Sie werden vorsichtiger Kredite vergeben. Der verteuerte Zugang zu Fremdkapital wird mittelfristig die Wirtschaft bremsen. Die Banken werden auch vorsichtiger Kredite an Staaten vergeben. Sie werden anfangen, Staatsfinanzierungen nach wirklichem Risiko zu bewerten, nicht nach gesetzgeberischer Fiktion mit Nullrisiko. Das erschwert die Staatsfinanzierung. Das belastet ihre Haushalte.

Andererseits werden die systemlogischen Versuche, die staatsfinanzierenden Banken zu retten, das Staatssäckel leeren. Hierin liegt der Grund, warum Frankreich gern zuerst den Schuldenschirm EFSF in Aktion sähe. Deutschland würde sich an der Rettung französischer Banken beteiligen. Die Frau Kanzlerin will dagegen lieber nationale Anstrengungen unternehmen, bevor die EFSF in Anspruch genommen wird.  Der eine Weg ist besser für das französische Rating, der andere für das deutsche.

Das als deutsches bezeichnete Interesse an der „Rettung“ des Euro ist das Interesse der Exportindustrie. Der Euro spart Währungsabsicherungskosten. Gegen Währungsschwankungen versichern muss sich aber nur der, der im Ausland Geschäfte macht. Alle Aufwendungen aus Steuergeldern nützen daher denen, die Exportgeschäfte betreiben. Es handelt sich um eine Umverteilung vom Steuerzahler zur Exportindustrie. Diese hat große Bedeutung in Deutschland – aber nicht für jeden.

Der Euro hilft der Exportindustrie auch, weil er eine härtere deutsche nationale Währung verhindert. Der Euro ist gegenüber einer Deutschen Mark  je nach Schätzung zwischen 10 und 40 Prozent schwächer. Mit einer Rückkehr zur Deutschen Mark (oder einem Austritt des Weichwährungsblocks aus dem Euro) käme es zur Aufwertung. Die Produkte der deutschen Exportindustrie würden im Ausland teurer. Andererseits werden Einfuhrprodukte billiger. Wer sich schon einmal gefragt hat, warum Textilien und Produkte der Unterhaltungselektronik in den USA so günstig sind, findet hier die Antwort. Die Lebenshaltungskosten für Deutsche sänken bei einer aufgewerteten Währung. Import-Öl und Energie generell wäre billiger. Der iPod wäre billiger. Die Marken-Jeans und das T-Shirt vom Discounter ebenso.

Der Euro schafft einen einheitlichen Außenwert. Die griechische Drachme wäre im Ausland deutlich weniger wert. Daher können die Griechen derzeit munter und billiger importieren. Import heißt im modernen, einer industriellen Basis entkleideten Griechenland vor allem Einkauf zum Konsum. Dieser Konsum wird finanziert über das Euro-System. Er führt zu den berühmten Target-2 Salden. Professor Sinn spricht deswegen in Bezug auf die Euro-Krise von einer Zahlungsbilanzkrise, wie es sie von Zeit zu Zeit gibt. Insbesondere in schweren Krisenzeiten. In denen befinden wir uns nämlich.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Dirk Friedrich

Über Dirk Friedrich

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige