21. Oktober 2011

Dystopie Die Energiewende

„Seit Fukushima reden wir nicht mehr über Eintrittswahrscheinlichkeiten“

2025: Die internationalen Eingreiftruppen aus Frankreich, Großbritannien, Kanada, den USA und Russland übergeben die Sicherheitsverantwortung an die deutsche Übergangsregierung. Diese kündigt eine zügige Aufarbeitung an und führt intensive Gespräche mit der venezolanischen Regierung über die Auslieferung der ins Exil geflohenen Kanzler_innen-Doppelspitze Roth und Ernst.

Wie es dazu kommen konnte

Alles begann im Jahr 2013, als nach der Bundestagswahl die erste grün-linke Regierungskoalition mit gemeinsamer Zweidrittelmehrheit im Parlament geschlossen wurde. Als erste Amtshandlung beruft die neu geschaffene Kanzler_innen-Doppelspitze einen Rat zur unverzüglichen Energiewende ein. Der beschließt die sofortige Abschaltung der verbliebenen Kernkraftwerke und aller Kohlekraftwerke sowie den massiven Ausbau von Windkraft, Photovoltaik und Geothermie. Pumpspeicherkraftwerke sollen Schwankungen ausgleichen. Die Umsetzung wird an die Bundesländer delegiert, die entsprechend ihrer Fläche und Einwohnerzahl eine bestimmte Menge an Energie bereitstellen müssen. Das Importverbot für ausländischen Atom- und Kohlestrom wird im Grundgesetz verankert.

In die anfängliche Begeisterung der Bevölkerung mischt sich schnell Skepsis. Die befürchteten Engpässe bei der Stromversorgung und der Widerstand von Anwohnern gegen die „Verspargelung der Landschaft“ durch Windkraftanlagen führen vielerorts zur Gründung von Bürgerinitiativen.

In den nördlichen Ländern bauen die roten und grünen Landesregierungen überwiegend Geothermie- und Windkraftanlagen, während die Ministerpräsidenten im Süden in jedem Mittelgebirge mehrere monumentale Staumauern für Wasserkraftwerke errichten lassen. Der 17-Schluchten-Staudamm in der Sächsischen Schweiz soll als größtes Bauwerk in die Geschichte der Menschheit eingehen. Die Bevölkerung hat ihren Humor noch nicht verloren und gibt ihm den Beinamen „Antifaschistischer Stauwall“.

Das Lachen vergeht ihr erst, als viele ertragreiche Südhänge berühmter Weinbauregionen großflächigen Photovoltaikparks weichen müssen. „Wenn's an mein Viertele geht, hört der Spaß auf“, wird der Ministerpräsident von Baden-Württemberg vielerorts zitiert.

Zierpflanzen und Pflastersteine

Die ersten Proteste der Bevölkerung formieren sich zeitgleich mit dem Eintreffen der Stromabrechnungen. Während Privathaushalte unter Ächzen die 1,20 Euro pro Kilowattstunde bezahlen, melden 62 Prozent der deutschen Unternehmen Insolvenz an – darunter Daimler, Bosch, Merck und die gesamte Stahl- und Aluminiumindustrie. Um den eigenen Arbeitsplatz hat zunächst niemand Angst: Das neu eingeführte bedingungslose Grundeinkommen sichert die Existenz der Millionen neuen Arbeitslosen. Der Tenor in der Bevölkerung ist jedoch überall ähnlich: Die ständigen Stromausfälle lassen sich mit dem massiv gestiegen Preis nicht vereinbaren.

Da die Stimmung in der Bevölkerung zu kippen droht, setzt die Regierung – beraten durch Altkanzler Schröder – auf den schnellen Bau von Gaskraftwerken. Nach einer Regierungsübernahme durch Nationalkommunisten in Russland ist die Liefersicherheit des Erdgases jedoch massiv gefährdet. Die Regierung will den Ausfall kompensieren, indem sie die Herstellung von Biogas von deutschen Landwirten erzwingt. Unfähig, schnell auf den Bedarf an Biomasse zu reagieren, beginnt man, Obst, Gemüse und Zierpflanzen zur Gaserzeugung zu verwenden.

Als in der Folge Zierpflanzen- und Lebensmittelpreise schwindelerregende Höhen erreichen – der Schwarzmarktpreis für Betrosen hat die psychologisch wichtige 200 Euro-Marke längst durchbrochen – kommt es zu ersten gewaltsamen Ausschreitungen.

Riesige Aufwindkraftwerke führen zu bisher ungekannten Wetterphänomenen, weil die durch Sonnenstrahlung erhitzten Luftmassen mit hoher Geschwindigkeit in kühlere Luftschichten geschossen werden. Ein mit Solarkollektoren betriebenes Sportflugzeug eines Schmugglers illegaler Heizpilze wird im Landeanflug auf den Verkehrslandeplatz Bautzen von einem „Blitztornado“ erfasst. Der Pilot verliert die Kontrolle. Die Maschine wird wie ein Blatt im Herbstwind davongeweht und an eine der größten Staumauern des erst kürzlich vollständig gefluteten 17-Schluchten-Staudamms geschleudert. Glücklicherweise hält die Mauer dem Einschlag – augenscheinlich ohne Schäden – stand, Haarrisse bleiben zunächst unbemerkt.

Unter Umständen hätte die Regierung zu diesem Zeitpunkt noch von ihrer ideologischen Energiepolitik Abstand nehmen können. Doch schon kurz darauf war es für jedes Umsteuern bereits zu spät.

Kleiner Riss, große Welle

Ein nächtliches Erdbeben der Stärke 5,4 mit dem Epizentrum in Brandenburg lässt zahlreiche Windkraftanlagen wie Streichhölzer umknicken. Ein so mächtiges Beben hätte nach Einschätzung namhafter Geologen und unabhängiger Gutachter in dieser Region nie stattfinden können. Hunderte Menschen werden im Schlaf von den umfallenden Windrädern und Aufwindtürmen in ihren Betten erschlagen. Das schon zuvor heillos überlastete Stromnetz bricht nun in weiten Teilen der Bundesrepublik völlig zusammen.

Das ist auch der Grund, warum die Bevölkerung Dresdens nicht mehr rechtzeitig vor dem bevorstehenden Bruch der Staumauer gewarnt werde konnte. Die unter normalen Bedingungen unbedeutenden Schäden durch den Flugzeugabsturz führen unter Einwirkung des Erdbebens zum Bersten der Mauer: Milliarden von Kubikmetern aufgestauten Wassers brechen über das Elbtal herein und reißen alles mit sich.

Ermittlungen werden später ergeben, dass das Erdbeben auf menschliche Einflüsse zurückzuführen ist: Die Ingenieure im weltgrößten Geothermie-Kraftwerk nahe Uebigau im Süden Brandenburgs wurden vom Staatsapparat gezwungen, die Anlage zum Ausgleich der Energieengpässe schrittweise auf 145 Prozent ihrer Nennleistung hochzufahren. Das Einpressen kalten Wassers in tiefere, heiße Schichten der Erdkruste hat zum Aufbau und schließlich zur seismischen Entladung lokaler tektonischer Spannungen geführt.

Ohne elektrische Energie stehen essentielle Kommunikationswege über Internet, Telefon und Rundfunk nicht zur Verfügung. Als entlang des Flusslaufs der Elbe bis nach Hamburg leblose Körper angespült werden, gerät die ahnungslose Bevölkerung in Panik. Es kommt zu Plünderungen und zu gewaltsamen Ausschreitungen. Die ausgehungerten Bürger stürmen auf der Suche nach Nahrung auch immer öfter die Vorratslager der Biogasanlagen. Der Mangel an Batterien für Taschenlampen zog bei den nächtlichen Überfällen verheerende Unfälle nach sich: Die Fackeln der Plünderer entzündeten austretendes Bio-Methangas. Große Explosionen, die ganze Ortschaften dem Erdboden gleich machen, kosten Tausende das Leben.

Der Sündenfall

Zur Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung will Kanzlerin Roth als letztes ihr zur Verfügung stehendes Mittel auf den Einsatz der Bundeswehr im Inland zurückgreifen. Dabei scheitert sie im Bundestag allerdings am Widerstand der gelb-schwarzen Opposition und der interfraktionellen Pazifistengruppe der Koalitionsabgeordneten. Sie setzt sich über das Parlament hinweg, woraufhin ihr die Führung der Bundeswehr die Gefolgschaft verweigert.

Mit Mitteln eines Hilfsfonds der Solarindustrie wirbt sie in Osteuropa Söldnertruppen an, die die Aufstände gewaltsam niederschlagen sollen.

Da auch die ausländische Presse mangels Energie in Deutschland nicht arbeiten kann, erfahren die Nachbarstaaten erst von den Flüchtlingen, die zu Abertausenden über die Grenzen strömen, vom Ausmaß der Katastrophe.

Schlussakkord am Kernkraftwerk

Die internationale Staatengemeinschaft beschließt parallel zu einer militärischen Intervention die Entsendung von Ingenieuren. Sie sollen die stillgelegten deutschen Kern- und Kohlekraftwerke schnell wieder in Betrieb nehmen. Kanzler Ernst wehrt sich mit allen Mitteln gegen die „Verletzung der territorialen Integrität der Bundesrepublik“ und befehligt die Söldnertruppen zur Verteidigung gegen die „Imperialisten“.

Währenddessen bringt eine Zelle grüner Fundamentalisten ein Flugzeug mit Kerntechnikern auf dem Weg von Paris nach Deutschland in ihre Gewalt. Zum Äußersten entschlossen und um eine letzte politische Botschaft zu senden, steuern sie die Maschine in den Block zwei des französischen Nuklearkraftwerks Fessenheim unweit von Freiburg. Ihre Absicht ist, einen Super-GAU auszulösen und den Vormarsch der ausländischen Truppen zu behindern. Das Kraftwerk übersteht den Einschlag der Boeing 737 ohne strukturelle Schäden, die Schnellabschaltung funktioniert, die Abwärme kann abgeführt werden.

Information:

Die Autoren Christoph Huebner und Rudi Ascherl rechnen sich dem liberalen Flügel innerhalb der FDP zu. Sie sind Vorsitzender und Pressesprecher der Jungliberalen Aktion Sachsen (www.julia-sachsen.de)


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Autor

Christoph Hübner / Rudi Ascherl

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