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Auszug aus der Printausgabe: Kaperschwester Marina Weisband

von Redaktion eigentümlich frei

ef-Artikel von André F. Lichtschlag aus ef 117

[…] und zuweilen „stur“. Petra Kelly war die Lady Di der grünen Partei.

Marina Weisband ist die Petra Kelly der Piraten. Als politische Geschäftsführerin amtiert sie als einzige Frau in der Führungsriege. Die gläubige Jüdin wurde im ukrainischen Kiew geboren und kam mit ihren Eltern im Alter von zehn Jahren nach Deutschland. Heute studiert die 24-jährige in Münster Psychologie.

Die Grünen machten als späte Achtundsechziger ernst mit dem Motto, alles Private sei politisch. Die Piraten treten dafür ein, alles Politische und Private nun öffentlich zu machen. Und so ist auch die Kaperschwester Oberin täglich mit kleinen Neuigkeiten bei Facebook zu finden. Auf ihrer umfangreichen Internetseite „Marinas Lied“ gibt sie sich offen wie eine Karpaten-Scheunenpforte. Marina Weisband hat, so erfährt man da, neben den Piraten die Kunst zum Hobby gemacht: Sie singt, spielt Gitarre, schauspielert, zeichnet und malt mit einigem Talent – und erzählt im übrigen allen, die es wissen möchten, dass sie „ihren Kaffee mit vier Stück Süßstoff und halber Tasse Milch“ trinkt. Vor der ersten Bundespressekonferenz teilt sie ihre Nervosität mit den Lesern ihrer Facebook-Seite. An einem anderen Tag schreibt sie: „Ich möchte mich heute bei allen meinen Freunden für die Verfehlungen entschuldigen, die ich ihnen gegenüber begangen habe. Jede Unaufmerksamkeit, jedes unfreundliche Wort, das ich im letzten Jahr gesagt habe. Möge euer Leben glücklich sein!“

Wenn sie politisch wird, ist vieles unbestimmt. Zuweilen aber auch bemerkenswert liberal: „Erziehung ist nicht Regierungssache“, sagt sie dann fast beiläufig. Ihre Kandidatur zur Piraten-Generälin erfolgte spontan: „Hi Versammlung, ich habe nicht viel vorbereitet. Ich kann Kommunikation. Und: Ich möchte darum bitten, nicht gewählt zu werden, weil ich eine Frau bin!“

Warum sie nicht Kunst studiert? „Weil ich einen irrationalen Hass auf Kunstschulen habe. Ich habe einfach eine intuitive Art. Jegliche Ausbildung, die mir bisher dazwischengefunkt ist, hat mich in meinem Schaffen eher eingeschränkt. Außerdem verdient man mit Kunst kein Geld.“

An „Freitagen ist sie immer in der Synagoge. Außer manchmal, dann nicht.“ Zuweilen zitiert sie „tolle jüdische Flüche“ wie: „Du sollst ein reicher Mann werden. Der einzige in deiner Familie!“ Oder: „Hundert Jahre alt sollst du werden! Sofort!“ Welten voller sympathischer Selbstironie trennen Marina Weisband von den Kollegen Generalsekretären der anderen Parteien. Oder kann sich jemand eine solche Mitteilung von Christian Lindner vorstellen: „Meine Frisur für den nächsten Presseauftritt wird basisdemokratisch gewählt.“ Ganz zu schweigen von der politisch nicht ganz korrekten Sache mit dem Mobilfunkgerät: „Muss meinem Handy dringend das Wort ‚geil’ beibringen. Ständig versehentlich ‚Heil!’ zu schreiben bringt es auf Dauer nicht.“

Worin sie besonders gut sei, fragt sich Marina Weisband schließlich selbst auf „Marinas Lied“. Antwort von ihr, die man „auch schon mal russisch sprechen“ hört: „in Wodka“.

Humor hat sie also – und das zumindest unterscheidet sie dann doch von Petra Kelly. Vielleicht ist alles auch ein Irrtum oder grandioses Schauspiel – und so naiv wie sie scheint wäre Marina Weisband gar nicht. Dann würde sie ihre Parteiarbeit womöglich auch nicht als weiteres kühnes Kunstprojekt betrachten, sondern als etwas Größeres – „weil man damit Geld verdienen kann“. Dafür spricht, dass die erste Streitigkeit innerhalb der Piratenführung von ihr angezettelt wurde.

Der Bundesvorsitzende Sebastian Nerz sprach im Zusammenhang mit zwei ehemaligen NPD-Mitgliedern in den eigenen Reihen von „Jugendsünden“, die man auch mal verzeihen müsse: „Jeder hat das Recht, sich zu irren. Jedem muss eine zweite Chance zugestanden werden.“ Sätze, denen die Pazifistin Petra Kelly mit großer Anteilnahme zugestimmt hätte. Schließlich haben die Grünen allerlei vormalige Extremisten liebevoll in ihre Partei integriert. Marina Weisband aber rüffelt ihren Vorsitzenden gegenüber der Presse: „Das Wort Jugendsünden ist falsch gewählt.“

Man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass wir von Marina Weisband noch hören werden.

Information

Den vollständigen Artikel lesen Sie in eigentümlich frei Nr. 117.

05. November 2011

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