13. November 2011

Lebensstandard Wo kommen Dinge her?

Die Symphonie menschlicher Handlungen ist in Gefahr

Wir alle wissen, wo die Babys herkommen: Vom Klapperstorch, nicht wahr? Ha ha. Das ist natürlich eine Geschichte, die peinlich berührte Eltern kleinen Kindern erzählen. Wie lächerlich wäre es, wenn Millionen Amerikaner tatsächlich glaubten, das dem so sei?

In Wirklichkeit aber sind wir in Bezug auf andere Tatsachen des Lebens nicht weit von diesem Zustand entfernt; wir sind eine Gesellschaft geworden,  in der zu viele Leute nicht wissen, wo Dinge herkommen.

Diese Abkoppelung vom grundlegenden Fundament des Lebens stellt auf zweierlei Art eine Gefahr für uns dar: Erstens sind wir anfällig für linke idealistische Propaganda und zweitens können wir die tägliche Arbeit aller Art verkennen, die uns mit allem versorgt, was wir für selbstverständlich halten.

Wo kommen die Lebensmittel her? Landwirte bauen Getreide, Obst und Gemüse an. Dafür ist eine Menge Wasser nötig, viel Land mit gutem Boden; man braucht Dünger und Pestizide und sehr viel Arbeit vieler Menschen.

Wenn im Lebensmittelgeschäft Fleisch gekauft wird, sind sich die Kunden dann bewusst, dass Viehzüchter die Tiere großgezogen, sie geschlachtet und zerlegt haben, damit ein schön anzusehendes Steak in der Kühltruhe ausgelegt werden kann? Oder saubere, bratfertige Hühnerteile?

Wenn Leute ihre Autos mit „Kein Blut für Öl“-Aufklebern zur Tankstelle bringen, damit sie zu ihrem nächsten Sierra-Club-Treffen fahren können, wo kommt ihrer Meinung nach der Treibstoff her? Haben sie irgendeine Vorstellung von der gigantischen Menge an Arbeit und von den gewaltigen Risiken, die mit der Produktion dieser paar Liter Treibstoff verbunden sind?

Wenn wir Politiker über die Umverteilung des Wohlstands reden hören, was sie dann in Wirklichkeit umverteilen können ist Geld – keiner redet davon, was dieses Geld repräsentiert, oder wo es wirklich herkommt.

Und das ist unser Problem. Geld ist so weit von seiner eigentlichen Quelle abgerückt worden, dass es genug Leute gibt, die glauben, dass der Wert, den es repräsentiert, einfach irgendwie in der Atmosphäre vorhanden ist, so wie Sauerstoff. Man konzentriert sich auf das Geld, nicht auf das, was Geld darstellt.

Es ist leicht, einen Wert zu erkennen, den eine neue Erfindung, etwa eine Glühlampe, oder eine neue Anwendung von Technologie, etwa ein Privatcomputer mit sich bringt. Der Unterschied in der Lebensqualität, den elektrisches Licht herbei gebracht hat, ist greifbar. Anders als in  früheren Zeiten ist die Nachtzeit optional. Jeder kann aufbleiben, während es draußen stockdunkel ist und arbeiten, spielen, lesen oder tun, was immer er will, gerade so, als sei es heller Tag.

Auch der Unterschied im Lebensstil, den der Privatcomputer ermöglicht hat, ist greifbar. Ich kann diese Kolumne an meinem Computer schreiben, ihn einem E-mail anhängen und am selben Tag kann sie von Ihnen an Ihrem Computer gelesen werden, egal, wo Sie gerade sind.

Meine Tochter stellte mir vor einigen Tagen eine Frage zu irgendwas, und ich sagte ironisch: „Hm, lass mich mal mein Gedächtnis prüfen ...“, während ich im Internet nach der Antwort suchte. Etwa eine Minute später hatte ich sie gefunden. Unsere Computer und das Internet haben die funktionale Leistungskraft unserer Gehirne jenseits aller Möglichkeiten ausgeweitet, die vor nur zwei Jahrzehnten dem gelehrtesten Menschen der Welt schnell zur Verfügung standen.

Jetzt aber haben wir uns an diese Dinge gewöhnt. Ausgenommen für den Fall eines zeitweiligen Stromausfalls habe ich meine Zweifel, ob die meisten Menschen überhaupt darüber nachdenken, wie sehr sich ihre Lebensqualität durch die Existenz dieser zwei weit verbreiteten Dinge verbessert hat.

Und was ist mit der unglaublichen Zahl von Dingen, mit denen wir nicht direkt in Verbindung treten, die aber unser Leben tagtäglich beeinflussen?

Wer denkt darüber nach, woher der Stahl kommt, mit dem die Karosserie ihres Autos gebaut wurde? Wer denkt darüber nach, woher die Maschinen kommen, mit denen die Werkzeuge hergestellt werden, die den Stahl formen? Wo befinden sich die Bergwerke, aus denen das Eisenerz gewonnen wird?

Woher kommt die Baumwolle für unsere Kleidung? Wer fing den Fisch, den wir heute abend essen werden,  und wie hat er das geschafft?

Ich kann mich daran erinnern, dass man mir als Kind solche Sachen erzählte. Das hat mich, ehrlich gesagt, etwas gelangweilt. Aber ich entsinne mich, dass die Erwachsenen, die mir darüber erzählten, dabei eine große Begeisterung entwickelten. Weil sie noch den Unterschied spüren konnten. Sie wussten, wie es war, bevor wir all diese Dinge für selbstverständlich zu halten begannen.

Etwas für selbstverständlich zu halten ist etwas sehr natürliches. Es ist zum Teil der Grund, weshalb es uns möglich ist, uns anzupassen, zu wachsen, sich neuen Möglichkeiten und Erzeugnissen zu eröffnen. Wir müssen in der Lage sein, gewisse Dinge vorauszusetzen, um auf ihnen aufzubauen.

Aber wenn wir vergessen, dass all diese Dinge menschliche Erfindungen sind, die aufgrund von Leistungen echter Menschen von uns tagtäglich gewohnheitsmäßig benutzt werden, dann laufen wir Gefahr, zu glauben, dass es diese Dinge schon immer gegeben hat – wie bei einer Sperrvorrichtung, die keinen Rückgang zulässt.

Dies ist möglicherweise ein fundamentaler Unterschied  zwischen der konservativen/libertären/Grundprinzipien-Geisteshaltung und der progressiv/sozialdemokratischen Geisteshaltung, dem Tabula-rasa-Idealismus der Linken. Ich glaube, wir haben ein viel besseres Verständnis dafür, woher Dinge kommen, für die Arbeit, die zu ihrer Herstellung und Instandhaltung nötig ist, und wir wissen daher auch, dass sie ebenso einfach verschwinden können.

Mir gefällt es, Dinge für selbstverständlich zu halten. Egal, wie sich unsere Umstände gestalten, wir gewöhnen uns an sie, und ich würde mich viel lieber an den großen Wohlstand gewöhnen, den wir heute genießen – und viel mehr würde ich es vorziehen, mich an viel größeren Wohlstand in der Zukunft gewöhnen. Aber was wir uns nicht leisten können, ist, zu vergessen, dass alle diese Dinge – jeder einzelne Gegenstand, den wir verwenden, den es nicht schon vor der Menschheit gab – das Produkt der Findigkeit und der Arbeit von irgendjemand sind.

Das ist es, was Wohlstand ist. Er ist nicht Geld. Geld ist nur das, was wir verwenden, um ihn zu repräsentieren, zu tauschen und anzusammeln. Wohlstand ist das Produkt denkender, handelnder Menschen, die bereit sind, das Nötige zu riskieren, um ihre Vision zu realisieren.

„Progressive“ Politiker und Intellektuelle mögen glauben, dass sie den Wohlstand irgendwie umverteilen können; sie mögen glauben, dass sie aufgrund ihrer Machtfülle befugt sind, Leute dazu zu bewegen, die untereinander herrschenden Unterschiede auszugleichen und eine Gesellschaft der „sozialen Gerechtigkeit“ herzustellen. In dieser Phantasie meinen sie, dass sie Großartiges vollbringen und in der Welt „etwas verändern“.

 Ich beobachte das bei vielen meiner Kollegen, deren Definition von Glück positive Emotionen statt Lebenszufriedenheit ist. Sie sehen darin einen großen Hebel für ihre Fähigkeit, die Welt zum Besseren zu wandeln, indem sie Politik einsetzen – Regierungsgewalt – um Menschen „glücklicher“ zu machen.

Aber sie ignorieren dabei die Quelle der größten Zufriedenheit im Leben der meisten Menschen: Ihre Arbeit und ihre Fähigkeit, persönlich für ihre Familie zu sorgen und ein aktives und effektives Mitglied ihres Freundes-, Familien- und Bekanntenkreises zu sein. Mit ihrer großen Abstraktion der „Menschheit“ ignorieren und minimieren sie die Rolle, die das Individuum bei der Erschaffung des unglaublich Guten spielt, das wir heute genießen.

Das Gute, das wir für selbstverständlich halten können, weil Millionen von Menschen hart daran arbeiten.

Wenn Progressive sich mit der Umverteilung des Wohlstands brüsten, dann haben sie lediglich die Ergebnisse von buchstäblich Milliarden individueller Handlungen in der ganzen Gesellschaft herumbewegt – absichtsvolle, manchmal sehr mutige Entscheidungen und Handlungen, die von kreativen, produktiven Menschen vorgenommen werden. Sie nehmen sich die Symphonie menschlicher Handlungen vor und teilen sie so auf, dass am Ende jeder die selbe Anzahl von Noten hat. Und wenn sie das tun, zerstören sie die Symphonie.

Diese Symphonie entsteht im menschlichen Geist, der sich entscheidet, zu studieren, zu probieren und so sehr in der Arbeit vertieft zu sein, dass er in der Welt einen echten Wert herstellt. Staatsfanatiker können uns zwingen, das sichtbare Abbild des Wertes umzuverteilen, aber den Wert selbst, sowie das Herz und die Seele, die ihn hervorgebracht haben, das ist etwas, was niemand umverteilen kann.

 Es ist mehr dran, als sie sich überhaupt vorstellen können. 

Information:

Dieser Artikel wurde ursprünglich am 2.11.2011 auf der Webseite thedailybell.com unter dem Titel „Where Do Things Come From?“ veröffentlicht. Übersetzung für ef-online von Robert Grözinger mit freundlicher Genehmingung des Autors.



Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Autor

Joel Wade

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige