30. November 2011

Bericht Eine nervöse Partei probt den Mitgliederentscheid

Besuch einer Informationsveranstaltung der Stuttgarter FDP

Ich hatte gestern das Vergnügen, einer weiteren Informationsveranstaltung zum Mitgliederentscheid der FDP beizuwohnen. Rahmenveranstaltung war die Kreismitgliederversammlung der Stuttgarter FDP.

Den Protagonisten der jeweiligen Anträge wurde eher wenig Zeit eingeräumt, da am 6. Dezember noch eine Veranstaltung Schäffler versus Rösler in Stuttgart stattfindet, aber immerhin!

Es standen sich gegenüber: für Antrag A: Ronald Geiger, Regionalrat (ein Mitglied meiner Stadtgruppe, der sich schon vorher auf zwei Veranstaltungen gegen Florian Toncar hervorragend geschlagen hat) und für Antrag B: Michael Theurer, MdEP und glühender Verfechter eines Europäischen Superstaates (angeblich offizielle FDP-Linie).

Der „Fairness“ halber hatte man einen Moderator installiert (Dr. Matthias Werwigk, Alt-Stadtrat), der seine Rolle aber irgendwie missverstanden hatte und sowohl ein Vorwort als auch ein Schlussplädoyer hielt, die jede Neutralität vermissen ließen. Ich denke, es ist klar, für welche Seite er votierte.

Neu, aber nicht unerwartet, war die Herangehensweise der Kontrahenten. Während bei den Runden mit Florian Toncar immer ein sachlich-fairer Umgang herrschte, fuhr Herr Theurer diesmal die emotionale Schiene. Das kam insofern etwas überraschend, weil Herr Geiger in seiner Eröffnung keinerlei Vorlage dafür gegeben hatte. Wesen und Ziele des Antrags A hatte er sauber dargelegt, fachlich war da nichts zu wollen. Theurer hätte nun ebenso sachlich den Antrag B vertreten können. Er entschied sich anders, verriss stattdessen den Basisantrag und scheute auch nicht davor zurück, persönlich zu werden. Eine ähnlich aufgeregte Rede hatte er auch schon auf dem Bundesparteitag gehalten: „Lassen wir es nicht zu, dass sich die Grundachsen der FDP nach rechts verschieben. Wir wollen Europäer sein, keine Nationalisten!“ An diese Aussage knüpfte er nahtlos an. Er malte verbal ein Hakenkreuz nach dem anderen an die Decke und am Schluss der Rede musste jedem klar sein: Wenn wir nicht mit allen Mitteln die Gemeinschaftswährung am Leben erhalten, und sei es mit noch so fragwürdigen Maßnahmen, dann rollen schon morgen Panzer nach Paris. Henkel, Schäffler, Republikaner, NPD, plötzlich war alles eins. Das war Niveau-Limbo nach Art von Claudia Roth.

Der wahre Liberale konnte sich eigentlich nur noch angeekelt abwenden. Dass es dafür noch vereinzelt Beifall gab, spricht für den Zustand der Stuttgarter FDP. Am Ende verzettelte Theurer sich aber doch, gemerkt haben es indes die wenigsten. Er warnte davor, eine Europäische Planwirtschaft nach linkem Vorbild zuzulassen, er wolle ein Europa der souveränen Staaten. Dieses Europa hatte er aber gerade zuvor energisch abgelehnt, ein „Europa der Vaterländer“ käme für ihn (und die FDP) nicht in Frage. Wer das wolle, spiele dem pösen Nationalismus der äußersten Rechten in die Hände, womit die direkte Linie von Frank Schäffler zu Holger Apfel endlich hergestellt war. Aufatmen bei den Gutmenschen.

PS

Kennen Sie eigentlich das Youtube-Video „Für ein starkes Europa“, das auch die Homepage der FDP-Fraktion ziert? Dieser Film dreht im Raffer die Zeit zurück, von heute (alles super, wir haben den Euro) über den Mauerfall (wäre ohne Euro nicht passiert) bis ins Wilhelminische Zeitalter. Zwischendurch fallen auch mal Bomben und Menschen in Uniformen trachten sich gegenseitig nach dem Leben. Geschichte quasi zum Anfassen. Dann spricht Genscher (eine Nummer kleiner ging es nicht, wer will schon Lindner sehen?) für den Euro und natürlich für die Rettung. Dieses Video zeigt zweierlei: Erstens: Die Ikone der FDP wird entweder langsam senil, oder wurde ziemlich übel missbraucht. Zweitens: Bei Theurer mag es schlechter Stil sein, hier ist es Methode. Wer solche Geschütze auffährt, ist hochgradig nervös.

Information

Das angesprochene Euro-Propaganda-Video

Ein „Gegenvideo“ der Gruppe um Frank Schäffler


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Autor

Peter Cornelius Gerlach

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige