07. Dezember 2011

Euro Wer spielt welche Rolle in der Schulden-Soap?

Zwischenruf aus der ersten Reihe

Die Euro-Schuldenkrise erinnert an eine ganz schlechte Daily Soap, die kein Ende findet. Anders als andere Aufreger der Woche wie die Schweinegrippe, Fukushima oder E10 im Tank ist sie nun schon seit fast zwei Jahren zu einem festen Bestandteil des öffentlichen Lebens geworden. Alle warten auf die letzte Folge, vergeblich.

 Der Plot ist einfach und wiederholt sich ständig: Merkel und Sarkozy sind die Hauptdarsteller. Sie treffen sich am liebsten ein paar Tage vor einem wichtigen Gipfel. Sie erweitern Rettungsschirme, hebeln, werkeln an Mechanismen, die Europa noch enger zusammenschweißen. Der Opposition in Deutschland geht es dann immer nicht schnell genug mit der Schuldenübernahme. Ganz stolz hätten sie schon längst unser Geld verpfändet. Die CSU und die FDP haben sich wieder voll durchgesetzt – nur, keiner weiß wobei. Ackermann, irgend ein Investmentbanker einer Privatbank und Anja Kohl befürchten das Schlimmste, wenn nicht noch entschlossener gerettet wird. Jürgen Habermas, Rudolf Hickel und die „Zeit“ machen sich Gedanken für die goldene Ära nach dem Kapitalismus. Paul Krugman träumt von offenen Geldhähnen. Die Ratingagenturen stufen immer mal wieder jemanden herab, um die Spannung aufrecht zu erhalten. Pofalla sorgt zwischendurch für echte Emotionen. Und die Zinssätze sind wie die Einschaltquoten – nur, dass sie bei guter schauspielerischer Leistung fallen und bei schlechter steigen.

 Eigentlich könnte es auch so weiterlaufen. Wäre die Sache nur nicht so bitterernst. Anders als bei wirklichen Daily Soaps hat man bei der Euro-Schuldenkrise nicht die Möglichkeit, einfach abzuschalten. Hier geht es um mehr als bei „Verbotene Liebe“. Hier geht es um unser Erspartes. Da hätte man als Zuschauer schon gerne das Gefühl, dass es da irgendjemanden gibt, der bei der Arbeit am Drehbuch bis zum Ende mitdenkt. Jemanden, der kompetent ist, unabhängig und trotzdem einflussreich.

 Der Blick auf die Filmcrew macht aber schnell klar: Es gibt nicht viel Grund zur Hoffnung. Die ganze Truppe taumelt von einer Folge zur nächsten, und Europa taumelt vor dem Bildschirm mit.

Die Politiker denken an Wahlen, an ihren Posten, an ihr Bild in der Öffentlichkeit und in den Geschichtsbüchern – wer will schon für den Zusammenbruch des Euro verantwortlich sein.

Die Journalisten denken an ihren Artikel für die morgige Zeitung. Als stramme Grünenwähler halten sie an Grundsätzen fest, die ihnen auch in komplexen Situationen bestätigen, immer auf der richtigen Seite zu stehen: Wir brauchen mehr Europa, nicht weniger – und deutsche Eigeninteressen sind was für Rechtspopulisten und Stammtische in Zwickau.

Die Beamten in den Ministerien denken an die Vorgaben von oben, an die nächste Regierung, an ihre nächste Beförderung und wie sie sich ihre Arbeitszeit bis zum Feierabend um 17:00 Uhr noch vertreiben sollen.

Die Investmentbanker denken an ihre Anleihen, ihre offenen Risikopositionen, ihren Bonus und daran, wie dumm doch alle anderen sind.

 Wenigstens der Sachverständigenrat denkt daran, dass es eines Planes B bedarf, wenn die Rettungsschirme mal nicht mehr halten. Aber den Mut und die Vorstellungskraft, einen solchen Plan B zu entwerfen, hat auch er nicht. Stattdessen stellt er einen Tilgungsfonds zur Diskussion, mit dem man in ferner Zukunft das Grab des Euro schmücken könnte.

 Einen konkreten Fahrplan, um Länder aus der Eurozone zu entlassen, entwickelt auch im zweiten Eurokrisenjahr keiner. Wieso auch? Das ist einfach nicht in den europäischen Verträgen, in der Dienstvereinbarung, im Anlageportfolio, im sozialgrünen Weltbild der Nachhaltigkeit und Solidarität vorgesehen. Und so geht es immer weiter. Mal sehen, welche Amateurdarsteller noch auf der Bühne stehen, wenn der letzte Vorhang fällt und die faulen Eier der Enteigneten fliegen. Die Eintrittspreise beziehungsweise Zwangsgebühren für diese Daily Soap sind zwar unverschämt hoch. Aber das schaue ich mir dann doch noch an.


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