15. Dezember 2011

Kabarett Anny Hartmann im Alten Gasometer Zwickau

Unbedarft und peinlich: Politisches Kabarett als Mischung zwischen Claudia Roth und Mario Barth

Eigentlich bin ich selbst schuld. Ich hätte mich ja über Frau Anny Hartmann sachkundig machen können, bevor ich mich für die Teilnahme an dem als Weihnachtsfeier firmierenden Kabarettbesuch im Alten Gasometer eintrug. Ein anderer, vielleicht dankbarerer Zuhörer hätte meine Karte bekommen, und mir wäre eine quälend lange Stunde unbedarftesten Agitprop-Kabaretts erspart geblieben.

 Der erste Eindruck war kein schlechter. Eine Kabarettistin muss nicht schön sein, Hauptsache sie versteht etwas von ihrem Fach. Und vom Temperament und der Lautstärke her ließ Frau Hartmann wenig zu wünschen übrig. Dass die ersten Gags eher müde waren (ein Raucher wird wegen des Schnappens seines Feuerzeugs irrtümlich von der Polizei erschossen: „Rauchen kann tödlich sein“), musste noch nichts bedeuten. So schnell springt der Funke auch hier in der Provinz nicht über.

 Erste Bedenken kamen mir allerdings, als die vortragende Dame ihre politischen Vorlieben beziehungsweise Aversionen auszuleben begann. Nun kann man durchaus die hysterischen Reaktionen in Deutschland angesichts der Fukushima-Katastrophe thematisieren, sollte dabei aber auch auf die Rolle der Medien und der Parteien eingehen, die aus dem Leid der Opfer skrupellos politisches Kapital geschlagen haben. Das Fazit von Frau Hartmann fiel jedoch gänzlich anders aus: Die Deutschen haben Angst vor allem von draußen, zum Beispiel dem Islam. Das ist weder intelligent noch lustig, sondern ideologiegetriebene Agitation.

 Dann begann der „heitere“ Jahresrückblick mit Prügel für die üblichen Verdächtigen. Zuerst waren die Kinderschänder der katholischen Kirche an der Reihe (der systematische und ideologiegetriebene sexuelle Missbrauch von Heranwachsenden an „Reformeinrichtungen“ wie der Odenwaldschule war für Frau Hartmann natürlich kein Thema), wobei der sprichwörtliche „gute Bekannte“ zu Wort kam, der seine homoerotischen Vorlieben erst viel zu spät entdeckte und nach Bekanntwerden der Vorwürfe gegen die Kirche nun bedauerte, damals kein Ministrant gewesen zu sein. Kicher. Auch der Papst wurde natürlich bedacht, der angeblich in den 70ern eine ganz andere Haltung zum Zölibat gehabt habe, „aber da stand er ja auch noch voll im Saft.“ Gröhl. Herr zu Guttenberg ist ebenfalls stets für einen Lacher gut (selbst wenn’s mal wieder die gegelten Haare sein müssen) und erst recht die FDP, deren miserable Wahlergebnisse mittels einer Tröte kommentiert wurden. Derlei Häme kommt immer gut an, denn in der sächsischen Provinz ist weder mit lautstark protestierenden Katholiken noch mit bekennenden FDP-Anhängern zu rechnen. Und jene, die insgeheim auf einen blaublütigen Erlöser hoffen, gehen nicht ins Kabarett, sondern schauen „Bauer sucht Frau“ (was in diesem Fall allerdings tatsächlich die intelligentere Alternative gewesen wäre). Anschließend bekam auch „Mutti“ ihr Fett weg, natürlich nicht ohne die üblichen Anspielungen auf ihr Aussehen und ihre Bekleidung, die immer für beifälliges Gelächter sorgen, selbst wenn es sich um einen Wurf aus dem Glashaus handelt. Guido Westerwelle geht auch immer, wobei das staunende Publikum von Frau Hartmann erfuhr, dass der böse Guido nur gegen die Flugverbotszone über Libyen gestimmt habe, weil Deutschland die Flugzeuge an die libysche Luftwaffe geliefert habe. Das stimmt zwar nicht (in Deutschland werden weder MIGs noch Mirages gefertigt), passt aber offenbar in das klar strukturierte Weltbild der Protagonistin.

 Aber Frau Hartmann kennt sich natürlich nicht nur in der Politik blendend aus, sondern auch in der Wirtschaft, weshalb alsbald die nächste Publikumsbelehrung anstand. Die Griechen sind nämlich gar nicht so schlimm, wie uns die „Bild“-Zeitung weismachen möchte. Deutschland könne im Zweifelsfall nur knapp 30 Milliarden Euro an faulen Krediten beziehungsweise Bürgschaften dort verlieren, das wären ja nur läppische 380 Euro pro Einwohner. Die Deutschen seien viel schlimmer, denn die hätten ja eine Staatsverschuldung von zwei Billionen, was 25.000 Euro je Einwohner ausmache. Dass es sich dabei um grundverschiedene Tatbestände handelt und es nicht besonders klug ist, bei solch hoher Eigenverschuldung für andere zu bürgen (nach Berechnung des IFO-Instituts mit bislang 500 Milliarden) übersteigt offensichtlich die intellektuelle Aufnahmefähigkeit der tapferen Internationalistin.

 Da die Heiterkeit im Publikum ob solcher Ausflüge in die schwer durchschaubaren Gefilde von Politik und Wirtschaft etwas zu wünschen übrig ließ, war Auflockerung geboten. So erfuhr das Publikum im Hinblick auf Herrn Kachelmann, dass sich Fotzen auf  kotzen reimt, und dass die Abkürzung IWF aus Sicht von Herrn Strauss-Kahn für „Ich will ficken“ steht. Zumindest bei einem Dutzend ob der vorher genossenen Alkoholika leicht angeschickerter Damen (vermutlich der Weihnachtsausflug der Bußgeldstelle) fanden Zoten dieser Art lautstarke Zustimmung, was die Vortragende sichtlich aufleben ließ. Danach war wieder die FDP an der Reihe, tröt, und erneut „Mutti“, die sich schurkischerweise über bin Ladens Tod gefreut habe. Dass die umtriebige Alleinunterhalterin nur wenige Minuten später bezüglich des Ablebens von Gaddafi in das gleiche Horn stieß, fiel allerdings nur wenigen auf. Aber die Guten dürfen das …

 Zum Abschluss des ersten Teils der Darbietung gab es aus Freude über das Ende der allgemeinen Wehrpflicht noch ein paar abgestandene Soldatenwitze, die man sich vermutlich schon in der römischen Legion erzählt hat (den mit dem schielenden Feldwebel auf jeden Fall), und dann ging es endlich in die Pause. Nach ein paar unehrerbietigen Anmerkungen meinerseits über das Niveau der Veranstaltung drehte sich mein Vordermann (Typ biodiesel-tankender Grünen-Wähler im Lehramt) irgendwann erbost um: „Dann gehen Sie doch nach Hause!“ – „Mach ich“, versprach ich spontan und hielt Wort, so dass ich leider nichts über den zweiten Teil des kulturellen Glanzlichtes berichten kann.

 (Eine Anmerkung sei mir zum Schluss gestattet. Politisches Kabarett muss nicht so dröge, infantil und agitatorisch daherkommen wie in diesem Fall. Vor gar nicht allzu langer Zeit besuchte ich einen Auftritt der in Thüringen ansässigen „Nörgelsäcke“ und habe dort buchstäblich Tränen gelacht: amüsante Geschichten, treffende Pointen und lachmuskelstrapazierende Politiker-Parodien gleich im Dutzend; ein gelungener Abend. Frau Anny Hartmann dagegen wäre es anzuraten, künftig eher auf Parteiveranstaltungen ihrer politischen Klientel aufzutreten, wo ideologiegetriebenes Gutmenschentum über und unter der Gürtellinie sicherlich dankbarere Abnahme findet.)


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