28. Dezember 2011

Zum Jahresabschluss Die deutsche Seele

Eine Beobachtung

„Wenn alles beim Alten bleiben soll, dann muss alles sich ändern“ (Giuseppe Tomasi di Lampedusa)

In ihrem Lied “Famine” singt Sinéad O'Connor: “An American Army regulation / Says you mustn't kill more than ten percent of a nation / 'Cos to do so causes permanent ´psychological damage´ / It's not permanent but they didn't know that". (“Eine Bestimmung in der amerikanischen Armee besagt, man darf nicht mehr als zehn Prozent eines Volks töten, denn dies verursacht bleibende ‚psychische Schäden‘. Sie sind nicht bleibend, aber das wussten sie nicht.“) O'Connor klagt die Briten an, für die irische Hungersnot Mitte des 19. Jahrhunderts verantwortlich gewesen zu sein, die die Iren mehr als zehn Prozent ihrer Bevölkerung gekostet hat, durch Hungertod oder Auswanderung. Ob es diese Verordnung der US-Armee wirklich gibt, weiß ich nicht, aber dass Völker womöglich doch so etwas wie eine Kollektivpsychologie haben, die mit ihrer Geschichte zu tun hat, glaube ich schon.

 Von der russischen oder allgemein slawischen Seele wird noch viel gesprochen, aber dass die Deutschen auch eine haben sollten, wollen vor allem sie selbst nicht mehr glauben. Thea Dorn und Richard Wagner haben es kürzlich immerhin gewagt, Begriffen wie (und es seien doch einige genannt) Arbeitswut, Bierdurst, Bruder Baum, Fachwerkhaus, Fahrvergnügen, Gemütlichkeit, German Angst, Heimat, Jugendherberge, Kindergarten, Kleinstaaterei, Kulturnation, Männerchor, Mystik, Ordnungsliebe, Pfarrhaus, Reinheitsgebot, Schrebergarten, Sehnsucht, Vater Rhein, Vereinsmeier, Waldeinsamkeit, Wanderlust, Weihnachtsmarkt, Wiedergutmachung, Wurst und Zerrissenheit unter dem Oberbegriff der deutschen Seele nachzugehen.

 Eine solche würde natürlich jeder wissenschaftlich korrekte Soziologe und Psychologe heute bestreiten, aber das heisst nicht, dass es nicht doch eine Volkspsychologie gibt, solange man nicht unzulässig verallgemeinert und das Recht der individuellen Psychologie bewahrt. Die Erfahrung lehrt, dass es Unterschiede zwischen Stämmen und Völkern gibt; schon ein Bayer wird sich von einem Ostfriesen unterscheiden, und dass zum Beispiel die Ungarn aufgrund ihrer katastrophischen Geschichte mehr zur Melancholie neigen als die Franzosen, ist eine Binsenwahrheit. In der Dorn-und-Wagnerschen Aufzählung fehlt aber der Begriff der verspäteten Nation, deren Auftauchen in Europa von den Deutschen ebenso wie von ihren Nachbarn nicht wirklich verdaut wurde.

 Nun haben die Deutschen in den daraus resultierenden beiden Weltkriegen weit über zehn Prozent ihrer Bevölkerung verloren; die überlebenden Kriegsväter haben von den Greueln und Verbrechen des Krieges meist nichts erzählt. Die Folgen für die nächste Generation sind teilweise, aber nicht erschöpfend, untersucht worden, doch ist letztlich klar, dass eine neurotische Generation aus der nationalen Katastrophe von 1945 hervorgegangen ist. Die 1968er Auflehnung der „vaterlosen“ Generation war in ihrem Fanatismus ein Spiegel des Väterverhaltens; die inhaltliche Ablehnung erfolgte noch im alten Nazi-Habitus: Man schaue und höre sich einmal Reden Rudi Dutschkes unter diesem Gesichtspunkt an. Die RAF mit ihrem irrationalen Idealismus kann in gleicher Weise gesehen werden.

 Bei den Frauen ist die Situation vielleicht noch komplexer. Schätzungen gehen von bis zu drei Millionen vergewaltigter deutscher Frauen aus; dazu kommen prostitutionsähnliche Verhältnisse zu den Besatzern. Über all dem lag ein jahrzehntelanges Tabu. Es fällt nicht schwer, sich die Erziehung der Kinder, vor allem der Mädchen der nächsten Generation, durch diese traumatisierten Frauen als eine neurotisch belastete vorzustellen. Der deutsche Feminismus dürfte einige seiner unangenehmen Spezifika von daher haben, ebenso wird das Verhältnis der Geschlechter unter diesen Voraussetzungen gelitten haben (Österreich und Deutschland haben nicht umsonst die höchsten Scheidungsraten der Welt). Der Missbrauch des Idealismus durch die Nazis machte jeden echten Idealismus verdächtig, die falsche Größe des Tausendjährigen Reiches raubte den Deutschen jedes Verständnis für wahre Größe. Ein blutleerer Relativismus legte sich über das Land. Bei der Erziehung warf Summerhill seine Schatten nach Deutschland.

 Die Enkelgeneration, also diejenigen, denen Demokratie, Toleranz und Gleichberechtigung durch häusliches, schulisches und mediales Einbleuen bis zum Überdruss in Fleisch und Blut übergegangen sind und denen alles Deutsche als schlecht verkauft wurde, ist heute am Ruder. Es ist die politisch korrekte Generation. Es sind die Deutschen, die ihr Land durch Einwanderung und Europäisierung am liebsten zum Verschwinden brächten. Politisch kann man das die rot-grüne Generation nennen, die die öffentliche Meinung seit den 1980er Jahren bestimmt. Es ist nicht nur der Spiegel, sondern die vollkommene Ablehnung der Großeltern. In Deutschland glaubt man eigentlich an gar nichts, aber an Ökologie, Klimawandel und Frauenquoten dann doch sehr inbrünstig und intolerant: Das Neue bei alter Denkstruktur und Handlungsweise. Zwei Seiten derselben Medaille. Natürlich ist auch diese Generation neurotisch, denn die vehemente Ablehnung des Eigenen ist genauso problematisch wie dessen Überhöhung. Wo bei den Großeltern strenge Erziehung zu faschistischen Grundhaltungen führte, lässt eine Gegenbewegung antiautoritärer oder fehlender Erziehung nun eine Generation egozentrischer Individualisten entstehen.

 Die geglückte Vergangenheitsbewältigung – ein deutscher Mythos. Das unselige Erbe war nur verkleidet, aber nie verschwunden. Auch das Nationale unterliegt der erwähnten dialektischen Bewegung. Sie ist in der Jugend von heute schon zu sehen. Die ist saturiert, kennt weitgehend nur Wohlstand, Probleme gibt es kaum oder nur auf hohem Niveau. Mit den Eltern hat sie keinen Ärger, von Auflehnung keine Spur. Ein sicherer Job ist das ganze Glück. Diese bald meinungsführende Generation hat schon mit 30 Jahren konsumistisch alles erreicht, wohin die Eltern erst mit 50 gelangt sind. Man heiratet wieder, ein gewisser Konservativismus ist wieder gefragt, Feminismus dagegen nicht. Man ist selbstbewusst und kennt seine Rechte, weniger seine Pflichten. Die Rolle Deutschlands wird aus der Warte des wiedervereinigten Landes gesehen. Die Berliner Republik soll im UNO-Sicherheitsrat sitzen. Krieg ist wieder okay, solange man dafür „Profis“ hat und nicht selber hingeschickt wird. Über allem liegt eine gewisse Selbstverständlichkeit, das Tor zur Arroganz. Die Kinder dieser Leute bekommen Namen wie Norbert, Luise, Leopold, Emil, Ida und Anton. Solche Kleinigkeiten zeigen, wohin die Reise geht. Deutschsein ist wieder chic. Die Egoisten  rücken zusammen. Die Schuldkomplexe gehen über Bord.

 Die Paradoxie der geschichtlichen Entwicklung: Ich vermute, diese kleinen Kinder namens Norbert und Luise werden, wenn sie in 15 bis 20 Jahren erwachsen sind, wieder Nazis sein. Nicht durch eine harte Erziehung, wie in Hanekes „Weißem Band“ so treffend dargestellt, sondern durch eine solche der Beliebigkeit. Diese Nazis werden keine Glatzen sein und werden auch denen des 20. Jahrhunderts äußerlich kaum gleichen. Dann sind die Deutschen auf andere Weise wieder da, wo sie schon einmal waren, nur dass der Widerspruch im Hegelschen Sinne in einer neuen Stufe „aufgehoben“ ist. Der psychologische Schaden der Deutschen aus den Weltkriegen wird zwar behoben sein („er ist nicht bleibend, aber das wussten sie nicht“). Eigentlich wäre ihnen das zu wünschen. Aber es ist schon ein Jammer mit den Deutschen, denn ein neuer alter Schaden käme zum Durchbruch: Sie übertreiben immer. Leider. Auch das ist eine kollektivpsychologische Tatsache.

 Der passende, bei Dorn und Wagner ebenfalls fehlende, Begriff ist Herrenmenschentum. Wie kann die Tendenz dazu aus der deutschen Seele entfernt werden? Wie so oft hilft ein Blick über die Grenzen. Man hat anderen Orts bemerkt, dass jede Nation eine geschichtlich gewachsene, für sie optimale Form des Zusammenlebens gefunden hat, die unter den modernen Entwicklungen begraben wurde. Für die Italiener zum Beispiel sei der Nationalstaat darum eine Katastrophe, weil ihre Kultur sich eigentlich in den früheren Stadtstaaten am besten ausgedrückt habe. Für die Deutschen wiederum wäre die Kleinstaaterei ein Segen. An die Bedingungen des 21. Jahrhunderts angepasst könnten bekannte Nachteile wie ein engstirniger Provinzialismus vermieden werden: Regionalismus und Globalisierung vertrügen sich gut. Die deutsche Seele würde geheilt. Die Wiedervereinigung war unter diesem Gesichtspunkt im Grunde eine rückwärtsgewandte und erneut verspätete Angelegenheit. Werden die Deutschen von selbst fähig sein zu einer weiteren Übertreibung, nämlich zur Kleinstaaterei? Wohl kaum. Diese Selbstheilung funktioniert ebenso wenig wie Wiedergutmachung oder Vergangenheitsbewältigung. Es werden wieder Interventionen von außen nötig sein. Leider. Die Krise Europas bereiten sie vor.


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