Lion Edler

Lion Edler, Jahrgang 1987, studiert in Berlin und arbeitet nebenher als freier Journalist.

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ef Television

"Bild" und Wulff: Muskelspiele vom Medienstaat

von Lion Edler

Der mediale Bürgerkrieg beginnt erst

Dass ich noch einmal Christian Wulff verteidigen müsste, hätte ich wahrlich nicht gedacht. Bei Wulff denke ich an infantile Phrasen wie ,,Bunte Republik Deutschland“. Der Noch-Bundespräsident ist ein Paradebeispiel für einen Larifari-Schnullibulli-Firlefanz-Typ von Politiker, der die Realität für das Heimatland des Pizzamanns hält. In der aktuellen ekelhaften Neidkampagne gegen ihn kann ich aber in der Tat nicht umhin, die Journalistenmeute einmal mehr noch widerlicher als Politiker zu finden.

In diesen Tagen des Wahnsinns bietet ausgerechnet die linke „taz“ unter den etablierten Medien die besten Artikel zum Thema. Die Autoren S. Grimberg, G. Repinski und U. Schulte weisen in ihrem Bericht auf eine andernorts fast gar nicht zitierte Passage des Briefwechsels zwischen Wulff und Bild hin: Ihn erstaune, so Wulff, dass Teile seiner Nachricht ,,über andere Presseorgane den Weg in die Öffentlichkeit gefunden haben“. Die „taz“ erklärt: ,,Diekmann, lautet seine Botschaft, spielt über Bande und instrumentalisiert andere Medien für seine Zwecke.“ Und weiter: ,,Seit Tagen, erfuhr die ‚taz‘ aus anderen Medien, streut die ‚Bild‘-Spitze Sätze von der Mailbox an andere Zeitungen. In der Hoffnung, dass andere die Schmutzarbeit erledigen? Wie gelangten die ersten Infos an ‚FAZ‘ und ‚Süddeutsche Zeitung‘? Hat ein unbedarfter ‚Bild‘-Redakteur einfach getratscht, oder steckt Strategie dahinter? Diekmann wollte sich dazu auf ‚taz‘-Anfrage offiziell nicht äußern. Das ist das Schmutzig-Perfide an dieser Geschichte: ‚Bild‘ ist bei der Jagd auf Wulff längst nicht mehr neutrales Medium, sondern selbst zum politischen Akteur geworden.“ Diese Aspekte sind jedoch abgesehen von der ‚taz‘ fast kein Thema für die Wulff mit moralischem Zeigefinger verteufelnde Mainstream-Medien-Clique.

Quasi das Symbol für die journalistische Maßlosigkeit, Verlogenheit und Selbstgerechtigkeit der Kampagne ist die ZDF-Moderatorin Bettina Schausten. Diese warf Wulff im Brustton der Staatsanwältin vor, dass er bei der Übernachtung bei Freunden keine finanzielle Gegenleistung erbringt (,,pro Nacht 150 Euro“, wie sie als Veranschaulichung einer denkbaren Größenordnung meinte). Als Wulff sie daraufhin fragte, ob Schausten das denn bei ihren Freunden mache, antwortete sie: ,,Ja.“ Noch unverschämter aber war die kurzzeitige Reaktion des ZDF, nachdem es (durchaus nicht bei allen nur satirisch gemeinte!) Empörung und in Anspielung auf Wulff Aufklärungsforderungen bei Facebook gab: Frau Schausten werde sich nicht zu der Sache äußern, ließ das ZDF verlauten, ,,da das Thema der Stunde der Bundespräsident ist und nicht die privaten Gepflogenheiten von Frau Schausten.“ Das ZDF bekennt sich also offen dazu, dass für seine Mitarbeiter andere, priesterliche Maßstäbe gelten. Kein Wunder also, dass die Arroganz der Journalisten in der Wulff-Affäre keine Grenzen kennt.

Für das vom ZDF geforderte Messen mit zweierlei Maß darf es schon deshalb keine Rechtfertigung geben, weil Journalisten im heutigen Zeitalter mit ihrer allgegenwärtigen Beeinflussung der Gehirne viel mächtiger sind als Politiker – die ,,vierte Gewalt“ ist zur ,,ersten Gewalt“ geworden. Parlamentsdebatten schaut niemand, aber Talkshows eine ganze Menge. Wenn sich die „Bild“ mit einem Politiker anlegt, erfordert das keinen Mut – umgekehrt schon. Diese mediale Übermacht über die Politik wird sogar immer krasser. Die „taz“ erklärt denn auch in der Causa Wulff: ,,Niemals hatte ein Medium eine größere Macht über den Präsidenten als ‚Bild‘.“ Eine solche ,,Konfrontation zwischen einem Medium und dem Verfassungsorgan“ habe es ,,in der deutschen Geschichte noch nicht gegeben“ – wobei die „taz“ offen lässt, wer hierbei das Medium und wer das Verfassungsorgan ist. Und was ist es denn anderes als weitgehende Ohnmacht gegenüber der „Bild“, wenn Wulff sein Unbehagen an dem Blatt nur andeutet: es ,,erstaune“ ihn, dass Teile seiner Nachrichten über andere Medien veröffentlicht werden. Es stellten sich ,,grundsätzliche Fragen zur Vertraulichkeit von Gesprächen und Telefonaten“!

Ohnehin ist zu fragen, was überhaupt so verwerflich daran sein soll, sich unter Umständen von einer Zeitung zu trennen, wenn man sich von dieser ungerecht behandelt fühlt. Was machen denn die Medien anderes als subtile oder manchmal auch direkt ausgesprochene Erpressung, wenn sie unliebsames Politikerverhalten mit Kampagnen quittieren? Darüber empört sich niemand. Machtspiele und das Aushandeln von Bedingungen für Zusammenarbeit sind nichts Ehrenrühriges. Der Deutsche Journalisten-Verband wandte sich in einer Pressemitteilung wegen der Wulff-Debatte ,,gegen jegliche Versuche prominenter Persönlichkeiten, Einfluss auf die kritische Berichterstattung von Medien ausüben zu wollen.“ Eine verräterisch unsaubere Formulierung. Denn wenn Politiker keinen Einfluss mehr auf Medien nehmen sollen, müssten sie ihre Arbeit einstellen. Zudem beschwert sich ja auch zurecht niemand darüber, dass Medien die Politik beeinflussen. Dieses völlig asymmetrische Verständnis von einer optimalen Medien-Politik-Beziehung ist von beiden Seiten und auch von der Gesellschaft verinnerlicht worden, wodurch diese mediale Allmacht gestärkt wird. So erklärt sich die Empörung über Wulffs Anruf, während umgekehrtes Politiker-Boykottieren und -Schikanieren durch Medien keine Empörung findet. Tatsächlich will die „Bild“ mit ihren Muskelspielen gegen Wulff durchsetzen, dass er stürzt und es anschließend nie mehr ein Bundespräsident wagt, sich gegen die „Bild“ zu wehren!

Zumal auch zum ,,Erpressungs“-Anruf die „taz“ die beste Karikatur bietet, die aus der Feder von Hannes Richert kommt. Ein Spaziergänger sagt dort den Satz: ,,Eigentlich sollte es ja die verdammte Pflicht jedes Bundespräsidenten sein, dem Diekmann am Telefon zu drohen.“ Anders gesagt: Wulff drohte mit dem ,,endgültigen Bruch“ mit der „Bild“ – aber ist es nicht der viel größere Skandal als die Häuserkredit-Sache, dass bei so einem Drecksblatt wie der „Bild“ nach all den Jahren überhaupt noch etwas vorhanden ist, mit dem er endgültig brechen kann? Wie tragbar ist ein Präsident, bei dem erst jetzt bei der „Bild“-Zeitung ,,der Rubikon überschritten“ ist? Bei meinem Verhältnis zu den etablierten Medien ist der Rubikon schon lange überschritten, ja geradezu übertrampelt.

Was zu dieser ganzen Wulff-Diskussion zu sagen ist, wird perfekt in Michael Klonovskys Roman ,,Land der Wunder“ zusammengefasst. Die Hauptfigur Johannes Schönbach trifft dort bei einem Boulevardblatt auf den Kollegen Reger. Klonovsky lässt Reger im Roman eine Journalistenschelte sprechen, die es verdient, auch in den Stein von sogenannten ,,Qualitätsmedien“ gemeißelt zu werden: ,,Journalismus ist die organisierte Zerstörung der geistigen Empfänglichkeit der dem Journalismus ausgesetzten Bevölkerung. Von nichts Ahnung haben und über alles mitreden, das ist Journalismus. Das bisschen Investigative, das bisschen Schweinereiaufdecken ist angesichts der Schweinerei, die der Journalismus insgesamt verkörpert, absolut nebensächlich. Die Medien zerren alles in ihr virtuelles Kolosseum, wo die Medienvertreter von ihren Schreibtischlogenplätzen herunterschauen und den Daumen heben oder senken. Meistens senken sie ihn. Journalisten müssen zwanghaft alles beurteilen, das heißt kritisieren, weil sie ihre eigene Niedertracht sonst nicht aushielten, sie müssen alles mit ihrem eigenen Schmutz besudeln (...). Dazu noch der typisch deutsche Drang zur Kollektivmeinung!“ Erklären sich so womöglich die hasserfüllten Briefe der „Bild“ an Christian Wulff, ,,weil sie ihre eigene Niedertracht sonst nicht aushielten“?

Was nämlich in Deutschland und im gesamten verfaulten Westen allen Ernstes als ,,Journalismus“ oder gar als ,,Qualitätsjournalismus“ betitelt wird, ist nichts weiter als eine erbärmlich stinkende Güllegrube. Journalisten und der Journalismus als solches sind der Erzfeind von allem, was menschliche Würde, Ehre, Stolz und Anmut bedeuten. Er wird weit überwiegend bevölkert von primitivem Barbarenpöbel, der seinen Lebensunterhalt ausschließlich mit Denunziantentum, Heuchelei, Doppelmoral, Gesinnungshurerei, infantilisierender Massenverblödung, Dreckschleuderei und dem Wühlen in anderer Leute Biografien verdient, bis hin zum Wühlen in Kindheitsgeschichten. Und dieser Betrieb steigt nun also von der ,,vierten Gewalt“ zur ,,ersten Gewalt“ im Staate auf – nicht gerade erfreuliche Aussichten!      

Deswegen ist es, wie ich bereits in einem anderen ef-online-Artikel schrieb, höchste Zeit, dass die Bürger sich dieser Stellung der Medien als erster Gewalt im Staate  bewusst werden und als Konsequenz die Medien genauso kritisch angehen wie Politiker. Gegen schlechten Journalismus muss genauso häufig demonstriert werden wie gegen schlechte Politik. Gegen unfähige oder moralisch untragbare Journalisten müssen genauso Rücktrittsforderungen erhoben werden wie gegen Politiker, sonst gehen die Demokratie und die Humanität baden. Doch während Guttenberg wegen Lächerlichkeiten abgesägt wird, hat es in unserer Kultur noch immer keine Konsequenzen für einen ranghohen Redakteur einer Wochenzeitung, wenn sich dieser etwa verharmlosend über das Verprügeln von Rentnern durch ,,Jugendliche“ äußert. Und wenn diese Medienkritik totgeschwiegen wird, dann muss man sich eben nach nonkonformen medialen Alternativen zu den Mainstreammedien umsehen und diese unterstützen – der Markt gibt hier den Bürgern die Macht in die Hand, und im Journalismus gibt es keine Fünf-Prozent-Hürde und keine Fraktionsdisziplin.

Auch die Politik darf sich künftig weniger von Medien gefallen lassen. Nach Veröffentlichung der Wulff-Nachrichten hätten Politiker en masse diese Methoden verurteilen müssen, ebenso die regelmäßigen Verleumdungen von Politikern. In schlimmen Fällen sollte so etwas am besten durch gemeinsame Pressekonferenzen von Parteivorsitzenden aller Bundestagsparteien erfolgen. Und wenn die Politik einmal nachdenkt, dann dürfte sie auch keinen Grund mehr sehen, warum diese parteiübergreifende Zusammenarbeit nicht möglich sein soll. Immerhin kann es an einem anderen Tag jeden Politiker jeglicher Couleur treffen, dass er einer Schmutzkampagne zum Opfer fällt. Es sind in erster Linie die Medien, und eben nicht die Politik, die eindeutig die Hauptschuld am Verfall der Qualität der Politik und der politischen Kultur tragen.

Der Protest gegen Bettina Schausten bei Facebook (schon über 7.000 Mitglieder fordern die Offenlegung ihrer bezahlten Übernachtungen!) ist daher ein weiteres erfreuliches Zeichen nach den Facebook-Protesten im Fall Guttenberg und auch dem massenhaften Kauf der Sarrazin-Bücher. Die Schweigespirale wird zunehmend durch nicht oder nur schwer kontrollierbare Bereiche wie den Büchermarkt oder das Internet durchbrochen. Der Medienstaat gerät ins Wanken. Die Frontlinien dieses medialen Bürgerkriegs lauten meistens mehr oder weniger: ,,politisch korrekte“ linke mediale Obrigkeit gegen ,,Klartext“ sprechende, eher ,,bürgerlich“ orientierte Bevölkerungsmehrheit. Letztlich gilt das paradoxerweise auch im Fall des ,,Bunte-Republik“-Anhängers Christian Wulff, denn der erste Aufhänger der Kampagne setzte eben auf Neidreflexe und verursachte daher den medialen Wirbel.

Die Gegner der Wulff-Kampagne können übrigens durchaus viel differenzierter denken, als es dem Volk ständig von Eliten vorgeworfen wird: auf der Facebook-Seite ,,Fr. Schausten muss ihre bezahlten Übernachtungen bei Freunden offenlegen“ finden sich auch viele Wulff-Kritiker ein, die aber das Außer-Kontrolle-Geraten der Medienmacht erkennen. Ein Axel B. drückt es so aus: ,,Wir, die Bürger dieses Landes, haben es schon lange gründlich satt, uns die gewünschte Meinung von oberlehrerhaft auftretenden, moraltriefenden Journalisten auf der öffentlich-rechtlichen Mattscheibe einhämmern zu lassen. Insofern Dank, liebe Frau Schausten, für diese geniale Selbstentblößung!“ Während die meisten Beiträge auf der Seite etwa zwei- bis viermal mit dem ,,Gefällt-mir“-Click unterstützt werden, wurde die Aussage von Axel B. gar stattliche 29-mal goutiert. Es geht beim Widerstand gegen die menschenverachtende Kampagne eben nicht um eine Unterstützung oder gar Glorifizierung von Christian Wulff, ebenso wenig wie es um eine Glorifizierung von anderen Medien-Gejagten wie Bushido oder der Atomkraft geht. Es geht um die Systemfrage tyrannischer Medienstaat oder Bürgergesellschaft. Es geht darum, ob künftig Redaktionen oder die Bürger über die Zusammensetzung von Regierungskabinetten und Parlamenten entscheiden, ganz zu schweigen von politischen Maßnahmen und Gesetzen.

Besonders erfreulich ist es daher, dass man sich auch bereits Gedanken darüber macht, dass die Macht des Medienstaats systematisch attackiert werden muss. Alexander R. erklärt auf der Facebook-Seite gegen Schausten: ,,Die Medien sind jederzeit bereit, moralisch über jeden in Deutschland den Finger zu heben oder zu senken. Jede kleine Lüge oder Ungereimtheit wird sofort ein Riesenthema für Wochen! Aber wer kontrolliert die, die uns ihre Meinung machen? Wer hebt den Finger, wenn uns die ach so moralischen Journalisten vor laufender Kamera anlügen? Wer ruft da nach Konsequenzen??...... Darum müssen wir es tun!“ Elf Personen finden das gut. Vielleicht nehmen diese elf eines Tages an Demonstrationen teil, auf denen wegen medialer Desinformation der Rücktritt von TV-Moderatoren und Chefredakteuren gefordert wird.

07. Januar 2012

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