20. Januar 2012

J. Edgar, jetzt im Kino Ist Hoover schwarz oder schwul?

Clint Eastwood hätte mehr aus Hoover rausquetschen können

Eastwoods Filmbiographie „J. Edgar” mit Leonardo DiCaprio in der Rolle als jener Washingtoner Bürokrat, der das FBI und dessen Vorgängerorganisation von 1924 an bis zu seinem Tode Anfang 1972 anführte, stellt einen vielsagenden Anhaltspunkt dar, um sich ein Bild vom Kampf zwischen Schwarzen und Schwulen um die Vormachtstellung in der Opferindustrie zu machen.

Hoover wurde weithin nachgesagt, er sei entweder ein selbsthassender Schwuler, der den Hetero gebe, oder ein selbsthassender Mulatte, der den ganz Weißen spiele, oder auch beides zusammen. Doch welcher Art von Gerüchten nimmt sich Eastwood in seinem Film wohl an, der rassistischen oder der homophoben?

Schwule haben mannhaft darum gerungen, die Schwarzen im Kampf um die Opfervorherrschaft zu übertreffen. Ein Schlüsselereignis für die gegenwärtige antischwarze Offensive der Schwulen waren wahrscheinlich die Wahlen in Kalifornien im Jahre 2008, als Schwarze zwar in großen Massen für den fabelhaften Herrn Obama stimmten, sich aber gleichzeitig in einem Referendum gegen die Homo-Ehe aussprachen. Die Presse musste daraufhin ausgefeilte Titelgeschichten konstruieren, in denen man die Gründe für dieses Wahlverhalten nicht etwa bei schwarzen Kirchendamen, sondern lieber beim Einfluss der Mormonen aus Utah auf die kalifornischen Fernsehmedien suchte. Diese beliebte Theorie nenne ich übrigens die Protokolle der Weisen vom Utaher Zion Nationalpark.

Seitdem scheinen Schwule sich darangemacht zu haben, den Schwarzen ein paar warme Klatschen auszuteilen. Homogruppen haben öffentlich den Korbballer Kobe Bryant und den Komiker Tracy Morgan fertiggemacht.

Jüngst wurde der Filmregisseur Brett Ratner angeheuert, um die kommende Oscar-Verleihung im Fernsehen zu produzieren. Ratner gelang es, den großen Eddie Murphy als Moderator zu gewinnen und ihn aus seiner seit 1997 bestehenden Versenkung herauszuholen, in die er geraten war, als er mit einer Transenhure erwischt worden war. Ratner wurde jedoch sehr schnell wieder gefeuert, nachdem er gewitzelt hatte, dass „Texte zu proben etwas für Tunten“ sei. Nach Ratners Rauswurf schlug Murphy, dessen berühmte Standup-Nummer in Lavendelleder hauptsächlich auf dem basierte, was heute rücksichtvollst „das F-Wort mit drei Buchstaben“ (fag) genannt wird, die Einladung zur Moderation umgehend aus.

Hoovers Vorfahren väterlicherseits verlieren sich im Dunkeln. Gore Vidal, wie Hoover ein Bewohner von Washington DC, erklärte einmal: „Von ihm wurde immer gesagt – in meiner Familie und in der Stadt – dass er ein Mulatte sei. Die Leute sagten, er komme aus einer Familie, die ‚durchgerutscht’ sei.“

Doch der Film „J. Edgar“ ignoriert diesen interessanten Aspekt, und zwar zugunsten dieser abgedroschenen Geschichte über Hoover und seinen langjährigen Begleiter, den strammen jungen Clyde Tolson, der schlecht gespielt wird von Armie Hammer, bekannt aus dem Facebook-Film „The Social Network“ und Urenkel des bolschewistischen Milliardärs Armand Hammer. Hoover, der nie verheiratet war, wurde überallhin von Tolson begleitet. Die Gastgeberinnen vom New Yorker Jazzclub „Café Society“ luden Hoover und Tolson stets als Paar ein.

Was passierte hinter verschlossenen Türen? Eastwood weiß es nicht, und mit 81 Jahren fehlt ihm die Zeit, sich eine stringente Ideenlinie für seine Filme zu erarbeiten. In diesem Jahrhundert hat Eastwood bereits elf Filme produziert, drei mehr als die Coen-Brüder, die immerhin hart arbeiten, eine Generation jünger und zu zweit sind.

Eastwood scheint zwar zu meinen, dass es insgesamt gesehen keine gute Sache war, Leute zu verwanzen und Präsidenten zu erpressen. Doch verglichen mit so vielen Hollywood-Kollegen, die etwa den Privatdetektiv Anthony Pellicano zum Ausspionieren ihrer Gegner anheuern, scheint Eastwood nicht sonderlich begierig darauf zu sein, den ersten Stein zu werfen, sondern ihm geht es vielmehr darum, noch geschwind einen weiteren soliden Film abzuliefern, bevor der Vorhang fällt.

Eastwood hat die Informationsbeschaffung zu „J. Edgar“ meist an den schwulenaktivistischen Drehbuchautor Dustin Lance Black delegiert. Der gewann 2009 einen Zeitgeist-Oscar für sein eher mittelprächtiges Drehbuch zu „Milk“, der Filmbiographie des warmen San-Francisco-Politikers Harvey Milk, der die Castro Street befreite (und diese zum Ground Zero der AIDS-Epidemie machte, doch wer erinnert sich schon an solche außerhalb der Filmbotschaft liegenden Nebensächlichkeiten?).

Der homoaktive Drehbuchautor sieht „J. Edgar“ als Tragödie. Entsprechend wird uns durch zwei junge Heteroschauspieler auf die Sprünge geholfen, die wie mit pfundweise Makeup beschmierte ältere Queens herumtorkeln. Eastwood scheint das meiste seines Kosmetik-Etats dafür ausgegeben zu haben, um DiCaprio altersgerecht aussehen zu lassen, wohingegen er den armen Hammer unter eine Halloween-Maske presste. Indes scheint sich die Chemie zwischen DiCaprio und Hammer auf die Latexprothesen zu beschränken.

„J. Edgar” ist ein trübe Tragödie, doch der Film hätte eine lebendige Komödie werden können, wenn er nach South-Park-Art auf subversive Weise angegangen worden wäre. So ist er lediglich ein weiteres Trauerspiel über große schwule Konservative. Zum Beispiel geht „J. Edgar“ überhaupt nicht auf die geheime Beziehung Hoovers zum Superhirn hinter Senator Joe McCarthy ein, nämlich Roy Cohn, dem lispelnden homosexuellen Angestellten, den Hoover illegalerweise mit FBI-Abhörprotokollen versorgte.

Der McCarthyismus kollabierte zur Farce, als Cohn Gefallen an G. David Schine fand, seinem eigenen Tolson-ähnlichen Gehilfen. Als Schine eingezogen wurde, versuchte der liebeskranke Cohn, die Armee dahingehend zu erpressen, dass diese sein Schätzchen in seiner Nähe stationieren sollte. Während der vom Fernsehen übertragenen Anhörungen zum Fall Armee gegen McCarthy setzte letzterer sich ins Fettnäpfchen, als er dem Armeeanwalt Joseph Welch die Gelegenheit lieferte, das Wort „Schwuchtel“ ins Protokoll aufzunehmen. 

Für Schine jedoch endete der von McCarthy hinterlassene Saustall nicht als Schwulentragödie, sondern als Heterokomödie. Er zog nach Hollywood, diente als leitender Produzent des Films „French Connection“ und hatte sechs Kinder mit seiner neuen Frau, der schwedischen Miss Universum. Dieser Stoff wäre freilich ein weitaus unterhaltsameres Historiendrama geworden als „J. Edgar“.

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Der Artikel erschien zuerst in englischer Sprache in „Taki’s Magazine“ und wurde von David Schah für ef ins Deutsche übersetzt.


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Autor

Steve Sailer

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