Gérard Bökenkamp

Jahrgang 1980, Historiker und Publizist.

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Parteisoziologie: Braucht eine Partei Prinzipien?

von Gérard Bökenkamp

Der pragmatisch-materialistische und der ideologisch-emotionale Ansatz im Vergleich

23. Januar 2012

Dieser Beitrag behandelt einen bestimmten Aspekt der Parteiensoziologie, nämlich die  Frage, warum Parteien überhaupt eine Ideologie oder Weltanschauung haben, warum sie Politik nicht einfach nach rein pragmatisch-materiellen Gesichtspunkten betreiben und wenn sie dies tun, ob das langfristig Erfolg verspricht oder die sichere Niederlage nach sich zieht.  Zu jeder Analyse gehört es, Selbstverständlichkeiten in Frage zu stellen. Wir haben uns schlicht daran gewöhnt, dass Parteien eine Ideologie oder Weltanschauung vertreten. Es gibt konservative, liberale, sozialistische Parteien. Wir haben uns so daran gewöhnt, dass wir gar nicht die Frage stellen, warum das eigentlich so ist. Sind solche Ideologien und Weltanschauungen eher nützlich oder eher hinderlich? Emotionen, Ideale, Prinzipien müssten eigentlich politisch eher hinderlich sein, weil sie die Handlungsspielräume erheblich einschränken. Sie begrenzen die Möglichkeiten, Koalitionen zu schließen, sie begrenzen die Möglichkeiten, Kompromisse zu schließen, sie begrenzen die Möglichkeiten, Positionen an die Erfordernisse der Tagespolitik anzupassen, sie machen einen angreifbar und zum Ziel ideologischer Vorbehalte.

Also wozu der ganze ideologische Plunder? Warum lässt man das Ganze nicht einfach weg? Warum klebt sich eine Partei eigentlich nach wie vor ein ideologisches Label auf wie „christlich“ oder „liberal“, „konservativ“ oder „sozialistisch“? Warum wählt man nicht einfach einen rein materiell-pragmatischen Ansatz? Um zur Antwort vorzudringen, müssen wir die Interessenlage analysieren. Die Interessenlage für Politiker und Funktionäre ist klar. Dass Menschen Karriere machen und ihre Arbeitsplätze sichern wollen, ist nachvollziehbar. Um Karriere machen zu wollen und eine Beschäftigung anzunehmen, dafür braucht man nicht unbedingt eine Ideologie. Um in einem Unternehmen zu arbeiten, braucht man schließlich auch keine. Würde man also nur die Interessenlage dieser Gruppen betrachten, käme man auch ohne festgefügte Weltanschauung und ideologische Prinzipien aus. Warum sollten aber nun Wähler dieser Partei ihre Stimme geben? Davon, dass die Funktionäre Ämter und Posten besetzen, haben die Wähler schließlich nichts. Wie kann man also Wähler davon überzeugen, dass sie durch die Abgabe der Stimme einer Partei zu Positionen verhelfen? Die Antwort lautet:  Indem man  ihnen im Gegenzug Subventionen anbietet.

Der Deal zwischen einer Partei von reinen Pragmatikern und rein pragmatischen Wählern könnte also wie folgt aussehen: Die Partei bekommt Posten, ihre Wähler bekommen dafür Subventionen. Die Partei und die Wähler der Partei profitieren. Der pragmatisch-materielle Ansatz funktioniert also auf den ersten Blick ganz gut. Das wäre Geben und Nehmen ohne den Ballast ideologischer Prinzipienreiterei.  Dieser Ansatz setzt aber wenigstens voraus, dass man Macht besitzt oder Machtperspektiven. Mit größerer Durchsetzungsmacht und wachsenden Machtperspektiven nimmt die Unterstützung der Partei zu. Sie zieht Pragmatiker an, die Jobs und ein gutes Auskommen suchen, Lobbyisten suchen die Nähe der Partei, um ihre Interessen durchzusetzen, die Erwartung auf Jobs und Ämter motiviert zum Engagement. Wenn aber die Macht und die Machtperspektiven verloren gehen, dann setzt der umgekehrte Trend ein. Karrieristen suchen nach Alternativen, Lobbyisten suchen neue Ansprechpartner und die Pragmatiker suchen sich neue Betätigungsfelder. Wenn die Motivation, für eine Partei tätig und engagiert zu sein und sie zu unterstützen, im Wesentlichen eine pragmatisch-materielle ist, hören dieses Engagement und diese Unterstützung dann auf, wenn die Partei ihre materiellen Versprechen nicht mehr einlösen kann. Die Organisation bricht in sich zusammen, wie ein Unternehmen, das keine Gewinne mehr abwirft. Die Partei, die rein pragmatisch und unideologisch ist, ist also zum Erfolg verdammt, sonst droht der Untergang.

Nichts ist erfolgreicher als der Erfolg. Wenn jemand immer nur Erfolg hat und alle Ziele erreicht, dann hat er am Ende gewonnen. Per Definition. Also könnte man sagen, dass Parteien und Politiker dann erfolgreich sind, wenn sie hohe Popularitätswerte haben, regionale und nationale Parlamentswahlen gewinnen, Abstimmungen und parteiinterne Auseinandersetzungen für sich entscheiden, Koalitionen bilden und Regierungsämter besetzen. Wer Erfolg hat, hat viele Freunde und Anhänger und kann sich wegen fehlenden Zuspruchs nicht beklagen. In einer Welt, in der man immer Erfolg hat, braucht man weder starke emotionale Bindung noch ein ideologisches Band. Der Erfolg an sich macht sexy. Das Paradoxe ist aber, dass über den Erfolg eines Politikers, einer Partei oder einer politischen Gruppierung nicht der Erfolg, sondern die Reaktion auf die Niederlage entscheidet. Niederlagen und Rückschläge sind der Lackmustest für politische Gruppierungen.

Geschichte ist wechselhaft und die Zeitumstände ändern sich, darum kann selbst der beste Stratege dauerhaft keinen Erfolg garantieren. Solange ein Politiker, eine Partei oder eine Gruppierung in einer Partei Erfolge haben, solange ist alles unproblematisch. Auf der Welle des Erfolgs kann jeder surfen. Erfolg kann jeder genießen, Niederlagen einzustecken, sie zu überleben, sie zu nutzen und wieder aufzustehen, das ist der wichtigste Selektionsmechanismus in der politischen Geschichte. Im Zeichen der Niederlage sind emotional-ideologische Bindungen pragmatisch-materiellen Bildungen überlegen. Denn wo liegt der Mehrwert für die Menschen, die sich für eine Partei einsetzen, ohne je erwarten zu können, mit einem Amt oder einer attraktiven Stelle belohnt zu werden? Wo liegt die Motivation politisch Handelnder, die vor sich eine lange Durststrecke sehen von Jahren des politischen Abseits ohne Garantie dafür, dass sich dies wieder ändert?

Menschen streben danach, ihrem Leben eine Bedeutung zu geben. Die Arbeit für eine Idee, eine Utopie, eine politische Vision kann das Leben mit Bedeutung erfüllen. Das Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen, für die richtigen Werte zu kämpfen, die Welt besser zu machen, erhöht das eigene Selbstwertgefühl. Aber auch das Gefühl, sich einer Bedrohung entgegenzustellen, etwa Schlechtes von der Welt fern zu halten und eine Katastrophe zu verhindern, erhöht den Takt des Lebens, und diese Ziele spornen zur Anstrengung an. Ohne die vielen Aktivisten, Diskutanten, Unterstützer, Bekenner, Helfer, die sich für eine Sache engagieren, ohne dafür eine materielle Kompensation erwarten zu können, hat eine politische Gruppierung, besonders im Angesicht von Niederlagen und Rückschlägen, die die Geschichte nun einmal zwangsläufig mit sich bringt, keine Zukunft.

Der ideologische Kern ist das, was eine Parteiorganisation und jede andere Bewegung und Gruppierung über die Zeiten stabilisiert, ohne den ideologischen Kern ist eine Partei ein Kartenhaus, das mit jedem Luftzug zusammenfällt. Netzwerke, die auf der Erwartung materieller Vorteile beruhen, dünnen aus, wenn es in dem Netzwerk nichts mehr zu verteilen gibt. Die Stärke von Ideologien und Weltanschauungen ergibt sich daraus, dass über sie Netzwerke dauerhaft aufrechterhalten werden können. Es gibt deshalb in der Tat kaum etwas Utopischeres als eine Politik gänzlich ohne Utopie. Ohne Weltbild, Prinzipien, Zukunftserwartungen gehen die Leute nach Hause, schauen fern und führen den Hund spazieren. Dass sie stattdessen Flugblätter verteilen, sich zu einer Überzeugung bekennen, die sie für andere Zeitgenossen unsympathisch oder suspekt macht, in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis unpopuläre Minderheitenpositionen vertreten, Geld spenden und sammeln, erfordert eine erhebliche Motivation, die sich bei Abwesenheit materieller Anreize naturgemäß nur aus einer ideellen Quelle speisen kann. Langfristig haben nur Parteien und Gruppierungen Erfolg, die ihr Lager nicht nur in Zeiten des Erfolgs, sondern auch der Niederlage zusammenhalten können, und dies geschieht durch den Kitt emotional stark besetzter Werte und Prinzipien.

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