27. Januar 2012

Feminismus „Nanny-“ oder „Macho-Staat“?

Das Bedürfnis nach Unterwerfung im Westen

Der bekannte Blogger Fjordman stellte in einem Beitrag unter dem Titel „Western Feminism and the Need for Submission“ vom 3. September 2006 die Frage, ob man statt des weitverbreiteten „Nanny“-Staates nicht lieber von einem „Ehemann“-Staat sprechen sollte. Er machte ein in vielen Frauen angeblich nach wie vor aktives Bedürfnis nach Unterwerfung als Grund für die Affinität zahlreicher westlicher, politisch beziehungsweise sozialtechnisch aktiver Damen zu totalitärem Gedankengut aus. Man muß die ellenlangen Ausführungen, in denen er Zusammenhänge zwischen radikalem Feminismus und einem durch diesen vehement verteidigten Multikulturalismus besonders mit Blick auf den Islam und das in ihm dominierende Männlichkeitsbild herstellen möchte, natürlich nicht Wort für Wort unterschreiben. Kernaussage Fjordmans: Viele Frauen verteidigten den Multikulturalismus gerade deshalb, weil bestimmte Wesenseigenschaften der „weiblichen Psyche“ sich insgeheim nach Unterwerfung sehnten; der radikale Feminismus habe aus westlichen Männern quasi nasse Handtücher gemacht, die nicht mehr in der Lage seien, solche urweiblichen Sehnsüchte zu befriedigen; er habe ihnen über Jahre hinweg eingetrichtert, sie seien verantwortlich für sämtliche Übel der westlichen Hemisphäre, ihnen das „Mannsein“ gründlich auszutreiben versucht.

Nun könnte man abseits solcher geschlechtspsychologischen Thesen und ihrer empirischen Stützpfeilerbauarbeiten auf Basis von Statistiken, Umfragen, Studien und manchmal auch einfach nur Spekulationen behaupten, Überlegungen dieser Art seien doch eigentlich hinfällig, da es schon seit längerer Zeit viele Frauen in der Politik gebe, was ganz einfach Ausdruck einer erfolgreichen Emanzipationsbewegung sei – Frauen können heute eben auch Berufen nachgehen, die früher Männern vorbehalten waren und von diesen gegen jeden weiblichen Einfluss oftmals mittels territorialer Beißreflexe mit Zähnen und Klauen verteidigt wurden. So weit, so richtig. Des weiteren könnte man all dem entgegenhalten, dass monentan schließlich eine Frau an der Spitze unserer Republik stünde, was die Vermutung, manche Frauen (darunter auch Gattinnen erfolgreicher Politiker, unlängst etikettiert als „Hillary-Effekt“) strebten aufgrund „typisch weiblicher“ Wesenseigenschaften in den Staatsdienst, vollständig entkräfte.

Nicht ganz ironiefrei könnte man allerdings erwidern, Angela Merkel sei zwar biologisch gesehen eine Frau, ihr politischer Führungsstil jedoch eher männlich, allzu männlich; lehre doch die Schulpsychologie, wie vor einigen Wochen auf Welt-Online in einer Studie vorgestellt, dass Männer bei Konflikten mit der Partnerin angeblich dazu neigten, diesen eher aus dem Weg zu gehen, sich zu verschließen und zurückzuziehen, beispielsweise ins Arbeits- oder sonst irgendein Hinterzimmer, in die Kneipe, die Arme einer Geliebten oder Ähnliches und genau dieses Verhalten bei der Kanzlerin in letzter Zeit doch oft beobachtbar gewesen sei. Denn immer, wenn die holde Öffentlichkeit den Hosenanzug im Haus zärtlich um Auskunft bat – Liebling, hast du das Konto geschrumpft? – zog er sich in Hinterzimmer zurück, um dort wichtige Entscheidungen in bedenklich männlich-sturem Alleingang in kleinstem Rudelkreis zu fällen und auch sonst eine fragwürdige Tendenz zu zeigen, machohaft-unsensibel an den Parlamenten vorbei entscheiden zu wollen.

Anders gefragt: kann man eine solche Diskussion tatsächlich nur auf geschlechter-, oder wie es heute heißt „genderpolitischer“ Ebene führen, oder sollte man nicht auch mal wagen, nach einem möglichen Zusammenhang diverser sozialdemiurgischer Entwicklungen zum Zeitkontext im Allgemeinen zu fragen? Denn die ohne jeden Zweifel bestehenden, wohl kaum noch zu leugnenden totalitären Tendenzen machen, wie die Geschichte beweist, nicht unbedingt vor irgendwelchen Berufs-, Weltanschauungs- oder Parteigrenzen Halt. Was also, wenn ein derzeit mächtig erigierender Totalitarismus seine Finger in diverse gesellschaftspolitische Handpuppen steckt, die einzeln betrachtet zunächst harmlos und furchtbar gutmeinend erscheinen mögen, im Zusammenklang dann aber doch an das Geräusch marschierender Stiefel erinnern? Wir leben schließlich in einem Staat, der mit Hilfe von Sexköfferchen, die glatt einem berühmten dystopischen Roman entsprungen sein könnten („Wieviele Geschlechter siehst du, Winston?“ – „Ich weiß es nicht mehr“ – „Schon besser...“) sogar schon die frühkindliche Sexualentwicklung zu seinem Revier erklären will und in dem sogenannte christlich-demokratische Politiker sich nicht zu blöde sind, ganz ernsthaft einen CO2-Blauschein für Erdenbürger vorzuschlagen.  

Darüber hinaus und um Fjordmans doch recht enge Perspektive etwas zu erweitern: Was, wenn die ständigen Verweise unsererseits auf die Bedrohung durch einen totalitären Islam, wie er sich in islamisch regierten Staaten tatsächlich zeigt, in Teilen auch ein Versuch sein könnten, die eigene totalitäre Neigung etwas angenehmer duften zu lassen? Möglicherweise auch ein bisschen Projektion aus mangelnder Selbsteinsicht? Die da: streng patriarchalisch, totalitär, antidemokratisch, wir hier: demokratisch, freiheitlich, aufgeklärt, liberal? Ein grell beleuchtetes Feindbild auch aus dem Grund, die eigenen Schattenwürfe etwas heller und freundlicher wirken zu lassen?

Könnte all das mit ein Grund sein für das radikale, ja beinahe schon extremistische Auftreten mancher Feministinnen gegenüber den angeblich so bösen, depravierten, regressiven, reaktionären westlichen Männern? Sind die im Zuge des Exorzismus ihrer ureigensten Triebe und Verhaltensmuster ganz einfach zu feminin und gerade dadurch ganz vorzügliche Vergewaltigungsopfer der Omnipotenz- und Machbarkeitsphantasien eines paschahaften Demiurgentums geworden, das mit aller Macht neue Menschen züchten will und sich ja beileibe nicht nur in radikalen Auswüchsen der Emanzipationsbewegung zeigt? Sehnen sich manche Frauen tatsächlich nach dem Macho, in diesem Fall dem Machostaat, der auf Quotentische haut und seinem Bürgerharem befiehlt: Es wird gefälligst gegessen, was auf die Agenda kommt? Ist er deshalb gerade für Frauen politischer Alphawölfe so attraktiv?

Freilich könnte man solche Erwägungen einfach als rückwärtsgewandt, erzkonservativ, muffig oder „anti-feministisch“ abtun. Was allerdings nicht die Frage beantworten würde, warum es – mal abgesehen von frauenrechtlichen Errungenschaften – in den angeblich so spießigen, verklemmten Fünfzigern und Sechzigern mitunter sehr viel freiheitlicher, toleranter und gesprächsbereiter zuging als in den hysterischen, ideologisch verbohrt-bornierten Krakeelereien  der Political Correctness unserer Tage, die sich ganz gerne kollektiv auf den einzelnen Abweichler stürzt, um ihn einzuschüchtern, ihn mundtot zu machen oder gleich aus dem Job zu werfen. Vielleicht, weil den Menschen der totalitäre Schock noch zu frisch in den Knochen steckte? Die Frage, welchen Anteil solche zeitgeschichtlichen Tendenzen an vielen politischen Phänomenen, darunter auch dem sogenannten „Hillary-Effekt“ haben könnten, sollte man nicht vorschnell als reaktionär oder frauenfeindlich abtun.

Link:

Fjordman: Western Feminism and the Need for Submission


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