15. Februar 2012

Roland und die russische Realität Geldsozialismus im Praxistest

Miterleben, wie der Rubel rollte

Prospekt Kosygina, St. Petersburg, 9. Januar 2012. Es ist weit nach Mitternacht. Ich habe meinen Laptop hochgefahren, um einen Blick auf meine Mails zu werfen. Alle schlafen schon. Ich hatte einen anregenden Abend mit dem deutschen Journalisten Lothar Deeg, der schon seit 20 Jahren in St. Petersburg lebt und arbeitet. Er weiß von manchem zu berichten, was vor sich geht im großen ehemaligen Sowjetreich. Jedes Gespräch mit ihm ist ein Gewinn. Im Irish Pub „Mollies“, der bereits 1994 eröffnet wurde und eine der ersten westlichen Kneipen in St. Petersburg war, haben wir bei Bier, Whiskey, Knoblauchbrot und Zigaretten über die Entwicklung des Landes gesprochen und sind in alten Erinnerungen versunken. Mit Lothar habe ich im April 1998 die russische Republik Komi besucht, wo uns in der Hauptstadt Syktywkar der Präsident der Republik eine Audienz unter sechs Augen gewährt hatte; so wenige Ausländer gab es damals dort. Zwei Tage später standen wir in Workuta bei minus 30 Grad und einem beißenden Wind vor den Gräbern von Strafgefangenen, die sich in den sozialistischen Arbeitslagern zu Tode schuften mussten. Wenige Monate nach dieser Reise durfte ich in St. Petersburg Zeuge der großen Russland-Krise werden, die im August 1998 begann und mich zu einem echten Währungsgewinner werden ließ.

Mein Mail-Eingang ist offen, und ich sehe die Überschrift einer Mitteilung: „Roland Baader verstorben“. Ja, es war absehbar. Und dennoch trifft es mich mit einer Wucht, die ich nicht für möglich gehalten hätte. Ich kann das Schreiben von Daniel Baader erst nicht öffnen. Ich stehe auf, blicke aus dem Fester im neunten Stock auf die Tristesse der sozialistischen Plattenbauten. Ich nehme ein Glas, schenke mir Wodka ein und trinke auf diesen großen und wahrhaftigen Menschen. Erst danach kann ich die Mail öffnen, lese die wenigen Zeilen und schäme mich meiner Tränen nicht.

Mit Roland Baader haben wir viel über Russland und die tagtäglichen Erscheinungsbilder des Sozialismus und des Geldes im Sozialismus gesprochen. Ich habe neun Jahre in Russland gearbeitet. Durch meine beruflichen Tätigkeiten fiel mein Blick sowohl auf die Armut als auch auf den bisweilen schier unfasslichen Reichtum der heutigen Oberschicht. Roland liebte besonders die russischen Zigaretten, die ich ihm immer mitbrachte: „Solotaja Jawa Klassika“.

Der normale Russe war zu Sowjetzeiten und bis weit in die 90er Jahre hinein dem Auf und Ab der Papierwährung Rubel voll ausgesetzt. An den Besitz von Devisen war unter den roten Zaren nicht zu denken. Gold konnte der Durchschnittsbürger nirgendwo auftreiben. Nach dem Umbruch in den Perestroika-Jahren kam die erste Hyperinflation im Jahr 1991. Mein Schwiegervater wusste zu berichten, dass der Wert eines Sparvertrags, den er für die Ausbildung seiner ersten Enkelin abgeschlossen hatte und in den er 13 Jahre eingezahlt hatte, innerhalb weniger Wochen auf den Wert eines Laibs Brot zusammengeschmolzen war.

In den ganzen 90er Jahren war es der Traum eines jeden Russen, für eine westliche Firma zu arbeiten, denn dies bedeutete regelmäßige Bezahlung in einer sicheren Währung. In der Petrikirche auf dem Newski-Prospekt in St. Petersburg erhielten die Mitarbeiter 100 DM, die monatlich umgerechnet in Rubel ausgezahlt wurden. An einem Augustmorgen 1998 kam ich nach einem geschäftlichen Termin an einer der damals an jeder Ecke stehenden unvermeidlichen Wechselstuben vorbei. Der Kurs lag bei einer DM gleich sechs Rubel. Dies erstaunte mich, und ich nahm einen Auszeichnungsfehler an, denn der Rubelkurs zur Mark war im letzten Jahr doch recht stabil bei einem Verhältnis von drei zu eins geblieben. In dieser kurzen Phase träumte jeder von Stabilität und war froh, dass es war, wie es war. Nach dem Mittagessen ging ich für einige Besorgungen auf die Straße und sah nun einen Kurs von rund neun zu eins; und dieser Kurs war an mehreren Wechselstuben ausgezeichnet. An eine falsche Beschriftung war also nicht mehr zu denken.

Die Abläufe sind bekannt: Der Rubel fiel zu einer deutschen Mark bis auf 5.000 Rubel. Als wohlstandsverwöhnter Westler wurde mir zum ersten Mal der Wert einer halbwegs stabilen Währung bewusst. Ich wurde zum Krisengewinnler: Im Mollies bezahlte ich für ein großes Glas Guiness-Bier nun noch etwa 50 Pfennig. Vorher musste ich rund zehn Mark auf den Tisch legen, und ich gönnte mir diesen Luxus nur zu ganz besonderen Anlässen.

Für meine Mitarbeiter habe ich damals etliche Flaschen des beliebten italienischen Martinis und französischen Cognacs gekauft. Für mich selbst habe ich fünf Schweizer Taschenmesser erworben, die ich heute natürlich alle bereits wieder verlegt habe. All diese Dinge waren Luxusgüter gewesen, die etwa dreimal soviel wie im Westen gekostet hatten – und die man nun für Spottpreise bekam.

Meine Mitmenschen hatten allerdings nicht diese Möglichkeiten. Die wenigen bescheidenen Ersparnisse waren schon wieder weg; zum zweiten Mal innerhalb weniger Jahre. Noch heute, wenn es um die Frage geht, wo Russland heute steht und was die Menschen über das derzeitige Regime denken, sagt jeder Russe: „Egal was passiert, aber so etwas wie in den 90er Jahren brauchen wir auf keinen Fall nochmals!“ Denn vor allen Dingen war dies eine Zeit des stetigen Geldverfalls.

Auf die Werke Roland Baaders war ich aufmerksam geworden durch eine Buchbesprechung in der „FAZ“. Von Geldtheorie oder vom Wesen des Geldes hatte ich bis zu diesem Tag nie etwas gehört oder gelesen. So erschien es mir beim Lesen der Rezension nicht unbedingt notwendig, mir ein Buch zu diesem Thema zu kaufen. Allein der letzte Satz des Autors ließ mich aufhorchen, denn er wusste zu berichten, dass derjenige, der dieses Buch nicht gelesen habe, nicht verstehen könne, was in absehbarer Zeit auf uns alle zukommen werde. Also bestellte ich mir „Geld, Gold und Gottspieler“ eher zögerlich und lustlos mit dem Gefühl, eine langweilige, aber eben notwendige Lektüre erwerben zu müssen. Ich begann mit dem Lesen dieses Werkes im Flugzeug nach St. Petersburg. Es war eigenartig, aber Roland Baader und Russland hingen in meinem Leben immer irgendwie zusammen.

Schon die Anfangssätze der Lektüre versetzten mich in höchste Anspannung. Ich konnte mich kaum von diesen Zeilen lösen. Schon das Essen im Flieger erschien mir als Zeitverschwendung.

In St. Petersburg war ich zu einer Hochzeit eingeladen. Wie in Russland weitgehend üblich, wird alles selbst vorbereitet. So musste der Lesegenuss leider warten. Nach der Hochzeit, als so gut wie alle schwer angetrunken, wenn nicht gar ordentlich betrunken waren, lag auch ich in meinem Bett und wusste, der folgende Tag würde etwas härter werden. Dennoch habe ich noch zwei Stunden weitergelesen; solch eine Kraft hatte dieses Buch, und solch eine Wendung gab es meinem Leben später.

Ich hatte erlebt, wie Geldsozialismus in der Praxis aussieht. Ich musste mit ansehen, was es bedeutet, wenn alle Gespräche sich darum drehen, ob das Papier im Geldbeutel morgen noch einen Wert hat und ob man das dringend benötigte Brot noch damit kaufen kann. Auch wenn mir damals Verständnis und Theorie fehlten, so spürte ich doch, dass da etwas ordentlich schief lief. Ich sah die angerichteten Verheerungen im Leben der Menschen.

Roland Baader hat mir die Augen geöffnet, und dafür bin ich ihm zutiefst dankbar. Der Leser mag über mich lächeln, aber für mich war er eine Art Heiliger unserer Tage. Seine Qualitäten als Entlarver und Demaskierer der heutigen riesenhaften Betrügereien sind das eine, dazu gesellten sich aber ein tiefer Glaube und ein Charakter von besonderer Schönheit, Aufrichtigkeit und Bescheidenheit.

Wie sagen die Russen an den Gräbern großer Menschen: „Takich usche njet!“ Solche Menschen gibt es nicht mehr!

Information


Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 21. Fabruar erscheinenden März-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 120


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Christopher Beyer

Autor

Christopher Beyer

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige