Lion Edler

Lion Edler, Jahrgang 1987, studiert in Berlin und arbeitet nebenher als freier Journalist.

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Joachim Gauck: Ein Präsident gegen die deutsche Angst?

von Lion Edler

Warum er Deutschland helfen kann

20. Februar 2012

Eine der überzeugendsten Antworten auf die Frage, warum man sich über die gestrige Designierung von Joachim Gauck zum Bundespräsidenten freuen darf, liefert der Online-Kommentarbereich des ,,Neuen Deutschland“. Dort wird Gauck im ersten Kommentar-Statement unter jenem Bericht, der seine Kür zum Bundespräsidenten vermeldet, als ,,Wunschkandidat des deutschen Kapitals“ sowie als ,,ein kriegs- und kapitalismusgeiler Dreckspfaffe“ denunziert. Nun mache die Kampagne gegen Wulff Sinn, erklärt der Autor, denn Wulff sei wohl ,,nicht rechts genug“ gewesen. Und auch im Kommentarbereich der ebenso knallroten „taz“ hieß es schnell wenig milde von einem gewissen ,,Ungeheuerlich“, Gauck sei ,,ein Neoliberaler der übelsten Sorte, ein Anti-Pazifist sozusagen das Maschinengewehr Gottes“. Der Grund für das Wundenlecken ist verständlich: Der Vorredner des eben Zitierten befürchtet, SPD und Grüne hätten nun ,,für einen konservativen, religiösen, zumindest neoliberal angehauchten Bundespräsidenten gesorgt. Jemand, der Sarrazin mutig und größere Kontrolle der Finanzmärkte populistisch findet. Der für alles andere als einen modernen Lebensentwurf steht.“ Allein wegen solcher Kommentare: Man mache ein Fass auf wegen der gestrigen Entscheidung!

Die Journalisten waren schon klüger und verpackten ihre Abneigung geschickter. Im Fernsehen wurde gestern ausführlich und mehrfach der uralte, lächerliche 68er-Schinken ausgepackt, dass die konservativen Katholiken in der CDU ein Problem damit hätten, dass jetzt voraussichtlich ein Evangelischer Bundespräsident wird. Damit verschleierten die Journalisten geschickt, dass es nicht rechte, sondern allein linke Spießer sind, die ein Problem mit Gauck haben – nämlich sie selbst. Die Politiker von SPD und Grünen dürften innerlich ebenfalls toben, mussten jedoch in mitleidserregender Weise ihre Gauck-Huldigung vorheucheln. Denn natürlich hat man 2010 Gauck nur nominiert, weil er aus Gründen der Staatsraison keine Chance gegen Wulff hatte – und nun können sie ihn nicht einfach fallen lassen, weil ihre Glaubwürdigkeit dann noch mehr im Eimer wäre. So ist durch einen Zufall und durch das taktische Geschick der FDP ein Störenfried ins Establishment geraten. Kaum auszudenken, was uns in den nächsten fünf Jahren noch für Erheiterungen bevorstehen könnten, wenn Gauck etwas ,,ablässt“. Gewissermaßen befindet er sich in der Rolle eines ranzigen Penners, der sich durch eine gewonnene Wette Zugang zu einem Fest-Essen in einem schmierigen Bonzenlokal erschlichen hat, weshalb die feine Gesellschaft während des gesamten Abends zu befürchten hat, dass der eigentlich ungebetene Gast kräftig ,,einen fahren“ lässt... Nur dass vom geistigen Haushalt her die Bettler und die Reichen genau auf der gegenüberliegenden Seite liegen.

Aber noch aus einem anderen, wichtigeren Grund scheint mir Anlass zur Freude gegeben: So wie sich Gauck bisher präsentiert hat, könnte er ein für Deutschland bitter notwendiges Heilmittel sein – gegen eine seelische Nationalkrankheit, die sich ,,Deutsche Angst“ nennt. Seine Kritik an übertriebenen und typisch deutschen Ängsten scheint ein tragendes Motiv von ihm zu sein. So erklärte er im vergangenen Jahr im Interview mit der ,,Welt“ über Deutschland: ,,Erst waren wir Fortschrittsweltmeister, jetzt sind wir Fortschrittsskeptiker. Und Angstpotenziale werden unter diesen Bedingungen schnell zu Brandbeschleunigern.“ Über die Speicherung von Telekommunikationsdaten merkte er einmal an, diese seien – jetzt werden vielleicht auch ef-Leser protestieren – ,,nicht der Beginn eines Spitzelstaates“. Seine Alternative zu dieser ,,deutschen Angst“ lautet Selbstvertrauen statt Staatsvertrauen und damit Eigenverantwortung. In einem „FAZ“-Interview wünschte er sich vor einiger Zeit, ,,dass die Menschen begreifen, dass wir nicht in einer Zeit leben, die durch Krisen definiert ist. Sondern dass die Deutschen an die Phasen denken, die sie ermächtigt haben, tatkräftig und gestaltend zu sein. Da denke ich natürlich als Ostdeutscher an 89, aber ich denke auch an die Nachkriegszeit und an die Aufstiegszeit, als der Rechtsstaat gestaltet wurde, als Wohlstand geschaffen wurde.“

Nichts hat Deutschland derzeit bitterer notwendig als eine solche Botschaft gegen die ,,deutsche Angst“. Das europäische Herzland fürchtete sich nach Fukushima mehr vor einer imaginären ,,Atomkatastrophe“ als die Japaner selbst. Die Angst vor dem Rechtsextremismus ist so stark, dass man entsprechende Demonstrationen von winzigen Splittergruppen nicht etwa einfach aushält, sondern mit Straßenblockaden aufhalten zu müssen meint. Hakenkreuze in Maisfeldern führen zu Polizeieinsätzen, und ein Landesamt für Verfassungsschutz warnt vor ,,Nazi-Codes“ in KfZ-Kennzeichen. In der Auseinandersetzung mit autonomen Terroristen oder der Zigarettenmafia weichen Polizei und Politik ängstlich zurück. Bei Video-Überwachung auf öffentlichen Plätzen fürchtet man sofort den ,,Überwachungsstaat“, und wegen der Berichterstattung über den EHEC-Erreger werden keine Tomaten mehr gegessen. Patrick Bahners sieht wohl nicht zu Unrecht eine ,,Deutsche Angst vor dem Islam“, und die Familienzeitschrift ,,Eltern“ überschrieb einmal einen Artikel wohl auch bezeichnenderweise mit ,,Die deutsche Angst vorm Kinderkriegen“.

Diese bis ins Pathologische reichende Angstmentalität hat offensichtlich seine Ursache in der Katastrophe der nationalsozialistischen Diktatur einschließlich Völkermord, Zweitem Weltkrieg, Flucht und Vertreibung. Das ist ein Problem aller vom Schrecken des Weltkriegs betroffenen Länder, doch in Deutschland hat man es sich nach 1945 unterbewusst ganz besonders angewöhnt, ,,die militärische Kapitulation auch als eine geistige und kulturelle zu deuten“, analysiert der Publizist Thorsten Hinz. Daraus resultiert eine gewisse spezifisch deutsche Selbstgeißelung als Volk, aus der heraus kein Selbstbewusstsein und damit auch kein Freiheitsdrang entstehen kann. Eine symbolisch sehr treffende Szene zu diesem Zusammenhang bietet der Roman von Stefan Schwarz ,,Hüftkreisen mit Nancy“. Die Hauptfigur dieses Romans ist der Journalist Max Krenke, der vor seinen privaten Problemen flüchtet und sich etwas vormacht. Krenkes Physiotherapeutin Nancy erkennt schließlich im Fitness-Studio, dass Krenkes schlechte Körperhaltung Angst ausstrahle: ,,dann haben Sie vielleicht Signale der Angst empfangen, unbewusst, von außen“, sie äugte in der Gegend umher, „von Ihrer Familie, von Ihrer Mutter, Ihrem Vater, Ihren Lieben...“ Der Erzähler in Gestalt von Krenke selbst erklärt hierzu wenig später: ,,Was Nancy nicht wusste, war, dass meine Mutter mit dem Treck aus Ostpreußen hierhergekommen war und dass das Schicksal ihrer Mutter, meiner eigentlichen Großmutter, unausgesprochen blieb, solange ich noch ein Kind war, weil ich es noch nicht verstehen würde. Später, als ich kein Kind mehr war und erfuhr, wie meine Großmutter auf einem Feld in Ostpreußen zu Tode gekommen war, verstand ich es allerdings auch nicht. Im Grunde gab es nichts zu verstehen, außer dass meine Mutter alle Gründe hatte, mit größter Sorge und schlecht beherrschter Furcht auf die Welt zu sehen. Dass diese Zeit gleich quer durch die Generationen die Leute krumm schlug, leuchtete mir ein.“

Auch Gauck scheint diesen Zusammenhang zwischen deutschem Geschichtsbewusstsein und der gegenwärtigen Furcht vor Eigenverantwortung und Freiheit zu erkennen. Im ,,Welt“-Interview erklärte er im vergangenen Jahr, das Gewünschte trage in Deutschland ,,oft Züge vom Himmelreich, gern auch ohne Gott“. Seit der deutschen Romantik herrsche ,,eine gewisse Verachtung dessen, was wir vorfinden.“ Und: hinzu komme ,,aus der Erfahrung der Geschichte, dass wir unserem Glück oft nicht trauen. Irgendwo muss das Unheil lauern!“ Dass Gauck sich als ,,aufgeklärter Patriot“ empfindet und mit seinen Thesen zum Thema Freiheit ja gerade das Gegenmodell des typisch Deutschen verkörpert, bestätigt dies. Viele Liberale und erst recht Libertäre sehen den Patriotismus kritisch als potenziellen Kollektivismus-Produzenten, ja vielleicht sogar als ,,Opium fürs Volk“; ich glaube aber, dass umgekehrt ein Schuh draus wird: die nationale Frage hängt mit der liberalen zusammen, jedenfalls wenn die nationale Identität liberal definiert wird – und dafür gibt es bei Gauck viele Ansätze. An Beidem fehlt es im deutschen Meinungsspektrum massiv; das Land ist viel zu anti-liberal und zu latent-antideutsch. Bei der gestrigen Präsentation Gaucks im Rahmen der Pressekonferenz mit Merkel und Co gab Gauck als ein Ziel seiner Amtszeit aus, ,,dass Menschen auf den unterschiedlichsten Ebenen – beruflich oder politisch – wieder neu Vertrauen gewinnen müssen darin, dass sie Kräfte haben, die wir bei unseren Vorfahren gesehen haben, die uns aus Krisen herausgeführt haben und die wir uns selber manchmal nicht mehr zutrauen.“ Die vermutlich knieschlotternden Journalisten haben schon geistesgegenwärtig reagiert und lieber andere Gauck-Zitate in den Vordergrund gestellt – denn ,,Vorfahren“ ist natürlich ziemlich Autobahn.

Es nützt nichts, wenn man den Sozialismus und Sozialdemokratismus nur mit den reinen Zahlen und Fakten argumentativ auseinandernimmt. Entscheidend ist auch, den Hebel im Kopf umzulegen, von der Angst vor sich selbst hin zu Vertrauen in die eigene Verantwortung und Freiheit. Deshalb kann ein Bundespräsident durchaus ein Land nach vorne bringen, auch wenn er keinen direkten Einfluss auf Gesetze hat. Meine These: Deutschlands Probleme liegen zu 90 Prozent gar nicht im Bereich von unsinnigen Gesetzen und schlechten politischen Maßnahmen – die es freilich auch zu Hauf gibt – sondern im psychologischen Bereich. Vielleicht wird Gauck als der Bundespräsident gegen die ,,deutsche Angst“ in die Geschichte eingehen. 

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