11. März 2012

Dr. Seltsam ... ... oder wie ich lernte, Paranoia zu lieben

Was ist bloß los mit mir

Es scheint wohl doch Verfolgungswahn zu sein, der viele meiner politischen Haltungen bestimmt. Anders kann ich mir nicht mehr erklären, warum ich unentwegt dieses ganz seltsame Kribbeln in den Hirnwindungen verspüre, wenn ich die Massenmedien Deutschlands konsumiere. Vielleicht sollte ich beim Wahrheitsministerium um psychiatrischen Beistand bitten.

Es sind meistens nur Kleinigkeiten, die für sich genommen den allermeisten wohl harmlos erscheinen dürften, die in der Summe aber – zumindest bei mir – immer den Eindruck hinterlassen, irgendjemand wolle mir an die Hirnzellen. Da kann doch etwas nicht stimmen? Was ist bloß los mit mir?

Vor wenigen Tagen im ZDF: Innenminister Friedrich im Gespräch mit Elitejournalistin Marietta Slomka. Ursprünglich wollte ich das gesamte Interview durchhalten, was Slomka aber unmittelbar nach Beginn des Gespräches professionell zu verhindern wußte. Sie sprach den Innenminister auf seine Äußerung zum Thema Islamismus an, er wolle keine bösen, antidemokratischen Tendenzen importieren, obwohl, so die Anstandsdame volkspsychologischer Kerngesundheit und höchstmöglicher intellektueller Ausdifferenzierung und komparativer Gerechtigkeitsverwirklichung, das „Böseste, was wir in Deutschland seit zehn Jahren hatten, doch die Neonazi-Morde aus Zwickau waren“.

Wie konnte ich das nur übersehen? Habe ich etwa tatsächlich erwartet, in einem Gespräch über Problem A eindeutige und klare Antworten auf A zu erhalten, keine (und in diesem Fall leider wenig) subtilen, relativierenden Verweise auf die Probleme B, C oder D? Und schon schlug meine Paranoia wieder schrillen Alarm: Statt einfach von einem bedeutungslosen Einzelfall auszugehen, musste ich natürlich wieder Zusammenhänge konstruieren, wo es wahrscheinlich gar keine gibt. Denn ich erinnerte mich an eine ähnliche Äußerung Klaus Wowereits in einem ZDF-Talk auf dem Höhepunkt der Sarrazinose. Wowereit wurde gefragt, ob es denn Probleme mit bestimmten Bevölkerungsgruppen gebe. Seine Antwort damals: „Ja das mag sein, aber ich bin gestern auf einem Spaziergang durch meinen Kiez auch über deutsche Alkoholiker gestolpert“. Da ist doch ganz klar ein Muster erkennbar! Das bin doch nicht nur ich!?

Seitdem folgten zahllose weitere Fälle, die mich an meiner geistigen Gesundheit zweifeln ließen. Immer stärker wurde das Gefühl, es wolle mich irgendetwas oder irgendjemand ständig belehren und zum Besseren erziehen, als stünde Tag für Tag ein unsichtbarer Beobachter hinter mir und schaue über meine Schulter, um penibel darauf zu achten, dass ich auch alles richtig mache. Pausenlos hatte ich, wie es in einer Szene des Filmes „The Matrix“ der Wachowski-Brüder hieß, diesen Splitter im Kopf, diese unheilvolle Ahnung, dass „etwas nicht stimmt mit der Welt“.

Apropos Welt, da wäre ich dann auch gleich beim nächsten Grund meiner stetig zunehmenden geistigen Umnachtung, meines paranoiden Wahnzustandes. „DDR-Bürgerrechtler zweifeln an Gaucks Kompetenzen“, zitierte „Welt Online“ heute eine Erklärung von elf Mitgliedern kirchlicher Friedens-, Umwelt- und Menschenrechtsgruppen, die zuvor im „Tagesspiegel“ veröffentlicht worden war. Hilfe, ich kann es einfach nicht abstellen: Schon wieder meine ich, ein konspiratives Flüstern klandestiner Zirkel zu hören, ganz deutlich, von irgendwo aus dem Hintergrund.

Die Erklärung kritisierte Gauck unter anderem dafür, sich für die Selbstbehauptung des Einzelnen stark zu machen. Denn persönliche Selbstbehauptung führe nur zur Freiheit für Privilegierte. Man beachte die Ausschließlichkeit der Formulierung: Persönliche Selbstbehauptung führe „nur“, also sinngemäß: immer und zwangsläufig, zu Egoismus, fehlendem Gemeinschaftssinn, einem völligen Mangel an Altruismus, einem Kopf, der nur an die eigenen Privilegien denkt.

Nun schäme ich mich vor den anderen. War ich doch bisher immer der Meinung, dass persönliche Selbstbehauptung, der Widerstreit zwischen Individualismus und Kollektivismus, zwischen persönlichem Wollen und Allgemeingut, Einzel-bund Volkswohl, eigener Handschrift und Herdenhufgeklapper,  identifizierbarer Einzelstimme und Geblöke der Geschorenen und GEZwungenen, erst in einem langwierigen und mühevollen Prozess das hervorbringt, was man überhaupt guten Gewissens als „Individuum“ bezeichnen darf. Aber ich lag falsch: Persönliche Selbstbehauptung und -verwirklichung ist grundverkehrt, asozial, gesellschaftsvergessen. Sowas macht man nicht, pfui. Was bilde ich mir eigentlich ein?

Ich schaue auf die Uhr, und jetzt wird es richtig surreal: Das Ziffernblatt verformt sich, nimmt die Form eines Gesichtes an und blickt auf mich herab wie das Antlitz des „Großen Bruders“ aus Michael Radfords „1984“-Verfilmung. Das Pendel mutiert zu einem Gewehr und legt auf mich an. Ich wische mir den Angstschweiß von der Stirn.

„Gauck hat die Erwartungen derjenigen beflügelt“, so die Erklärung weiter, „die durch die Beschwörung des Antikommunismus die Freiheit verteidigen wollen“. Die Kompetenz des künftigen Bundespräsidenten liege aber nicht in einer „Beschwörung der Vergangenheit“.

„Beschwörung“. Als handele es sich um ein satanisches Ritual. „Vergangenheit“, als seien der massenmediale Meinungsverzerrungs- und EU-Kommunismus nicht bedrohlicher denn je. Und sowas kommt von Kirchenvertretern, von Christen und Bürgerrechtlern? Aber das ist eben nur meine ganz persönliche Paranoia, mein Wahnsinn, mein Irrweg. Es hat keinen Sinn mehr: Ich werde mich selbst anzeigen und sachdienliche Hinweise zu meiner Ergreifung auf Twitter bereitstellen. Irgendwann kommt der Punkt, an dem man ganz einfach einsehen und zugeben muss, wie abgewichen und rebellisch man ist.  


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