13. März 2012

"Welt Online" über Nationalsozialismus und Kommunismus Von hinten durch Brust und Schulter doch ins Auge?

Wie man sich trotz guter Absichten selbst ein Bein stellt

Manchmal ist gut gemeint eben nicht gut genug. Oder nicht gut genug durchdacht. In einem kürzlich auf „Welt Online“ veröffentlichten Artikel lieferte Hannes Stein einige Gedanken zur Debatte um den Präsidentschaftskandidaten Joachim Gauck – mit Blick auf die angeblichen Unterschiede zwischen Nationalsozialismus und Kommunismus – denen ich in vielen Punkten sicher zustimmen kann, vor allem dann, wenn es um die Aufzählung historischer Eckdaten geht, die in anderen Belangen aber bei mir mal wieder diejenige Sprachlosigkeit hervorgerufen haben, die dank des deutschen Journalismus in Sachen Geschichtsaufarbeitung zu einem Dauerzustand zu werden droht. Bevor es Missverständnisse gibt: ich unterstelle Herrn Stein keinesfalls bewusste Irreführung, Relativierung oder Verharmlosung. Wie gesagt kann ich ihm über weite Strecken seines Artikels folgen. Einige Argumente aber scheinen mir genau diejenigen Allgemeinplätze der altbekannten linken Rechtfertigung des Kommunismus aufzusuchen (wenn auch vielleicht nicht bewusst), die nicht unkommentiert stehen bleiben sollten.

Stein verweist zum Beispiel auf die intellektuelle Unterstützung der Ideologie: „Noch ein interessanter Unterschied: Die Liste der Künstler und Schriftsteller, die dem Kommunismus anhingen und Oden auf Stalin verfassten, ist lang. Und es befinden sich, das muss leider gesagt werden, erstklassige Namen darunter. Brecht war ein großer Dichter, ebenso Aragon; Picasso war eben doch ein großer Maler; Hanns Eisler ein bedeutender Komponist. Die Liste der erstklassigen Intellektuellen, die Anhänger der Nazis waren, ist kurz“.

Stalin war ein Psychopath und Massenmörder, der Hitler in nichts nachstand, wurde aber von einigen bekannten Intellektuellen und Künstlern hymnisch besungen – und was folgt nun konkret daraus? Die Argumentation Steins bleibt hier leider sehr schwammig und oberflächlich. Einerseits weist er im Artikel sehr deutlich auf die barbarischen Verbrechen des Kommunismus hin, andererseits hatte dieser – „das muss leider gesagt werden“ – namhafte Geister als Unterstützung. Das klingt, auch wenn es nicht Steins Intention gewesen sein mag, eben doch wieder wie eine Relativierung und Legitimation.

Vor allem meine ich hier eine gewisse Portion typisch deutscher Obrigkeitshörigkeit herauszulesen: Wenn er von berühmten Intellektuellen unterstützt wurde, kann er ja vielleicht doch nicht so ... ja? Schlecht gewesen sein? Intellektuelle irren sich also seltener als „Normalsterbliche“? Umgekehrt: weil es erstklassige Intellektuelle waren, stellt das  irgendwie doch einen Qualitätsnachweis pro Kommunismus dar? Gleich im nächsten Absatz verweist Stein zwar richtig auf die „vernebelnde Absicht“ in der vermeintlichen Wissenschaftlichkeit und dem Pochen auf Menschenwürde und ‑rechte der kommunistischen Ideologie (und erklärt so ihre intellektuelle Anhängerschaft), will dann aber trotzdem einen Unterschied zum Nationalsozialismus ausmachen, indem er dessen totale Ignoranz gegenüber Menschenrechten hervorhebt. Angesichts der von Historikern geschätzten zehn oder gar mehr Millionen Toten im Gefolge der Oktoberrevolution in den Jahren zwischen 1918 und 1923 ein recht fragwürdiges Argument. Worauf genau will Stein eigentlich hinaus?

Das Problem liegt meiner Ansicht nach darin, dass Stein die geistesgeschichtlichen Grundlagen beider Ideologien noch nicht richtig verstanden zu haben scheint, sonst hätte er kaum diese doch sehr undurchdacht, konfus und widersprüchlich wirkenden Sätze geschrieben. Dass der Kommunismus – „gewiss: verlogen, gewiss“ (Stein) – auf Menschenrechte abhob, ändert nichts am totalitären und menschenverachtenden Kern der Ideologie, die von der Hegelschen idealistischen Geschichtsphilosophie, in der der Totalitarismus bereits keimte,  über die Marxschen Phantastereien sozialtechnischer Allmachbarkeit bis zu deren eben nicht zufälliger oder realhistorisch pervertierender, sondern nur „folgerichtiger“ Konsequenz massenhaften Tötens führte. Karl Marx selbst sprach davon – und hier wird jede Unterscheidung zwischen nationalsozialistischem Biologismus und kommunistischer Sozialtechnik hinfällig – die „Klassen und Rassen“ (!), die den historischen Umwälzungen nicht gewachsen seien, müssten im „kommenden Weltsturm untergehen“.

„Es gibt auch eine moralische Differenz“, fährt Stein fort. „Die sowjetische Armee ist für manche Menschen wirklich eine Befreiungsarmee gewesen. Es ist kein romantischer Unsinn, wenn sich ‚Jakob der Lügner‘ in Jurek Beckers immer noch wunderbarem Roman nach den Russen sehnt. Wären sie gekommen, hätte der Schrecken für ihn und die anderen Insassen des Ghettos ein Ende gehabt. Auch mein Freund Norman Manea – ein rumänisch-jüdischer Schriftsteller, der als Kind mit seiner gesamten Familie in ein Lager in Transnistrien verschleppt wurde – hat die Russen als Befreier erlebt. Die deutsche Wehrmacht dagegen hat niemanden jemals befreit. Keinen einzigen Menschen“.

Was Stein dabei leider nicht erwähnt: Stalin spekulierte gezielt auf genau diesen psychologischen Effekt. Es war keine reine Menschenliebe, die zur Befreiung vieler Inhaftierter führte, sondern Stalin wusste sehr genau, dass ein Sieg über den Nationalsozialismus dem Kommunismus in den Augen der Weltöffentlichkeit moralische „Bonuspunkte“ verschaffen würde. Es war die eiskalte Kalkulation eines Massenmörders, der im eigenen Land nicht viel Federlesens machte, wenn es um die Ermordung von Millionen ging. Die von der Roten Armee leider nicht gerettet wurden. Wie man da noch eine „moralische Differenz“ ausmachen kann, ist mir schleierhaft. Wahnsinn A besiegt Wahnsinn B – und ist deshalb „moralischer“? Auch die Tatsache, dass manche Lager nach ihrer Befreiung von den Sowjets nicht etwa geschlossen, sondern weiter benutzt wurden zwecks Inhaftierung und Ermordung häuslicher „Feinde“, bleibt unerwähnt.

„Kommen wir zur ‚Endlösung der Judenfrage‘. Ich weiß von keinem anderen Genozid, der dermaßen radikal geplant und durchgeführt worden wäre. (Kennt Joachim Gauck einen solchen Genozid?)“ Will Stein angesichts solcher Leichenberge auf den zwei Seiten ein- und desselben Irrationalismus, auch wenn die eine Seite sich als gesellschaftlich „progressiv“ und alle sozialen und ökonomischen Widersprüche ein für allemal beseitigend, man könnte auch sagen, menschheits- und heilsgeschichtlich endlösend präsentierte, allen Ernstes nach mehr oder minder radikalem Massenmord unterscheiden, eine qualitative Bewertung aufgrund „gradueller“ Unterschiede in „Radikalität“ und „Systematik“ millionenfachen (!) Mordens vornehmen?

Schwer vorstellbar, denn ein solcher Gedankengang wäre nicht nur extrem gefährlich, sondern schlicht dumm.  Aus meiner Perspektive ist schon ein einziger Mensch, der aus solchen Motiven heraus ermordet wird – ob nun auf biologistischer Basis oder auf der Grundlage einer von ihren Vordenkern Marx und Engels mehrmals ganz konkret und in ziemlich menschenverachtenden Worten beschriebenen radikalen Sozialtechnik (Engels sprach beispielsweise von „Völkerabfällen“) – bereits einer zu viel.

Ich schaue auf zwei Massengräber, randvoll mit Menschen aller Altersgruppen und Geschlechter. Da kommt ein Journalist des Weges und möchte mir erklären, die Millionen menschlichen Leben im lechten Massengrab seien radikaler vernichtet worden als die Millionen im rinken. Der lechte Genickschuss  tötete grausamer als der rinke. Das systematische Verhungernlassen und Erschießen von Millionen rinks ist weniger radikal oder systematisch als Gas und Ofen lechts. Da bleibt mir nicht nur als historisch Interessiertem und Kundigem sowie als studiertem Philosophen, sondern zuvorderst als Mensch ganz einfach die Spucke weg. Vor allem aber scheint Stein nicht bemerkt zu haben, dass er dadurch seine vorlaufende Argumentation selber ad absurdum führte. Bei mir blieb der schale Nachgeschmack eines über sieben Ecken irgendwie dann doch unterschwellig und trotz aller – gewiss: nicht zu leugnenden, gewiß, krawel – abgrundtiefen Grausamkeit beider Systeme vorgenommenen Relativierungs- und halbherzig-hilflosen Rationalisierungsversuches zurück. 

Ich habe bisher noch nicht mit Joachim Gauck gesprochen beziehungsweise habe ihn noch nicht kennengelernt. Ich könnte mir aber vorstellen, dass er vielleicht genau darauf hinaus wollte: Solange wir in Deutschland dermaßen irrational, ja geradezu mystisch über bestimmte Kapitel europäischer Geschichte diskutieren, wird uns eine wirklich tiefgehende Ursachenanalyse nicht gelingen. Solange wir ganz ernsthaft Massenmord, das gezielte Töten von Millionen, „differenzieren“ wollen in mehr oder minder radikale Auslöschung menschlicher Existenzen, ist die Gefahr einer Wiederholung noch nicht gebannt. Denn in einer solchen „Argumentation“ steckt implizit der falsche und ethisch höchst fragwürdige Gedanke, man könne bei solch astronomischen Zahlen Getöteter unter beiden Ideologien noch guten Gewissens von einer unterschiedlichen Radikalität des Tötens sprechen. Wollen wir weiterhin das Recht haben, uns als zivilisiert und aufgeklärt zu bezeichnen, sollten wir schleunigst damit aufhören.

Internet

Hannes Stein auf „Welt Online“: Gauck könnte den Holocaust-Konsens aufkündigen


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