19. März 2012

Österreichische Schule Marktwirtschaft und kulturelle Identität

Brückenschlag zu Psychologie und Kulturanthropologie

Der Homo oeconomicus als Modell für das wirtschaftlich rational handelnde Individuum ist außerhalb der Wirtschaftswissenschaften umstritten. In der Kulturanthropologie etwa  herrscht seit Jahrzehnten eine Auseinandersetzung zwischen den sogenannten Formalisten und den Substanzialisten. Die Formalisten wollen das neoklassische Modell vom Homo oeconomicus auf nichtwestliche Gesellschaften übertragen. Die Substanzialisten wenden ein, dass es in anderen kulturellen Kontexten zu viele empirische Phänomene gibt, die sich mit der Vorstellung des Homo oeconomicus nicht vereinbaren lassen. Religion, Verwandtschaft, Kastensystem und ethnische Zugehörigkeit würden das Handeln der Menschen in nicht westlichen Kulturen so stark prägen, dass das Modell der individuellen Nutzenmaximierung nicht anwendbar sei. Dieser Widerspruch lässt sich aber auflösen, wenn man auf den subjektiven Rationalitätsbegriff von Ludwig von Mises zurückgreift.

Die subjektivistische Ökonomie lässt Raum für kulturelle Einflüsse

In seiner Studie „Ludwig von Mises als Sozialphilosoph“ hat Julian Müller den handlungsorientierten Rationalitätsbegriff von Ludwig von Mises von dem buchhalterischen Rationalitätsbegriff, der oft der Neoklassik zugeschrieben wird, unterschieden. Ludwig von Mises‘ subjektivistischer Standpunkt lässt genug Raum für den Einfluss von Kultur und Psychologie. Handeln an sich ist laut von Mises rational. Irrationales Handeln gibt es nicht. Sowohl der Börsenanalyst in New York als auch der Schamane bei den Eskimos handeln rational – von ihrem persönlichen Standpunkt aus.

Der Mensch strebt danach, verschiedene subjektive Bedürfnisse zu befriedigen. Um das zu erreichen, muss der Mensch Prioritäten setzen. In der buchhalterischen Sicht von Rationalität kaufen wir in dem Geschäft mit der besten Qualität zu den besten Preisen, stellen den am besten qualifizierten Mitarbeiter zum geringstmöglichen Lohn ein und so weiter. Die subjektivistische Ökonomie kann durchaus Phänomene erklären, in denen Menschen sich nicht konform mit diesen Voraussagen verhalten. Darin liegt ihre Stärke.

Persönliche Bindungen können sich auf die Kalkulation auswirken

So kann etwa jemand, der einer bestimmten Religionsgemeinschaft angehört, sich mit denen verbunden fühlen, die der Religionsgemeinschaft auch angehören. Dieses Gefühl von Bindung und der Wunsch, diese Bindung zu stärken oder aufrechtzuerhalten, kann so stark sein, dass er bereit ist, einen Preis dafür zu bezahlen. Der Preis kann dabei ideell, aber auch durchaus monetär verstanden werden. Ein ganz einfaches Beispiel: Jemand kauft in einem Laden ein, weil der Laden einem Glaubensbruder gehört, obwohl die Waren in dem Laden zu einem höheren Preis angeboten werden als in einem anderen. Dies könnte man als ökonomisch irrational bezeichnen, was aber nur zutrifft, wenn man eine verkürzte Vorstellung von Ökonomie hat.

Menschen vergleichen nicht nur Preise, sondern emotionale Befriedigung

Bleiben wir bei dem Beispiel. Wenn der Kunde in dem Laden eines Glaubensbruders einkaufen geht, obwohl die Waren dort teurer angeboten werden, dann kann er weniger Waren einkaufen. Das schränkt also sein mögliches Wohlbefinden, zu dem diese Waren beitragen können, ein. Auf der anderen Seite gewinnt er aber ein gutes Gefühl dadurch, dass er einen Glaubensbruder unterstützt und mit diesem zum Beispiel beim Einkauf kommunizieren kann. Wenn dies seinen inneren Wünschen mehr entspricht als das Wohlbefinden, das ihm das gesparte Geld bringen kann, dann hat er eine Entscheidung zu seinem Vorteil getroffen.

Das Phänomen kennen wir aus vielen Zusammenhängen, etwa wenn man in ein Lokal geht, in dem das Essen nicht besser aber teurer ist, dafür aber die Dekoration besonders ansprechend oder die Kellnerin besonders hübsch. Das Ambiente oder das nette Lächeln der Kellnerin können unter Umständen die schlecht gewürzte Suppe kompensieren. Sollte man gar in das Mädchen verliebt sein, dann ist man bereit,  auch ganz unverdauliche Happen zu sich zu nehmen, um in ihrer Nähe zu sein. Rationalität ist von der Situation abhängig. Sie resultiert immer aus subjektiven Vorstellungen, Wünschen und Plänen. Was von außen als irrational erscheinen mag, erkennen wir als rational, sobald wir die Gefühlswelt eines Menschen begreifen. Wenn wir sagen, etwas sei irrational, dann meinen wir damit, wir können die Wünsche eines Menschen nicht nachvollziehen.

Mittel lassen sich rational bestimmen, Wünsche nicht

Mittel lassen sich rational bestimmen, Wünsche nicht. Es gibt bestimmte Wünsche, die für fast alle Menschen nachvollziehbar sind, weil sie zum biologischen Erbe der Menschheit gehören: Essen, Trinken, Sex, Schlafen, sich bewegen und so weiter. Es gibt aber auch Wünsche und Gefühle, die sich aus unserer Kultur ergeben. In verschiedenen Kulturen gibt es verschiedene Schönheits- und Geschmacksideale, die sittlichen Gefühle sind von unterschiedlicher Art, sozialer Status wird nach anderen Kriterien vergeben. Die Frage des Zugehörigkeitsgefühls zu Familie, Klan, Ethnie oder Nation spielt ebenso eine Rolle wie die Vorstellungen über die ersten Dinge über Gottheiten und das Jenseits. Religion, Kultur und Identität sind auch auf dem freien Markt handlungsrelevant.

Das Streben nach sozialer Anerkennung kann andere Motive überlagern

Wenn jemand zum Beispiel das Ziel erreichen will, ein besonders gottgefälliges Leben zu führen, dann kann es sich für ihn durchaus lohnen, auf Gewinn zu verzichten oder einen höheren Preis zu bezahlen. Dafür ein Beispiel:

Ein gläubiger Mensch hat ein Geschäft und eine Stelle als Verkäufer zu vergeben. Es bewerben sich darauf ein Glaubensbruder und ein Glaubensfremder. Der Glaubensfremde ist fachlich besser qualifiziert, seine Einstellung verspricht also einen höheren Gewinn, die Einstellung des Glaubensbruders verspricht aber höhere soziale Anerkennung in der Gemeinde. Wenn der Geschäftsinhaber vor allem nach sozialer Anerkennung in seiner Gemeinde strebt, dann kann das damit verbundene gute Gefühl das mit dem entgangenen Gewinn verbundene schlechte Gefühl kompensieren.

Es kann aber sogar so sein, dass aufgrund seiner größeren sozialen Anerkennung in der Gemeinde die Zahl der Kunden aus seiner Gemeinde steigt. So kann es zu der paradoxen Situation kommen, dass die Einstellung eines weniger Qualifizierten zu einem höheren geldlichen Gewinn führen kann als die Einstellung eines höher Qualifizierten, wenn bestimmte kulturelle Umstände mit hineinspielen.

Veranlagung und Kultur bestimmen die Nachfrage

Es handelt sich dabei durchaus nicht um Anomalien. Ethnische Ökonomien, das heißt Tauschvorgänge, die vor allem innerhalb einer bestimmten ethnischen und religiösen Gruppe erfolgen, Spenden, Geschenkrituale, Stiftungen sind Phänomene, die aus der Wirtschaftsgeschichte und der Kulturanthropologie wohlbekannt sind. Die subjektivistische Ökonomie erlaubt nun den Brückenschlag zwischen diesen empirischen Phänomenen und der Rationalität des Marktes. Aus dem Verhältnis von Angebot und Nachfrage ergibt sich der Preis. Die Nachfrage selbst wird aber von Kultur und Anlage bestimmt. Diese Erkenntnis ist von unmittelbarer unternehmerischer Relevanz. Der Versuch, Radiogeräte an die Amish People zu verkaufen, dürfte sich ebenso als Fehlinvestition erweisen wie der Bau einer Bierbrauerei in einem islamischen Land.

Die Märkte dieser Welt sind mit Symbolen und Bedeutsamkeit aufgeladen

Die Märkte dieser Welt sind aufgeladen mit Symbolen, Bedeutsamkeit und kollektiver Zuschreibung. Güter sind Teil eines sozialen und symbolischen Bezugssystems. Menschen streben danach, ihrem Leben Bedeutsamkeit zu verleihen. Mit Autos und Kleidung wird ein bestimmtes Lebensgefühl oder ein bestimmter sozialer Status ausgedrückt. Wir lesen Bücher und unternehmen Reisen, um anderen davon erzählen zu können. Frauen machen sich hübsch, um anderen zu gefallen. Menschen machen Karriere, um Anerkennung für einen bestimmten beruflichen Status zu erreichen. Es sind die Kollegen, das Publikum, die Familie, die Kritiker, die Bekannten, die Gemeinde, die Vereinsbrüder, die Leser, die Kunden, die Patienten, die Bürger, die Konkurrenten, die dem eigenen Handeln Bedeutsamkeit verleihen. Was ist der Diktator, der als letzter Mensch aus dem Atombunker steigt und die ganze Welt beherrscht? Eine unglückliche Existenz.

Selbst die Robinson-Ökonomie hat ein soziales Bezugssystem

Es gibt nur eine verschwindend kleine Zahl von Menschen, die sich auf eine einsame Insel zurückziehen und hoffen, dass die Welt sie vergisst und jedes Interesse an ihnen verliert. Ein solcher Mensch braucht keine Wirtschaft, die den Namen verdient. Nur so viel, dass er gerade einmal überleben kann. Wir sprechen zwar oft von der Robinson-Ökonomie als Beispiel für eine Wirtschaft, die nur eine Person umfasst. Aber Robinson ist nicht freiwillig allein, und er ist glücklich, dass er Freitag trifft. Robinson will überleben, um eines Tages wieder nach Hause zu kommen. Das gilt auch für andere Einzelgänger: Auch der zurückgezogen lebende Gelehrte verfasst seine Schriften nicht für sich allein, sondern in der Hoffnung, dass einige Auserwählte sie schließlich doch lesen und zu schätzen lernen.

Handeln beruht auf Sinngebung und Zukunftserwartung

In „Sein und Zeit“ hat Martin Heidegger beschrieben, wie das Dasein sich immer im Hinblick auf das Sein zum Tode, also auf das Wissen um seine Endlichkeit hin, entwirft und sich die Gegenwart aus der Zukunft ableiten lässt. So steht auch am Ende der ökonomischen Kette immer eine individuelle Sinngebung. Wer keinen bewussten oder unbewussten Lebenssinn im Leben hat, braucht keine Ökonomie. Er kann sich hinlegen, die Aufnahme von Nahrung einstellen und sterben oder sich von einer Brücke stürzen. Dafür braucht man keine Produktion, keinen Tausch, kein Angebot und keine Nachfrage, keinen Gewinn, dazu braucht man gar nichts. Wenn man sich immerhin für das Leben als reines Dasein entscheidet, dann reicht eine primitive Existenzwirtschaft aus. Alles, was über essen, trinken und sich am Leben erhalten hinausgeht, „braucht“ der Mensch eigentlich nicht. Jetzt kommt die Einschränkung dieser Aussage: Man bräuchte es nicht, wenn Leben einfach nur hieße, den Organismus am Leben zu erhalten.

Für Tiere, die nicht wissen, dass sie sterben werden und rein instinktgesteuert handeln, genügt dies auch. Mit dem Bewusstsein von Ich, Zeit und Endlichkeit kommt die Ökonomie in die Welt. Erst die Fähigkeit, die Zukunft antizipieren und zwischen verschiedenen Zukunftsentwürfen wählen zu können, schafft die Möglichkeit, zu „wirtschaften“. Darum ist es wohl nicht richtig, von einer Ökonomie der Ameisen, der Zebras oder der Elefanten zu sprechen. Ökonomie hat immer mit Sinn zu tun, dem Sinn zu leben, und mit der Entscheidung auf eine bestimmte Art zu leben.

Die kulturelle Bedeutung eines Gutes beeinflusst die Tauschbereitschaft

Geld hat nur deshalb eine Bedeutung, weil man mit diesem Dinge erwerben kann, die man als sinnhaft empfindet. Ökonomisches Handeln – weit gefasst – erfüllt den Zweck, unser Leben mit Sinn und Bedeutung zu füllen. Man bezahlt für Erlebnisse, die sich tief ins Gedächtnis einprägen, für Glücksmomente, für den Erhalt oder die Förderung des Lebensstils oder des sozialen Status. Marktwirtschaft bedeutet, dass man Dinge, die für einen selbst weniger Bedeutung besitzen,  eintauschen kann gegen Dinge, die mehr Bedeutung besitzen. Für die spanischen Eroberer besaß Gold eine Bedeutung, für die Einheimischen bunte Glaskugeln. Darum tauschten Spanier und Eingeborene Gold gegen Glaskugeln, und beide hatten den Eindruck, den anderen dabei über den Tisch gezogen zu haben, weil sie dem Gut eine unterschiedliche Bedeutung beimaßen.

Ökonomie betrifft die Logik – Kultur die Psychologie

Ökonomie kann deshalb immer nur abstrakte logische Gesetzmäßigkeiten aufstellen, sie wird immer daran scheitern auszusagen, was ein bestimmter Mensch oder eine bestimmte Gruppe von Menschen zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt wollen und deshalb tun werden. So kann ich abstrakte, logische Aussagen darüber machen, wen jemand einstellen sollte, wenn er ein bestimmtes Ziel erreichen will. Ich kann auch die logischen Konsequenzen eines bestimmten Handelns ableiten. Über das Ziel selbst und die Frage, ob die Konsequenzen eines bestimmten Handelns akzeptiert werden oder nicht, kann ich aber keine Aussage machen.

Die Ziele und Prioritäten der Ziele sind biographisch, kulturell und evolutionsbiologisch geprägt. Ohne den biographischen und kulturellen Hintergrund einer Person zu kennen oder eine Aussage über die menschliche Veranlagung zu machen, werde ich nur schlecht eine Prognose über das konkrete Verhalten abgeben können. Dafür braucht man die Biologie, die Psychologie und die Kulturanthropologie. Die subjektivistische Ökonomie von Ludwig von Mises ist also zugleich ein Brückenschlag für eine umfassende und fächerübergreifende Wissenschaft vom Menschen.

Literatur:

Ludwig von Mises: Human Action. A Treatise von Economics.

Julian Müller: Ludwig von Mises als Sozialphilosoph

Martin Rössler: Wirtschaftsethnologie. Eine Einführung

Klaus E. Müller: Das magische Universum der Identität

Martin Heidegger: Sein und Zeit


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