27. März 2012

Jakob Augstein im „Spiegel“ Widde Widde Wie sie ihm gefällt

Die Welt als Trivialisierungswille und linke Zwangsvorstellung

Gleich in medias res: „Privat geht vor Staat: Das ist die angebliche Erfolgsformel, die uns seit Jahren eingetrichtert werden soll. Jetzt sind die öffentlichen Kassen leer, und der Westen zankt sich mit dem Osten ums letzte Geld. Die Reichen schert es nicht – sie können sich einen armen Staat leisten.“

Jetzt werden viele Leser sicher denken: Ah, das ist einem 16-jährigen Praktikanten der „taz“ aus der Haschtüte gefallen. Könnte allerdings auch die Einleitung eines „Zeit“-Artikels über das sein, was man sich dort in Ermangelung besseren Wissens unter Kapitalismus und Marktwirtschaft vorstellt. Stilistisch gesehen kämen aber auch der Geschirrklimperer aus Frankfurt und sein in jüngster Zeit immer weiter an den extrem linken Rand driftendes Feuilleton in Frage, eine x-beliebige ARD-Moderatorin, Oskar Lafontaine, Pfarrer Fliege, ein per Zufallsprinzip ausgewählter, frisch immatrikulierter Soziologiestudent oder eben, wie in diesem Fall, der Hobbyjournalist und Gelegenheitsdenker Jakob Augstein vom 22. März im „Spiegel“.

Kein Wunder eigentlich, dass bei solchen Worten eine individuelle Urheberschaft nur schwer auszumachen ist, stammen sie doch aus dem dank jahrelangen geistigen Inzests argumentativ sorgfältig verkümmerten, selbstverstärkenden Phrasenleerlauf-Schwingkreis linker, sogenannter „gesellschaftskritischer“ Pauschaltouristik. Das Aufsuchen der immergleichen gedanklichen Allgemeinrastplätze ist keine Überraschung: Monopole – ja, auch Meinungsmonopole – neigen nun mal dazu, bei längerem Ausbleiben echter Konkurrenz sehr träge zu werden. Warum anstrengen, wenn man das Feld alleine beherrscht? Warum noch kein Anbieter von Textverarbeitungssoftware auf die sicher lukrative Idee kam, Zusatzmodule mit den gebräuchlichsten linksdrehend-hirnmuskelmilchsauren Standardfloskeln in Form leicht abrufbarer Makros anzubieten, ist mir schleierhaft. Müsste sich doch verkaufen wie geschnitten Brot.

Nun hat Bruder Jakob, der die etatistischen, zentralistischen und EUdSSR-kommunistischen planwirtschaftlichen Donnerglocken wohl selbst dann nicht hören würde, wenn sie direkt neben seinen Ohren aufeinanderschlügen, ja schon öfter sehr eindrucksvoll unter Beweis gestellt, wie man aus Nanopartikeln eines nur sehr rudimentär ausgeprägten, linksinstitutionell ankonditionierten Wahrnehmungsvermögens die aberwitzigsten, einige Lichtjahre an der ökonomischen und politischen Wirklichkeit vorbeieiernden Kausalitäts-Goldkettchen schmiedet und das Weltgeschehen in frühkindlicher Sandkastenmanier in Cowboys und Indianer einteilt. Wo bei Thomas Anders früher „Nora“ stand, hängt Augstein und vielen seiner Kollegen und Glaubensbrüder im Schrumpfgeiste eben ein „Marx“ um den Hals. Privat vor Staat, also sind die Kassen leer, so impliziert und simplifiziert der Männchenmacher vom „Spiegel“. Auch das fügt sich naht- und makellos in den Zeitgeist Richtung neokommunistischer Diktatur. Privat ist immer böse, aha, aber was genau ist denn nun „die Öffentlichkeit“?

Bruder Jakob, dingdong: „Es geht um den öffentlichen Raum. Wem er gehört. Und wer über ihn verfügt. Das ist nämlich immer seltener die Öffentlichkeit und immer häufiger das, was man den privaten Sektor nennt. Das liegt daran, dass der Öffentlichkeit, also den Vielen, das Geld ausgeht. Während die Privaten, also die Wenigen, Geld in Hülle und Fülle haben.“

Bravo. Der „Spiegel“ als Plattform für Sozialkritik und -philosophie auf „Dingsda“-Niveau. Die „Vielen“, das sind sie in einer solchen Argumentation gerade nicht mehr, eben keine Masse aus Individuen, sondern nur noch „die“ Öffentlichkeit, die Kommune, der Volkskörper, das sowjetdeutsche Volk, dem „die“ Privaten, also die, jaja, natürlich, Ausbeuter, Sklaventreiber, Menschenschinder, Rücksichtslosen – kurz: durch die Bank alles Menschenfeinde! – gegenüberstehen. Zu solchem Denkdung, der eine Masse von Menschen aus Gründen geistiger Schwäche immer gerne unter von allem Individuellen abstrahierenden, ideologischen Scherkämmen subsumiert und mit Hilfe anti-intellektueller Schutzwälle vor jeder Differenzierung in Einzellebewesen und -eigenschaften abschirmt, zu solchem unter philosophischem Proseminar-Schluckauf (leicht verständliche Einführung in Hegel) leidenden Amateurhistorismus für geistige Drittligisten fällt mir ein Zitat von Helge Schneider ein: „Da könnt ihr mal wieder sehen, was die Schwiegermutter für `ne dumme Sau ist“.

Dann brilliert Augstein auch noch durch geballte volkswirtschaftliche Kompetenz: „Es ist ja nicht so, dass in einem Land wie diesem heute weniger Geld vorhanden wäre als früher. Im Gegenteil. Das Geld wird immer mehr. Man hat uns nur daran gewöhnt, es anders zu verteilen als früher: von unten nach oben. Das ist das Ergebnis eines jahrzehntelangen Umerziehungsprojekts, einer kulturellen Neuausrichtung.“

Es ist ja nicht so, dass man wenigstens ein einziges Mal einen wirklich eigenständigen, originellen Gedanken fassen könnte. Wir wurden eben daran gewöhnt, im lauen Mief der Nachblähungen Frankfurter Schulhülsenfrüchte das Denken zugunsten solcher sich nur noch aus Minimalhirnströmen speisender Argumentationssurrogate Marke Augstein und Co. aufzugeben. Das ist in der Tat das Ergebnis eines jahrzehntelangen Umerziehungsprojekts, allerdings keiner kulturellen Neu-, sondern Asbach-Uraltausrichtung. Wenn Lenin das noch erleben könnte: soviele nützliche Idioten, die sich schon seit Jahren geistig keinen Millimeter mehr von der Stelle bewegt haben, sondern immer dieselben schimmligen altlinken Parolen paraphrasieren. Aber selbst ich als entschiedener Antimarxist muss dem Vielgescholtenen ja eines lassen: Im Vergleich zu den Ergüssen von Augstein und Konsorten sind Marx´ Schriften tatsächlich eine Offenbarung. Das ist ja das Schlimme.


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